Rauch steigt über einem Stahlwerk in Mariupol auf, Bild vom 20.04.22 | REUTERS

Hafenstadt Mariupol Einige Zivilisten können Stahlwerk verlassen

Stand: 01.05.2022 12:42 Uhr

Mehr als 1000 Zivilisten sind im Asow-Stahlwerk in Mariupol von russischen Truppen umzingelt. Einige von ihnen konnten nun offenbar das Gelände verlassen. Russland scheint sich an eine zuvor vereinbarte Waffenruhe zu halten.

Im Gebiet rund um das belagerte Asow-Stahlwerk in der ukrainischen Hafenstadt Mariupol sind russischen Angaben zufolge insgesamt 46 Zivilisten evakuiert worden. Russische Agenturen hatten am Samstag zunächst von 25 Menschen berichtet, die tagsüber das Werksgelände in der völlig zerstörten Metropole am Asowschen Meer verlassen hätten. Mit Einbruch der Dunkelheit sei weiteren 21 Menschen die Flucht aus an das Werk grenzenden Häusern gelungen, teilte das russische Verteidigungsministerium nun der Agentur Interfax zufolge mit.

Das ukrainische Asow-Regiment, dessen Kämpfer sich ebenfalls in dem Stahlwerk verschanzt haben, sprach zuletzt von 20 Frauen und Kindern, die evakuiert worden seien. Die Menschen, darunter Frauen und Kinder, seien zu einem vereinbarten Ort gebracht worden, so der Vize-Kommandeur des Asow-Regiments, Swjatoslaw Palamar. Seine Einheit verteidigt das Stahlwerk gegen russische Truppen. Palamar äußerte die Hoffnung, dass die Menschen nach Saporischschja in von der Ukraine kontrolliertes Gebiet gebracht werden können.

Ukrainischen Angaben zufolge sollen in den Bunkeranlagen des Stahlwerks insgesamt etwa 1000 Zivilisten Zuflucht gesucht haben und nun eingeschlossen sein. Russland spricht von etwa 2500 ukrainischen Militärs und ausländischen Söldnern, die sich dort gemeinsam mit Zivilisten verschanzt haben sollen. Diese lehnen eine Kapitulation und eine Aufgabe der strategisch wichtigen Stadt am Asowschen Meer, die großteils bereits von den Russen eingenommen ist, bislang ab.

Waffenruhe wird offenbar eingehalten

Das Asow-Regiment durchsuche das Industriegelände nach weiteren Zivilisten und hoffe, dass sie alle in Sicherheit gebracht werden könnten, sagte Kommandeur Palamar. Eine Evakuierung von Verletzten sei vorerst jedoch nicht geplant. Nach Angaben des Asow-Regiments soll Russland auch Samstagnacht das Werksgelände mit Artillerie beschossen haben. Eine Waffenruhe, die für 6 Uhr morgens vereinbart gewesen sei, habe erst fünf Stunden später begonnen, werde jedoch seither eingehalten.

Das Stahlwerksgelände ist die letzte Bastion des ukrainischen Widerstands in der Hafenstadt Mariupol, die durch Angriffe Russlands weitgehend zerstörten wurde. Vor Beginn der russischen Invasion lebten dort eine halbe Million Einwohner.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

UN drängte auf Fluchtroute

Kiew und Moskau hatten sich zuletzt unter Vermittlung von UN-Generalsekretär António Guterres bereit erklärt, eine Fluchtroute für die Zivilisten einzurichten. Größere Evakuierungserfolge gab es bislang aber nicht. Mehr als neun Wochen nach Beginn des russischen Angriffskriegs gilt die Lage der im Asowstal-Werk eingeschlossenen Menschen als katastrophal.

Über dieses Thema berichtete die Tagesschau in 100 Sekunden am 01. Mai 2022 um 04:48 Uhr.