Ein ukrainischer Soldat steht auf einem schwer beschädigten russischen Kampfpanzer. Das Foto soll nahe Isjum entstanden sein. | AFP
Interview

Offensive der Ukraine "Das kann ein Wendepunkt werden"

Stand: 12.09.2022 20:29 Uhr

Warum ist die Gegenoffensive der Ukraine erfolgreich? Taktik, Überraschungsmoment und westliche Waffen seien wichtig, sagt NDR-Militärexperte Andreas Flocken. Im Interview erklärt er, wie Russland reagieren kann und was für die Ukraine nun wichtig wird.

tagesschau24: Viele Militärexperten sagen, die Ukrainer müssten im Verhältnis 3:1 überlegen sein, um eine erfolgreiche Offensive starten zu können. Obwohl diese zahlenmäßige Überlegenheit nicht vorhanden ist, ist ja offensichtlich doch eine Offensive gelungen. Wie ist das zu erklären?

Andreas Flocken: Wie die Kräfteverhältnisse genau sind, wissen wir nicht. Aber richtig ist natürlich, dass die Ukrainer vor allem das Überraschungsmoment auf ihrer Seite gehabt haben. Die ukrainischen Streitkräfte haben vorher schon - was man gehört hat - versucht, die russischen Streitkräfte an ihren schwächsten Stellen zu treffen. Das heißt, man hat über Aufklärungsmissionen, über Drohnen versucht festzustellen, wo die russischen Streitkräfte schlecht aufgestellt sind. Und wenn man dann festgestellt hat, diese Ortschaft oder dieses Dorf wird von einer Kompanie russischer Soldaten verteidigt, dann kann man immer noch drei eigene Kompanien zusammenführen und dann diese Stellung angreifen. Dann hätte man eine regionale oder lokale Überlegenheit auch geschafft. Aber auch das Überraschungsmoment kann schon viel bringen. Es kommt immer auf die Situation an.

NDR-Militärexperte Andreas Flocken
Zur Person

Andreas Flocken ist beim Norddeutschen Rundfunk Redakteur mit dem Schwerpunkt Sicherheitspolitik. Er ist verantwortlich für die Sendung "Streitkräfte und Strategien" und - zusammen mit Carsten Schmiester - Host des gleichnamigen Podcasts.

tagesschau24: Wie erklären Sie sich dieses Überraschungsmoment? Würden Sie sagen, dass die Kommunikation auf ukrainischer Seite gut geklappt und die Russen nicht damit gerechnet haben?

Flocken: Ich denke schon, dass die ukrainischen Streitkräfte gut kommuniziert haben. Hinzu kommt auch noch eine gute Planung und eine gute Operationsführung. Möglicherweise haben die russischen Streitkräfte nicht damit gerechnet, dass die Ukraine im Nordosten angreifen würde, so ist jedenfalls die Spekulation. Denn es war immer die Rede davon, dass eine große Gegenoffensive im Süden im Raum Cherson gestartet worden ist. Deswegen haben die russischen Streitkräfte sogar einen Teil ihrer Truppen vom Osten in den Süden verlegt.

Das heißt: Im Osten traten Lücken auf. Das hat es möglicherweise für die Ukrainer etwas einfacher gemacht. Denn diese Lücken, so heißt es, sind durch Freiwilligenverbände und relativ junge Soldaten gefüllt worden, die noch keine Kampferfahrung haben, deren Gefechtswert, wie die Militärs sagen, eher gering ist. Das kann erheblich dazu beigetragen haben, dass dieses Überraschungsmoment geglückt ist. Aber auch die Operationsführung auf ukrainischer Seite hat vermutlich wesentlich dazu beigetragen: dass man flexibel ist, dass man gesehen hat, wo die Schwächen in der russischen Verteidigungsstellung sind. Und dann hat man eben die eigenen Kräfte dorthin dirigiert und dann dort angegriffen, offenbar mit Erfolg,

tagesschau24: Was gehört aus Ihrer Sicht noch zur Taktik der Ukraine?

Flocken: Die Ukrainer versuchen schon seit geraumer Zeit, tief im Hinterland die Munitionslager, die Kommandozentralen und logistischen Zentren der russischen Truppen anzugreifen und zu zerstören - was erst möglich geworden ist durch die Raketenartillerie wie die HIMARS-Mehrfachraketenwerfer, die aus Sicht der Ukraine ein großer Gewinn sind, weil sie eben dazu geführt haben, dass man auch tief im Hinterland zuschlagen kann.

Es führt auch dazu, dass es über mittlere Sicht auch den Verbänden und den Kompanien, die vorne in der Frontlinie sind, an Nachschub, an Munition mangelt. Da versuchen die Ukrainer von vornherein, diese Schwachpunkte zu treffen, und das haben sie offenbar auch im Osten getan.

"Die Unterstützung des Westens ist ganz wichtig"

tagesschau24: Welche Rolle spielt aus ihrer Sicht die Unterstützung des Westens?

Flocken: Die Unterstützung des Westens ist ganz wichtig. Ohne eine Unterstützung der westlichen Länder wäre so etwas gar nicht möglich gewesen. Da sind zum einen Waffensysteme: Wie die "Panzerhaubitze 2000", die von Deutschland und von den Niederlanden geliefert worden ist, das sind die Mehrfachraketenwerfer aus den USA, die HIMARS, und auch die Bundeswehr hat drei Mehrfachraketenwerfer vom Typ "Mars" geliefert. Gleiches gilt für die Briten und die Norweger.

Dazu kommt Munition, denn der Munitionsverbrauch ist enorm. Und vor einigen Wochen hatte es noch geheißen, dass die russischen Streitkräfte bei der Artilleriemunition erheblich überlegen seien. Zumindest bei dieser Offensive hat sich gezeigt, dass es auch anders geht, das mit den vorhandenen Mitteln und den westlichen Mitteln eine Offensive geführt werden kann. Mit Erfolg, wie wir jetzt wissen.

tagesschau24: Spielen da auch noch andere Faktoren eine Rolle wie zum Beispiel die Lieferung moderner Waffen?

Flocken: Die Frage der Taktik und des Vorgehens spielt eine Rolle - und die Kampfmoral. Es liegt auf der Hand, dass die Ukrainer, die ihr Land verteidigen, ganz anders motiviert sind als die Angreifer. Wir hören immer wieder, dass es Befehlsverweigerung auf russischer Seite gegeben hat, dass die russischen Truppen nicht richtig motiviert sind.

Überhaupt haben die russischen Streitkräfte im Augenblick ein riesiges Problem mit ihrem Personal. Sie brauchen Freiwillige und müssen sie rekrutieren, weil Putin bisher nicht die Generalmobilmachung ausgerufen hat. Damit will er nach außen zeigen, dass hier kein Krieg geführt wird, sondern nur eine Spezialoperation, wie es offiziell aus russischer Sicht heißt. Deswegen werden offiziell auf russischer Seite nur Freiwillige eingesetzt, keine Wehrpflichtigen, weil das aus Sicht des Kreml wohl zu einer Beunruhigung der russischen Bevölkerung führen könnte.

tagesschau24: Kann man daraus schließen, dass die Stärken der russischen Streitkräfte dann deutlich abgenommen haben?

Flocken: Die russischen Streitkräfte haben enorme Verluste erlitten. Westliche Experten gehen davon aus, dass inzwischen bis zu 80.000 Soldaten getötet oder verwundet worden sind. Das sind erhebliche Verluste, und die russischen Streitkräfte haben Probleme, diese zu ersetzen. Nun gibt es Bemühungen, in Russland Freiwilligenbataillone aufzustellen mit finanziellen Anreizen. Es wird viel Geld gezahlt, man redet davon, dass pro Monat bis zu 5000 Euro gezahlt werden sollen. Das ist viel Geld in Russland. Trotzdem ist es mit der Rekrutierung weiterhin ein Problem.

Ukrainische Soldaten sortieren Munition und Waffen, die von russischen Soldaten zurückgelassen worden sein sollen. | REUTERS

Russische Soldaten sollen große Mengen Munition, Waffen und Ausrüstung zurückgelassen haben. Diese ukrainischen Soldaten sortieren Beutewaffen und -munition. Bild: REUTERS

"Es ist mit stärkeren Luftangriffen zu rechnen"

tagesschau24: Welche militärischen Optionen hat Putin, jetzt auf diese auf diesen ukrainischen Vormarsch zu reagieren?

Flocken: So viele Optionen hat Putin gar nicht. Wir haben ja unmittelbar nach der erfolgreichen Offensive gesehen, dass die Infrastruktur angegriffen worden ist. Die Ukraine hatte stundenlang keinen Strom, kein Wasser. Große Teile des Landes waren davon betroffen. Es ist damit zu rechnen, dass es noch stärkere Luftangriffe geben wird durch Raketen oder auch Kampfflugzeuge, und das wäre ein Schritt zur Eskalation.

Es könnte auch sein, dass man im Norden wieder eine Front eröffnet, möglicherweise mit Einheiten aus Belarus. Aber das ist vermutlich sehr riskant und derzeit nicht wahrscheinlich. Man muss sehen, ob Russland sich noch mal neu aufstellt, um dann zurückzuschlagen. Denn richtig ist: Im Augenblick sind die russischen Streitkräfte nicht in der Lage, ihr Hauptziel, nämlich den Donbass zu kontrollieren, vor diesem Hintergrund weiterzuverfolgen, weil jetzt wichtige Logistikzentren und Städte wie Isjum unter ukrainischer Kontrolle sind.

tagesschau24: Es mehren sich auch Stimmen, die eine Lieferung moderner westlicher Kampfpanzer fordern. Welchen Unterschied könnte aus ihrer Sicht denn neues Militärgerät machen?

Flocken: Bei westlichen Kampf- und Schützenpanzern ist für die Ukrainer interessant, dass diese eine hohe Feuerkraft haben und in flachen und offenem Gelände sehr beweglich sind. Deswegen wünscht sich die Ukraine immer wieder diese Waffensysteme. Aber die Bundesregierung sagt, sie möchte nicht im Alleingang "Leopard"-Kampfpanzer oder "Marder"-Schützenpanzer liefern. Aber der Druck wird stärker. Wenn auch andere westliche Staaten das machen würden oder man zu einer Vereinbarung käme, dann könnte es durchaus zu einer Lieferung kommen. Das wäre natürlich für Kiew eine große Hilfe.

tagesschau24: Würden Sie sagen, das war ein Wendepunkt bei den Kampfhandlungen?

Flocken: Mir wäre es zu früh, jetzt schon vom Wendepunkt zu sprechen, aber es kann ein Wendepunkt werden. Vorerst halte ich das für eine neue Phase des Krieges. Die Ukraine muss erst noch zeigen, ob sie in der Lage ist, dieses Momentum weiterzuentwickeln und vor allem die gewonnenen Räume zu halten. Dazu braucht sie Soldaten. Hier kann sich dann zeigen, ob ein Wendepunkt erreicht wurde.

Das Gespräch führte Damla Hekimoglu

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 12. September 2022 um 20:00 Uhr.