Rauch steigt aus dem Metallurgischen Kombinat Asowstal in Mariupol auf. | dpa

Belagerte Stadt Mariupol Russland sagt neuen Fluchtkorridor zu

Stand: 05.05.2022 04:28 Uhr

Russland hat einen neuen Fluchtkorridor aus dem belagerten Stahlwerk in Mariupol zugesagt. Der ukrainische Präsident Selenskyj hat UN-Generalsekretär Guterres um Hilfe bei den Evakuierungen gebeten.

Aus dem von Russland belagerten Stahlwerk in Mariupol soll nach Angaben der russischen Regierung vom heutigen Donnerstag bis Sonntag zu bestimmten Tageszeiten ein Fluchtkorridor für Zivilisten eingerichtet werden. In der bei Telegram veröffentlichten Erklärung Moskaus hieß es, der Korridor werde durch die russischen Streitkräfte und deren Verbündete eröffnet.

Die russischen Streitkräfte würden am Donnerstag, Freitag und Samstag jeweils von 08.00 bis 18.00 Uhr (07.00 - 17.00 Uhr MESZ) Fluchtkorridore für Zivilisten aus dem Industriekomplex öffnen, so das russische Verteidigungsministerium. In dieser Zeit würden "alle Feindseligkeiten einseitig" eingestellt.

Die Streitkräfte würden in der Zeit von militärischen Handlungen absehen, sich in eine sichere Distanz zurückziehen und Zivilisten den Rückzug zu einem selbst gewählten Ziel erleichtern. Es gab jedoch keine Bestätigung aus anderen Quellen für das Vorgehen. Ähnliche Versprechen zur Einrichtung von Fluchtkorridoren wurden in der Vergangenheit nicht eingehalten. Die Ukraine machte Russland dafür verantwortlich. Ein Sprecher der Vereinten Nationen sagte, die Diskussionen über künftige Evakuierungen dauerten an.

Selenskyj bittet UN um Hilfe

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj rief UN-Generalsekretär António Guterres auf, das Leben der im Asow-Stahlwerk festsitzenden Verletzten zu retten und bei ihrer Evakuierung zu helfen. "Das Leben der Menschen, die noch dort sind, ist in Gefahr. Alle sind für uns wichtig", sagte Selenskyj am Mittwoch in einem Telefongespräch mit Guterres. 

Den Vereinten Nationen und dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) war es in den vergangenen Tagen in einem fünftägigen Evakuierungseinsatz gelungen, mehr als hundert Zivilisten aus dem Stahlwerk zu retten. Bürgermeister Wadym Boitschenko berichtete von anhaltenden heftigen Kämpfen um das Stahlwerk. Der Kontakt zu den dort verschanzten ukrainischen Soldaten sei abgebrochen. Laut Bürgermeister Boitschenko befinden sich noch etwa 200 Zivilisten auf dem Gelände des Asow-Stahlwerks. 

Die stellvertretende ukrainische Ministerpräsidentin Iryna Wereschtschuk berichtete im Onlinedienst Telegram, am Mittwoch seien insgesamt 334 Menschen aus Mariupol und Umgebung gerettet worden. "Das ist ein weiterer kleiner Sieg für uns", schrieb Wereschtschuk.

Selenskyj: Evakuierungen langwierig

Auch die Ukraine ist nach den Worten Selenskyjs bereit, einen Waffenstillstand in Mariupol zu gewährleisten, um den verbliebenen Zivilisten die Flucht zu ermöglichen. Es sei eine längere Feuerpause zur Evakuierung der Menschen nötig. "Es wird einige Zeit dauern, die Menschen aus den Kellern und unterirdischen Bunkern zu befreien. Unter den derzeitigen Umständen können wir keine schweren Geräte einsetzen, um den Schutt wegzuräumen. Es muss alles von Hand gemacht werden", sagt Selenskyj.

Ranghoher Kremlbeamter besucht Mariupol

Unterdessen hat der Vizechef des russischen Präsidialamtes, Sergej Kirijenko, Mariupol besucht. Das berichtete das Oberhaupt der Separatistenrepublik Donezk, Denis Puschilin, auf Telegram. Der frühere russische Regierungschef Kirijenko organisiert im Kreml für Präsident Wladimir Putin die russische Innenpolitik. Den Angaben zufolge besuchte er in Mariupol das Ilitsch-Stahlwerk und den Hafen.

Kirijenko und der Generalsekretär der Kremlpartei Geeintes Russland, Andrej Turtschak, besuchten auch die Stadt Wolnowacha. Die Menschen in der Volksrepublik Donezk verstünden den Besuch des ranghohen Kremlbeamten als Symbol, "dass Russland für immer hierher zurückgekehrt ist", schrieb Puschilin. Kurz vor dem Angriff auf die Ukraine hatte Russland die 2014 abgespaltenen selbsternannten "Volksrepubliken" Donezk und Luhansk in der Ostukraine als unabhängig anerkannt.

Russische Raketenangriffe stören ukrainischen Zugverkehr

Während in Mariupol die Waffen in den kommenden Tagen schweigen sollen, gehen anderswo die Kämpfe weiter. Dabei haben inzwischen insbesondere die wiederholten russischen Raketenangriffe auf Eisenbahnanlagen in der Ukraine den Zugverkehr empfindlich gestört. Nach einem Überblick der staatlichen Bahngesellschaft Ukrsalisnyzja vom späten Abend waren etwa 20 Fernzüge mit Verspätungen von bis zu zwölf Stunden unterwegs.

"Russland versucht, unsere Logistik zu ruinieren, weil sie uns im Felde nicht besiegen können", schrieb der Leiter des ukrainischen Präsidialamtes, Andrij Jermak, auf Telegram. Er bestätigte den Angriff auf ein Objekt der Eisenbahn mitten in der Stadt Dnipro. Nicht verifizierte Videos im Internet ließen vermuten, dass dort eine Eisenbahnbrücke über den breiten Strom Dnipro getroffen worden war. Der Zugverkehr an der Stelle sei eingestellt worden, teilten örtliche Behörden mit.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Russland versucht mit den Angriffen auf die Bahn, den Nachschub an westlichen Waffen für die Ukraine zu unterbrechen. Angesichts der anfliegenden russischen Raketen herrschte fast in allen Teilen der Ukraine am Mittwochabend Luftalarm. Explosionen wurden aus den Gebieten Mykolajiw, Kiew, Tscherkassy und Saporischschja gemeldet.

Russische Streitkräfte in Kaliningrad simulieren Atomangriff

Derweil haben die russischen Streitkräfte in Kaliningrad nach Angaben aus Moskau inmitten der Offensive in der Ukraine Angriffe mit nuklearwaffenfähigen Raketen simuliert. Im Rahmen einer Übung hätten rund hundert Soldaten den "elektronischen Start" von mobilen ballistischen Raketensystemen mit Atomwaffen vom Typ Iskander simuliert, erklärte das Verteidigungsministerium. Die Streitkräfte übten demnach Angriffe auf militärische Ziele eines imaginären Feinds sowie die Reaktion auf einen Gegenschlag.

Der russische Präsident Wladimir Putin hat seit Beginn der Militäroperation in der Ukraine angedeutet, dass er bereit sei, Russlands taktische Atomwaffen einzusetzen. Ende Februar versetzte Russland seine Atomstreitkräfte in höhere Alarmbereitschaft. Der Kremlchef warnte zudem vor einer "blitzschnellen" Vergeltung, falls der Westen direkt in den Ukraine-Konflikt eingreift.

Beobachtern zufolge hat das russische Staatsfernsehen in den letzten Tagen versucht, der Öffentlichkeit den Einsatz von Atomwaffen schmackhaft zu machen. "Seit zwei Wochen hören wir auf unseren Fernsehschirmen, dass die Atomsilos geöffnet werden sollten", sagte der russische Journalist und Friedensnobelpreisträger Dmitri Muratow.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 05. Mai 2022 um 02:00 Uhr.