Rafael Mariano Grossi | AP

Atomkraftwerke im Kriegsgebiet "Die Lage in der Ukraine ist beispiellos"

Stand: 02.03.2022 20:07 Uhr

Die Internationale Atomenergiebehörde hat angekündigt, der Ukraine bei der Sicherung ihrer Nuklearanlagen zu helfen. Doch wie können die Anlagen im Krieg dauerhaft geschützt und betrieben werden?

Von Wolfgang Vichtl, ARD-Studio Wien

Der Krisenstab der internationalen Atomenergiebehörde IAEA sei in ständigem Kontakt mit den Belegschaften der vier Atomkraftwerke in der Ukraine, sagt Rafael Grossi, der Generaldirektor der IAEA, in Wien. Voller Hochachtung für das ukrainische Personal, das die insgesamt 15 Reaktoren in den vier Anlagen in der Ukraine bis jetzt sicher am Laufen hält. Das ist die gute Nachricht, die er verbreiten will: Die Atomkraftwerke in der Ukraine arbeiteten normal. Dann aber stockt Grossi. "Während wir Ausdrücke wie 'normal' benutzen (...), möchte ich betonen, dass nichts normal ist unter diesen Umständen", so der IAEA-Generaldirektor, der sich vor wenigen Tagen noch vor allem ums Krisenmanagement der Atomgespräche mit dem Iran gekümmert hat. Jetzt der Krieg in der Ukraine, der russische Angriff, Raketenbeschuss, eines der größten Atomkraftwerke des Landes schon besetzt von russischen Truppen.

Wolfgang Vichtl ARD-Studio Wien

Erstmals große Atomanlagen betroffen

"Die Lage in der Ukraine ist beispiellos", so Grossi weiter. Er sei weiter ernsthaft besorgt. Es sei das erste Mal, dass ein "militärischer Konflikt" - Grossi vermeidet auch in der Pressekonferenz bei allen Nachfragen das Wort "Krieg" - inmitten eines Gebietes mit großen Atomanlagen ausgetragen wird, einschließlich des Sperrgebietes rund um die Kraftwerksruine Tschernobyl.

Die Ukraine hat um Hilfe gebeten, sie bekommt Hilfe, sagt Grossi. Details wollte er nicht nennen, noch nicht. Die größten Gefahren? Beschuss eines der Kraftwerke? Das erwarte er nicht, auch die Russen würden das Risiko kennen. Technische Fehler im Betrieb, weil die Mitarbeiter ohne Pause am Rand der Erschöpfung arbeiten? Schon eher. Deshalb der ständige Kontakt mit ihnen. Unterbrochene Stromversorgung, die Brennstäbe könnten nicht mehr gekühlt werden, wie in Fukushima? Auch diese Gefahr argumentiert Grossi weg. Man habe aus Fukushima gelernt, dort kam alles ganz plötzlich, mit dem Tsunami. Wenn das passiert, habe man in der Ukraine genügend Zeit das Problem zu lösen. Soweit die durchgespielten Krisenszenarien.

Vorsichtige Worte dominieren

Was unberechenbar bleibt, ist der Krieg. Das ist die Botschaft hinter den Statements: Nichts ist wirklich sicher. Deshalb der dringende Appell des IAEA-Chefs, den "militärischen Konflikt", wie er der "Krieg" beharrlich diplomatisch nennt, sofort zu beenden.

Für schärfere Worte hat ihm auch der Gouverneursrat der IAEA - Vertreter von 35 Nationen sitzen da - kein Mandat gegeben. Eine Russland-kritische Resolution ist in Arbeit, war erwartet worden, wird aber gerade "verwässert", streuen Diplomaten. Aber wenigstens ein Gerücht will der IAEA-Generaldirektor am Ende noch zurückweisen - in die Welt gesetzt wurden die Fake News von Russlands Außenminister Sergej Lawrow. Nein! Die Ukraine habe kein atomwaffenfähiges Material angereichert, sagt Grossi noch ganz zum Schluss, aber sehr klar: "Wir haben keine Informationen, die in Frage stellen würden", dass sich die Ukraine an den Atomwaffensperrvertrag hält.

Hinweis der Redaktion: Dieser Beitrag wurde aufgrund eines Übersetzungsfehlers nachträglich bearbeitet.

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 02. März 2022 um 21:50 Uhr.