Ein Mann auf einem Fahrrad fährt an einem zerstörten Häuserblock vorbei. | REUTERS

Krieg gegen die Ukraine Neue Versuche für Fluchtkorridore

Stand: 02.04.2022 13:20 Uhr

Noch etwa 100.000 Menschen harren im umkämpften ukrainischen Mariupol aus - heute soll es wieder einen Fluchtkorridor geben, wie auch für weitere Städte. Die Regierung rechnet mit mindestens einem weiteren Monat Krieg.

Von Palina Milling, WDR, für das ARD-Studio Moskau

Es ist eine erschreckende Zahl: Ein Viertel der Bevölkerung ist nach Angaben des UNHCR innerhalb der Ukraine auf der Flucht. 10,5 Millionen Menschen. Wer das Glück hat, umkämpfte Gebiete verlassen zu können, kommt oft in Schulen, Kindergärten und Kirchen unter.

Palina Milling

Oksana erzählte im ukrainischen Fernsehen, sie sei aus der Nähe von Cherson geflohen. Das russische Militär kontrolliert diese Region. Untergekommen sei sie in einer Kirche. "Ich wünsche mir ganz einfache menschliche Dinge, um sich wohler zu fühlen: In Ruhe ausschlafen. Sich in Ruhe waschen. Sich zurecht machen, sich umziehen."

Solche Selbstverständlichkeiten sind für viele Ukrainerinnen und Ukrainer inzwischen zum Luxus geworden. Im schwer zerstörten Mariupol ist daran gar nicht zu denken. Die Stadt gleicht auf Bildern einem Trümmerhaufen. Gestern ist es laut ukrainischer Regierung 3000 Einwohnern der Hafenstadt gelungen, sich in Sicherheit zu bringen. Nach Schätzungen sollen sich dort noch mehr als 100.000 Menschen aufhalten.

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. | ISW/02.04.2022

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. Bild: ISW/02.04.2022

Sieben Fluchtkorridore geplant

Vize-Premierministerin Irina Wereschtschuk, die Tag für Tag Fluchtkorridore koordiniert, sprach die Schutzsuchenden direkt an: "Wir wissen, wie sehr ihr darauf wartet, dass ihr gerettet werdet. Wir werden uns jeden Tag durchkämpfen - bis ihr die Stadt verlassen könnt. Und das Wichtigste: Bis ihr eine Chance auf ein friedliches Leben bekommt."

Für heute ist ein Fluchtkorridor angekündigt worden, für alle, die mit dem eigenen Auto aus Mariupol fliehen. Sechs weitere Korridore sollen eine Evakuierung ermöglichen - aus Berdjansk im Süden, wohin viele Mariupoler fliehen und aus dem Gebiet Luhansk in der Ostukraine, wo aktive Kämpfe stattfinden.

Kein Nachlassen der Kämpfe

Der 38. Tag dieses Krieges brachte weitere Angriffe in die Zentralukraine. Die ukrainischen Medien melden Explosionen in der Industrie-Stadt Dnipro und Raketeneinschlag in Krementschug und Poltawa.

Der Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums, Igor Konaschenkow, bestätigte: "Heute früh ist ein Benzin- und Diesellager der Raffinerie in Krementschug zerstört worden - mit luft- und seegestützten Langstreckenpräzisionswaffen." Mit luftgestützten Hochpräzisionsraketen seien militärische Flugfelder in den Städten Poltawa und Dnipro zerstört worden.

Das ukrainische Militär schätzt, solche schweren Angriffe würden weitergehen. Und zwar im gesamten Land, auch wenn Russland offenbar vorhat, die Bodentruppen in den Donbass zu verlegen. Den russischen Rückzug aus dem Norden des Landes beobachtet man zwar, doch dass die Kämpfe insgesamt nachlassen, damit rechnen die ukrainischen Streitkräfte nicht.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Krieg noch nicht überstanden

Valerij Jembakow, ein Brigadegeneral, erklärte: "Niemand glaubt es, nur weil die Russen es versprochen haben. Wir sind auf alle Eventualitäten und Entwicklungen vorbereitet." Der Präsident der Ukraine, Wolodymyr Selenskyj, rief seine Landsleute erneut zum Durchhalten auf. "Wir bereiten uns auf eine noch stärkere Verteidigung vor. Wir nutzen alle Möglichkeiten aus, sowohl die aus dem Inland, als auch die aus dem Ausland." Es stünden schwierige Kämpfe bevor. "Jetzt ist noch nicht daran zu denken, dass wir schon alles überstanden hätten."

Der Sicherheitsrat der Ukraine geht von heftigen Gefechten aus, die mindestens noch einen Monat lang andauern könnten. Die ukrainische Armee scheint durch den Rückzug der russischen Truppen und die erfolgreichen Gegenoffensiven in der Region vor Kiew und im Norden des Landes Geländegewinne zu machen. Doch die Frontlinie ist sehr lang, und die Kriegsherde im Nordosten, Osten und Süden des Landes bleiben.

Über dieses Thema berichtete am 02. April 2022 tagesschau24 um 11:00 Uhr und 13:00 Uhr und NDR Info um 12:05 Uhr.