Eine Frau sitzt in Mariupol vor ausgebrannten Wohnhäusern auf einem Stuhl. | AP

Krieg in der Ukraine Warnung vor Cholera in Mariupol

Stand: 28.04.2022 15:32 Uhr

Der Stadtrat von Mariupol warnt in Folge der schweren Kämpfe vor einem Cholera-Ausbruch. Unterdessen gehen die russischen Angriffe auf das Stahlwerk Asowstal weiter. Die eingeschlossenen Soldaten baten eindringlich um Hilfe.

Ukrainische Behörden haben wegen der unhygienischen Bedingungen in der kriegsverwüsteten Hafenstadt Mariupol Alarm geschlagen. Von den Zuständen gehe eine tödliche Gefahr aus, erklärte der Stadtrat auf Telegram und warnte, dass "tödliche Epidemien in der Stadt ausbrechen können, weil es an einer zentralen Wasserversorgung und Kanalisation mangelt, Tausende Leichen unter den Trümmern verwesen und ein katastrophaler Mangel an Trinkwasser und Nahrungsmitteln herrscht."

100.000 in Mariupol verbliebene Menschen könnten in Gefahr sein, an Cholera oder Ruhr zu erkranken. In dem Telegram-Beitrag wurde Bürgermeister Wadym Bojtschenko mit den Worten zitiert, "die Invasoren sind nicht in der Lage, die verbleibende Bevölkerung mit Nahrung, Wasser und Medikamenten zu versorgen - oder sie sind schlicht nicht daran interessiert." Er sagte, die Lebensbedingungen in Mariupol seien nun mittelalterlich, "eine sofortige und vollständige Evakuierung ist erforderlich."

Vor dem Krieg hatte die Stadt eine Bevölkerung von etwa 450.000 Einwohnern. Nach wochenlangen erbitterten Kämpfen kontrolliert nun die russische Armee die Stadt am Asowschen Meer. Viele Gebäude und die Infrastruktur wurden bei den Gefechten und durch Artilleriebeschuss sowie Luftangriffe zerstört.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Satellitenbilder zeigen Angriffe auf Stahlwerk

Unterdessen wurde der Beschuss Mariupols durch russische Streitkräfte offenbar fortgesetzt. Neue Satellitenaufnahmen belegen heftige Angriffe auf die Industrieanlagen des Stahlwerks Asowstal. Die Bilder des Unternehmens Planet Labs zeigen, dass ein zentrales Gebäude in dem weitläufigen Komplex durch Beschuss schwer beschädigt wurde.

Satellitenbilder des Unternehmens Planet Labs PBC zeigen das umkämpfte Stahlwerk in Mariupol. | dpa

Satellitenbilder des Unternehmens Planet Labs PBC zeigen das umkämpfte Stahlwerk in Mariupol. Bild: dpa

Dramatischer Hilfsappell

Das in dem Stahlwerk eingeschlossene ukrainische Asow-Regiment forderte die Regierung in Kiew in einem dramatischen Appell zur Hilfe auf: "Ich rufe die militärisch-politische Führung auf, entscheidende Schritte zu unternehmen, um die Blockade zu durchbrechen oder alle zu evakuieren, die auf ihr Vaterland hoffen und daran glauben", sagte Vizekommandeur Swjatoslaw Palamar in einer Videobotschaft.

Palamar sagte, die Kämpfer fragten sich zunehmend, warum Kiew Versprechen nicht halte. "Wer kann das beantworten: Warum stehen wir alleine gegen Artillerie, Schiffe und Flugzeuge?" In den Bunkeranlagen unterhalb des Werks sollen sich nach ukrainischen Angaben außer zahlreichen Kämpfern auch etwa 1000 Zivilisten aufhalten.

"Werden so lange kämpfen, wie wir müssen"

In einem Interview, das Palamar der Nachrichtenagentur Reuters per Videokonferenz gab, sagt er: "Natürlich sind unsere Ressourcen nicht unendlich, und sie werden mit jedem Tag intensiver Kämpfe knapper. Die Lage ist schwierig, aber wir werden so lange kämpfen, wie wir müssen." Sie hätten noch Hunderte von Kämpfern. Es gebe mehr als 500 verletzte Kämpfer, von denen sich einige in einem ernsten Zustand befänden: "Wir haben nicht die Voraussetzungen, um sie zu behandeln und wirklich schwierige Operationen durchzuführen. Die Medikamente gehen zur Neige, das Verbandsmaterial, die Lebensmittel und das Wasser."

Russland will nach Angaben des ukrainischen Gouverneurs der Region Donezk die verbliebenen Kämpfer im Gelände des Stahlwerks Asowstal gefangen nehmen. Deswegen seien die Russen auch nicht zu Evakuierungen etwa von verletzten ukrainischen Soldaten bereit, sagte Pawlo Kyrylenko.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk in der Sendung "Informationen am Morgen" am 28. April 2022 um 06:27 Uhr.