Ein Kämpfer der ostukrainischen Separatisten hockt in Kampfposition in einem Schützengraben bei Donezk | via REUTERS

Ostukraine Die Angst ist zurück

Stand: 23.09.2021 13:41 Uhr

Im Osten der Ukraine vermerken Beobachter täglich Dutzende Verstöße gegen den Waffenstillstand. Derzeit wird wieder deutlich mehr geschossen, es gibt wieder zivile Opfer. Droht eine neue heiße Phase des Konflikts?

Von Christina Nagel, ARD-Studio Moskau 

Es ist noch kein Jahr her, da begrüßten die Außenministerien Deutschlands und Frankreichs in einer gemeinsamen Erklärung die Fertigstellung eines neuen Übergangspunktes im Osten der Ukraine in der Region Luhansk. In der Kleinstadt Schtschastja sollte es - wie auf dem Pariser Gipfel 2019 vereinbart - künftig möglich sein, zwischen dem ukrainischen Mutterland und der selbsternannten Republik Luhansk hin und her zu pendeln, um den Menschen auf beiden Seiten der Konfliktlinie das Leben ein bisschen leichter machen.

Christina Nagel ARD-Studio Moskau

Der Übergang aber ist bis heute blockiert. Inzwischen hält nicht einmal mehr der Waffenstillstand. Der Krieg ist zurück in der Stadt. In der vergangenen Woche wurde sie zum ersten Mal seit fünf Jahren wieder beschossen.

"Zynisch ist, dass der Beschuss genau um 7:30 Uhr und 7:40 Uhr stattfand, also zu einem Zeitpunkt, an dem die Kinder zur Schule gehen", erklärt der örtliche Verwaltungschef Olexandr Dunez, der bei dem Beschuss leicht verletzt wurde. Er war gerade dabei, die Schäden zu inspizieren, die durch einen ersten Beschuss kurze Zeit vorher entstanden waren. Zum Glück, sagte er im Sender "Ukraine 24", habe es keine Toten gegeben. Denn zivile Opfer gibt es wieder. Elf Tote waren nach Angaben der OSZE allein im August zu beklagen.

Im Dorf Novhorodske in der Region Donezk (Ukraine) schiebt ein Mann sein Fahrrad an einem bewaffneten Soldaten vorbei | REUTERS

Auch sieben Jahre nach Beginn des Konflikts um die Ost-Ukraine ist die Region weit von einer verlässlichen Ruhe entfernt - in vielen Dörfern und Kleinstädten ist der Konflikt immer noch allgegenwärtig. Bild: REUTERS

Steigende Verluste auf beiden Seiten

Hinzu kommen steigende Verluste auf Seiten der ukrainischen Armee, aber auch bei den Separatisten. Das russische Staatsfernsehen berichtet von Angriffen auf Dörfer und Städte in den besetzten Gebieten, auf zivile Infrastruktur.

Und auf "Radio Liberty Ukraine" spricht eine Frau aus Schtschastja über die Angst der Bewohner, die nach den Ereignissen der Jahre 2014 und 2015 zwar nie weggewesen sei, aber zuletzt nachgelassen habe. Sie sei jetzt wieder da.

Viele Verstöße gegen Waffenruhe 

Die Sorge, dass der Krieg in eine neue heiße Phase eintreten könnte, treibt die Menschen in der Konfliktzone um. Kaum ein Tag, an dem die OSZE-Beobachtermission nicht Dutzende, meist sogar Hunderte Verstöße gegen den vereinbarten Waffenstillstand registriert, von Schusswechseln bis hin zu Explosionen.

In der Regel, berichtet einer der Soldaten des ukrainischen Militärs im 5. Kanal, werde morgens geschossen - wenn es zu dämmern beginnt, und dann am Abend, wenn es langsam dunkel wird. Die Stellungen, sagt einer anderer Soldat, lägen wieder dicht beieinander.

Ukrainische Soldaten laden ihre Waffen in einem Schützengraben bei Volnovacha (Region Donezk) | AFP

Schusswechsel vor allem morgens und abends - die Kämpfe entlang der Demarkationsline in der Ost-Ukraine nehmen wieder zu. Bild: AFP

Die schweren Waffen sind zurück

Von dem Rückzug der Truppen auf beiden Seiten, der sogenannten Entflechtung, scheint kaum noch etwas übrig zu sein. Auch die schweren Waffen sind längst zurück an der Front. Russland hat zudem entschieden, die OSZE-Beobachtermission an den russischen Grenzkontrollpunkten Gukowo und Donezk nicht mehr zu verlängern. Sie läuft Ende des Monats aus.

Die Umsetzung des Minsker Abkommens, das eigentlich zu einer Befriedung des Konfliktes führen sollte, stockt nicht nur. Aus mühsam errungenen Fortschritten sind inzwischen wieder Rückschritte geworden.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 23. September 2021 um 06:30 Uhr.