Rauch steigt über dem belagerten Stahlwerk Asowstal in Mariupol auf. (4.5.2022)  | AP

Belagerte Stadt Mariupol Ukraine meldet neue Angriffe auf Asowstal

Stand: 05.05.2022 11:52 Uhr

Trotz angekündigter Feuerpause meldet die Ukraine wieder Angriffe auf das belagerte Stahlwerk. Bislang konnten nach UN-Angaben mehr als 300 Menschen aus Mariupol und anderen Städten in der Region in Sicherheit gebracht werden.

Nach Angaben des ukrainischen Militärs haben die russischen Truppen erneut versucht, das Stahlwerk Asowstal in der südukrainischen Hafenstadt Mariupol zu erstürmen. "Mit Unterstützung der Luftwaffe hat der Gegner seinen Angriff mit dem Ziel erneuert, das Fabrikgelände unter seine Kontrolle zu bringen", teilte der ukrainische Generalstab am Morgen in seinem Lagebericht mit. In dem Stahlwerk haben neben den ukrainischen Kämpfern Schätzungen zufolge auch noch bis zu 200 Zivilisten Zuflucht gesucht.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Feuerpause angekündigt

Für die kommenden Tage kündigte Russland eine tägliche, auf mehrere Stunden begrenzte Feuerpause an, damit diese Menschen sich in Sicherheit bringen können. Nach Angaben der russischen Regierung soll bis Sonntag zu bestimmten Tageszeiten ein Fluchtkorridor für Zivilisten eingerichtet werden. In der bei Telegram veröffentlichten Erklärung hieß es, der Korridor werde durch die russischen Streitkräfte und deren Verbündete eröffnet. Die Streitkräfte würden in der Zeit von militärischen Handlungen absehen, sich in eine sichere Distanz zurückziehen und Zivilisten den Rückzug zu einem selbst gewählten Ziel erleichtern.

Es gab jedoch keine Bestätigung aus anderen Quellen für das Vorgehen. Ähnliche Versprechen zur Einrichtung von Fluchtkorridoren wurden in der Vergangenheit nicht eingehalten.

Auch die Ukraine ist nach den Worten des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj bereit, einen Waffenstillstand in Mariupol zu gewährleisten, um den verbliebenen Zivilisten die Flucht zu ermöglichen.

UN: Mehr als 300 Menschen evakuiert

Nach Angaben der Vereinten Nationen sind aus Mariupol und vier weiteren Städten in der Region mittlerweile mehr als 300 Zivilisten evakuiert worden. Die Menschen seien ins von ukrainischen Truppen gehaltene Saporischschja gebracht worden, sagte Osnat Lubrani, die UN-Nothilfekoordinatorin. Es war die zweite erfolgreiche Evakuierungsaktion.

Lubrani ergänzte, viele der Zivilisten aus Mariupol, Manhusch, Berdjansk, Tokmak und Wasyliwka seien mit nichts außer der Kleidung an ihren Leibern herausgekommen und bekämen nun humanitäre Unterstützung. Auch dringend benötigte psychologische Hilfe erhielten die Menschen.

Selenskyj bestätigte, die 344 gestern Evakuierten kämen zu den mehr als 150 Menschen hinzu, die erst diese Woche aus Asowstal-Bunkern herausgeholt worden seien. Die stellvertretende ukrainische Ministerpräsidentin Iryna Wereschtschuk berichtete im Onlinedienst Telegram von insgesamt 334 aus Mariupol und Umgebung geretteten Menschen.

Russisches Militär: Angriffe auf Kirowohrad und Mykolajiw

Derweil setzt das russische Militär nach eigenen Angaben seine Angriffe fort und beschießt strategisch wichtige Ziele in ukrainischen Großstädten. "Mit Hochpräzisionsraketen wurde auf dem Militärflughafen Kanatowo nahe Kirowohrad Flugzeugtechnik und in der Stadt Mykolajiw ein riesiges Munitionsdepot vernichtet", sagte der Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums, Igor Konaschenkow, in seinem täglichen Lagebericht. Darüber hinaus sei im Kreis Schowtnewe, das ebenfalls zum Gebiet Mykolajiw zählt, ein Treibstofflager der ukrainischen Armee zerstört worden.

Die taktische Luftwaffe und Heeresflieger hätten in der Nacht 93 Militärobjekte beschossen, die Artillerie insgesamt mehr als 500 Ziele. Allein durch den Artilleriebeschuss seien mehr als 600 gegnerische Soldaten und 61 Kampffahrzeuge vernichtet worden, sagte Konaschenkow.

Donezk unter schwerem Beschuss

Gespannt bleibt die Lage auch an anderen Frontabschnitten im Donbass. Demnach stehen die ukrainischen Truppen vor Donezk unter schwerem Beschuss von Artillerie und Luftwaffe. Das russische Militär versucht, weiter Angriffe auf die Städte Liman, Popasna und Sjewjerodonezk zu initiieren. Eigenen Angaben nach konnten die Ukrainer die Angriffe abwehren.

Einen Erfolg meldete der Generalstab von der Südfront: Demnach sei es dort gelungen, dem Gegner die Kontrolle über mehrere Ortschaften an der Grenze zwischen den Gebieten Cherson und Mykolajiw zu entreißen. Details und Ortsnamen nannte die Kiewer Militärführung dabei nicht. Die Angaben lassen sich nicht unabhängig überprüfen.

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. | ISW/04.05.2022

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. Bild: ISW/04.05.2022

Donbass und Luhansk: Tote und Verletzte

Nach dem massiven Beschuss mehrerer ukrainischer Städte im Donbass meldeten die örtlichen Behörden viele Tote und Verletzte unter der Zivilbevölkerung. Nach einem Raketeneinschlag in Kramatorsk gebe es 25 Verletzte, beschädigt worden seien neun Wohnhäuser, die Schule und Objekte der zivilen Infrastruktur, teilte der Leiter der Militärverwaltung des Gebiets Donezk, Pawlo Kyrylenko, auf seinem Telegram-Kanal mit. Nach Kyrylenkos Angaben wurden auch Tschasiw Jar, Marjinka und Awdijiwka beschossen. Dabei habe es in Tschasiw Jar mindestens einen Toten gegeben.

Der Gouverneur der ebenfalls schwer umkämpften Region Luhansk, Serhij Hajdaj, sprach von mindestens fünf Toten durch den Beschuss der Städte Sjewjerodonezk, Lyssytschansk, Hirske und Popasna. Über die Anzahl der Verletzten machte er keine Angaben. Auch hier seien Wohnhäuser und Infrastruktur schwer beschädigt worden, teilte Hajdaj mit.

Russische Grenzregion Belgorod meldet erneut Beschuss

Die ukrainischen Streitkräfte sollen nach russischen Angaben unterdessen wieder Ziele in Russland angegriffen haben. Zwei Orte in der Region um Belgorod in der Nähe der ukrainischen Grenze seien beschossen worden, erklärte der örtliche Gouverneur Wjatscheslaw Gladkow. "Von ukrainischer Seite aus stehen Schurawljowka und Nechotejewka unter Beschuss", teilte Gladkow in seinem Telegram-Kanal mit. Seinen Angaben nach gab es bislang keine Opfer, der Beschuss sei aber noch nicht eingestellt worden.

Die Ortschaften Schurawljowka und Nechotejewka werden von den Behörden nicht das erste Mal als Ziel ukrainischer Angriffe genannt. Bereits am 14. und 25. April sollen beide Gemeinden beschossen worden sein. Damals wurden insgesamt drei Verletzte gemeldet. Insgesamt hat allein das Gebiet Belgorod seit dem von Russland begonnenen Krieg gegen die Ukraine am 24. Februar sechs Angriffe gemeldet, darunter auch die Zerstörung großer Treibstofflager in der Stadt Belgorod selbst. Die Ukraine hatte die Meldungen in der Vergangenheit nicht bestätigt.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 05. Mai 2022 um 17:00 Uhr.