Wolodymyr Selenskyj | dpa

Selenskyj zum Getreideabkommen Viel Lob, aber auch viel Skepsis

Stand: 23.07.2022 08:58 Uhr

Das Getreideabkommen entspreche ganz den ukrainischen Interessen, erklärte Präsident Selenskyj in seiner Videobotschaft. Zugleich hält er weitere Provokationen Russlands für möglich. Skeptischer äußerte sich Außenminister Kuleba.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat das Abkommen begrüßt, das den Export von Getreide aus der Ukraine über das Schwarze Meer ermöglichen soll. Die einzelnen Punkte des unterzeichneten Dokuments entsprächen "voll und ganz den Interessen der Ukraine", sagte Selenskyj in seiner Videoansprache. "Jetzt können wir nicht nur die Arbeit unserer Häfen am Schwarzen Meer wiederaufnehmen, sondern auch den erforderlichen Schutz für sie aufrechterhalten."

Selenskyj sagte weiter, die Ukraine könne nun insgesamt 20 Millionen Tonnen Getreide aus der Ernte des Vorjahres exportieren. Es seien Vorräte im Wert von rund zehn Milliarden US-Dollar eingelagert.

Zuvor hatten sich die Kriegsparteien fast fünf Monate nach dem russischen Überfall auf die Ukraine erstmals auf eine größere Übereinkunft verständigt: Getreideexporte aus der Ukraine über das Schwarze Meer, die Russland derzeit blockiert, sollen wieder möglich werden.

Humanitärer Korridor im Schwarzen Meer

Unter UN-Führung sollen Vertreter der Länder aus einem Kontrollzentrum in Istanbul zusammen mit der Türkei einen humanitären Korridor im Schwarzen Meer abstecken und überwachen.

Wird das Abkommen halten?

Allerdings zweifelt die ukrainische Regierung, ob sich Russland an die Vereinbarung halten wird. "Ich drücke die Daumen, dass es funktioniert, dass Schiffe Getreide auf die Weltmärkte bringen und die Preise runtergehen und Leute etwas zu essen haben. Aber ich bin sehr vorsichtig, weil ich kein Vertrauen in Russland habe", sagte Außenminister Dmytro Kuleba.

Auch Selenskyj äußerte sich skeptisch: "Es ist jedem klar, dass es Provokationen von Seiten Russlands geben könnte, Versuche, die ukrainischen und internationalen Bemühungen zu diskreditieren", sagte er. "Aber wir vertrauen den UN."

EU und USA begrüßen Einigung

Auch EU-Ratspräsident Charles Michel begrüßte das Abkommen zu den Getreideexporten. "Dieses Abkommen kann Millionen von Menschen auf der ganzen Welt zugute kommen", schrieb der Belgier auf Twitter.

Der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell sprach von einem "Schritt in die richtige Richtung". Zugleich forderte er, das Abkommen schnell umzusetzen. "Durch Russlands illegale Invasion in die Ukraine sind Millionen von Menschen vom Hunger bedroht."

Auch US-Außenminister Antony Blinken begrüßte die Einigung und verlangte zugleich eine rasche Umsetzung. "Die Hungernden der Welt können nicht warten, und wir erwarten, dass die Umsetzung der heutigen Vereinbarung zügig beginnt und ohne Unterbrechung oder Einmischung erfolgt", teilte er mit.

Ein Ende der Blockade der ukrainischen Agrarexporte durch das Schwarze Meer sei nur einer der vielen Schritte, die Russland unternehmen müsse, um sicherzustellen, dass die Lebensmittel aus der Ukraine auf die Weltmärkte gelangten. "Solange Russland seine ungerechtfertigte und brutale Aggression gegen die Ukraine fortsetzt, wird die weltweite Ernährungssicherheit gefährdet bleiben", sagte Blinken.

"Willkommene Entwicklung" für Afrika

Und auch die Afrikanische Union (AU) begrüßte das Abkommen. Die Einigung sei eine "willkommene Entwicklung" für Afrika, teilte die AU mit. Der afrikanische Kontinent ist von den infolge des Ukraine-Kriegs stockenden Lieferungen besonders betroffen. Viele afrikanische Länder importieren mehr als die Hälfte ihres Weizens aus Russland oder der Ukraine. Die Vereinten Nationen hatten deshalb vor massiven Hungersnöten gewarnt.

Zugeständnisse an Russland

Für seine Zustimmung zum Istanbul-Abkommen wurden der russischen Seite Zugeständnisse gemacht. Das Land und die UN unterschrieben eine separate Absichtserklärung, die laut UN helfen soll, auch russische Lebensmittel und Dünger leichter zu exportieren.

Dafür würden die UN ein Team zusammenstellen, das mit Ländern und Organisationen verhandelt, die Sanktionen gegen Russland verhängt haben. Mit ihnen soll an Lösungen für die bessere Ausfuhr der Produkte gearbeitet werden, ohne Sanktionen zu lockern.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 22. Juli 2022 um 21:50 Uhr und tagesschau24 am 23. Juli 2022 um 09:00 Uhr.