Ein Video der Stadtverwaltung Mariupol, das eine Expolosion auf dem Gelände des Stahlwerks zeigen soll. | AFP
Interview

Krieg in der Ukraine "Fall Mariupols wäre schwerer Schlag"

Stand: 21.04.2022 13:24 Uhr

Was eine Eroberung Mariupols für den weiteren Kriegsverlauf in der Ukraine bedeutet - und auf welche Taktik Russland im Donbass setzen dürfte, erklärt Politikwissenschaftler Gerhard Mangott im Interview.

tagesschau.de: Nach acht Wochen Krieg befindet sich Mariupol den Berichten nach unter russischer Kontrolle - nur im Stahlwerk sollen sich noch Kämpfer und einige Zivilisten verschanzt haben. Was bedeutet es für den weiteren Verlauf des Krieges, wenn Mariupol fällt?

Gerhard Mangott: Der russische Verteidigungsminister Sergej Schoigu sagte vormittags noch, dass die Eroberung des Stahlwerks Asowstal in den nächsten drei bis vier Tagen erfolgt sein werde und dann tatsächlich Mariupol gefallen sein werde. Präsident Wladimir Putin hat die Erstürmung aber vor Kurzem abgesagt. Stattdessen soll die Anlage abgeriegelt werden; die ukrainischen Soldaten sollen also verhungern oder verdursten, wenn sie sich nicht ergeben.

Wenn Mariupol gänzlich fällt - und das ist wirklich nur eine Frage der Zeit -, dann hat es Russland geschafft, eine geschlossene Landbrücke zwischen der Krim und der Donbass-Region herzustellen. Die Ukraine würde den letzten Hafen am Asowschen Meer verlieren, einen wichtigen Exporthafen, - und es wäre auch ein symbolischer, schwerer moralischer Schlag für die Ukraine. Denn 2015 war es den Ukrainern gelungen, diese von den Separatisten belagerte Stadt militärisch zu halten. Für Russland wäre die Einnahme Mariupols ein wesentlicher strategischer Erfolg, der auch politisch nach Innen vermittelbar ist.

Gerhard Mangott | dpa
Zur Person

Gerhard Mangott ist Professor für Politikwissenschaft mit den Schwerpunkten Internationale Beziehungen und Sicherheit im postsowjetischen Raum an der Universität Innsbruck.

tagesschau.de: Können wir bei den momentanen militärischen Aktivitäten im Donbass, also in den Oblasten Donezk und Luhansk, schon von einer russischen Offensive sprechen?

Mangott: Es ist im Wesentlichen Auslegungssache, ob die Offensive mit ersten Schritten schon begonnen hat oder ob das bislang nur Vorboten sind. Die ukrainische Seite hat vom Beginn dieser Offensive gesprochen, die US-Regierung sagt: Was wir jetzt sehen - diese Artillerieangriffe und Schläge aus der Luft -, seien die Vorboten für eine Großoffensive. Die russische Seite spricht von einer "neuen Phase" der Operation, aber auch noch nicht vom Beginn einer Offensive.

Ich würde dazu neigen zu sagen: Russland bereitet die Großoffensive vor, aber sie ist noch nicht in vollem Gange, weil auch einige der Kampfgruppen Russlands, die aus dem Norden der Ukraine abgezogen wurden, in Russland und Belarus neu ausgerüstet werden - sie sind noch nicht alle im Donbass einsetzbar.

Natürlich spielt hier auch eine Rolle, wie sich der Kampf um Mariupol entwickelt: Dort sind derzeit 16 sogenannte taktische Kampfgruppen Russlands zu jeweils etwa tausend Mann im Einsatz. Einige davon würden nach einer Eroberung Mariupols sicherlich in den Donbass verlagert, um die Offensive zu unterstützen.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

"Donbass-Eroberung das Minimalziel"

tagesschau.de: Olexij Danilow, Sekretär des ukrainischen Sicherheitsrats, warnt vor der Wahrnehmung, dass im Donbass eine Art letzte Schlacht um die Ukraine geschlagen werde - es könnte noch "jede Menge Verschiedenes" kommen. Welche Ziele verfolgt Russland nach zwei Monaten Krieg in der Ukraine?

Mangott: Die Eroberung des gesamten Donbass ist für Russland unmittelbar notwendig, um überhaupt von einem Erfolg seiner sogenannten Spezialoperation sprechen zu können - denn die offizielle Begründung der russischen Regierung für diesen Krieg ist ja, im Donbass sei ein Völkermord an ethnischen Russen und Russischsprachigen im Gange und Russland habe keine andere Wahl, als die Menschen davor zu schützen.

Russland hat die selbsternannten Volksrepubliken Donezk und Luhansk am 21. Februar in den Grenzen der Oblasten anerkannt - also in einem größeren Gebiet als dem, das bislang von den Separatisten kontrolliert wurde; auch Mariupol liegt in der Oblast Donezk. Aus diesen Gründen muss Russland diese beiden Regionen vollständig erobern - ansonsten wäre das eine Niederlage, die ihre Konsequenzen hätte.

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. | ISW/19.04.2022

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. Bild: ISW/19.04.2022

Das ist das Minimalziel - was aber noch nicht heißt, dass es Russland militärisch gelingen wird, es zu erreichen. Das wird eine sehr schwierige Operation werden - und über den Verlauf gibt es unterschiedliche Ansichten. Manche Experten meinen: Wenn der Donbass erobert ist und diese Landbrücke zu den Gebieten im Süden der Ukraine gehalten werden kann, wäre das für die russische Führung schon ein ausreichender Erfolg, um weitere Offensiven einzustellen. Pessimisten sagen aber: Wenn Russland die schnelle Eroberung des Donbass gelingt, dann könnte das auch dazu führen, dass es noch weitere Vorstöße westlich des Donbass gibt - etwa entlang des Flusses des Dnipr auf die Stadt Dnipro und die Provinz Saporischschja.

Mit Sicherheit sagen können wir: Selbst wenn die russische Armee die Kampfhandlungen einstellen würde, würde die Ukraine es nicht einfach zur Kenntnis nehmen, sondern weiterhin versuchen, sie zurückzudrängen. Also vor einer völligen militärischen Niederlage der Ukraine werden die Kampfhandlungen weitergehen.

"Experten nicht einig über Waffenlieferungen"

tagesschau.de: Am 9. Mai wird in Moskau alljährlich der "Tag des Sieges" der Roten Armee über das nationalsozialistische Deutschland begangen. Muss Putin nicht bis zu diesem Tag etwas vorzuweisen haben?

Mangott: Ich denke, von westlicher Seite wird in dieses Datum etwas zu viel hineininterpretiert. Natürlich wäre es für die russische Führung nützlich, wenn man am 9. Mai eine Eroberung des Donbass verkünden könnte: Es würde ja dieses Narrativ unterstützen, dass die Sowjetunion sich gegen Nazis verteidigen musste und Russland heute den Donbass gegen ukrainische Nazis verteidigen müsse. Aber der Zeitplan für die Großoffensive wird sicherlich nicht durch dieses Datum diktiert.

tagesschau.de: Läuft es also für den Kreml weiter nicht nach Plan?

Mangott: Im Norden der Ukraine zweifellos nicht - das war doch ein deutlicher Misserfolg in der militärischen Planung und in der operativen Durchführung. Aber im Süden kann man aus russischer Sicht durchaus von einer erfolgreichen Operation sprechen - nur ist das für die russische Seite viel zu wenig.

Die Frage ist jetzt: Ist es für die ukrainischen Streitkräfte möglich, diese die Offensive Russlands einzudämmen oder gar aufzuhalten? Das wird nicht möglich sein ohne schwere Waffen aus dem Westen - nämlich Artillerie mit langer Reichweite, Kampfdrohnen, Kampfpanzer und gepanzerte Fahrzeuge. Aber dazu müssten Militärexperten sich einig sein - und das sind sie nicht -, ob solche Lieferungen schwerer Waffen die ukrainische Verteidigung tatsächlich erfolgreich machen oder nur den Krieg verlängern würden.

Ich denke, die westlichen Regierungen sollten auf der Basis dieser Abschätzung entscheiden, ob es Sinn hat, schwere Waffen zu liefern. Nur um den Krieg zu verlängern, hat es wohl keinen Sinn. Wenn es die Ukraine in die Lage versetzen würde, dem russischen Angriff standzuhalten, dann hat es Sinn.

"Neuartige Situation für beide Seiten"

tagesschau.de: Im März versetzte die russische Besetzung eines Atomkraftwerks bei Saporischschja die Welt in Schrecken, aus Mariupol gibt es Berichte über einen möglichen Chemiewaffeneinsatz durch russische Kräfte. Rechnen Sie damit, dass Russland im weiteren Verlauf ABC-Angriffe auf die Ukraine machen würde, wenn es mit konventionellen Waffen nicht die erhofften Fortschritte macht?

Mangott: Ob wir in Mariupol tatsächlich einen Chemieangriff gesehen haben, ist ungeklärt - das sind bislang nur Aussagen des Asow-Bataillons, die natürlich auch ein Interesse haben, eine solche Meldung zu verbreiten. Man kann das nicht überprüfen und somit auch nicht bestätigen oder dementieren. Aber ich kann mir schon vorstellen, dass Russland letztlich ABC-Waffen einsetzen könnte - inklusive einer taktischen Nuklearwaffe, wenn Russland an den Rand einer Kriegsniederlage geraten würde. Ohne ein solches Szenario halte ich einen solchen Einsatz aber für sehr unwahrscheinlich.

tagesschau.de: Auf welche Kampfhandlungen wird die Ukraine sich im Donbass einstellen müssen?

Mangott: Die Offensive im Donbass wird von Russland mit Bedacht vorgenommen werden. Das heißt, wir werden eine lange Phase von Artilleriebeschuss und Lufteinsätzen haben, um die ukrainischen Reihen auszudünnen - um möglichst viele Soldaten zu töten und vor allem möglichst viel militärisches Gerät zu zerstören.

Erst dann wird eine Infanterieoffensive zu erwarten sein. Dann wird es aber, wenn eine solche Panzeroffensive anläuft, sichtlich sehr blutige Schlachten geben - schon von der Topographie der Gegend her: Dort ist man auf dem flachen Land unterwegs, ohne Deckungsmöglichkeiten. Hier stünden sich dann ukrainische und russische Truppen in einer offenen Feldschlacht gegenüber - eine neuartige Situation in diesem Krieg für beide Seiten.

Das Interview führte Jasper Steinlein, tagesschau.de

Über dieses Thema berichtete br24 am 21. April 2022 um 13:21 Uhr.