Dieses von Maxar Technologies zur Verfügung gestellte Satellitenfoto zeigt einen Friedhof vor der Erweiterung der Gräber in der Nähe von Wynohradne, etwa 12 Kilometer östlich von Mariupol am 22. März 2022.  | dpa

Krieg gegen die Ukraine Berichte über weitere Massengräber bei Mariupol

Stand: 23.04.2022 04:51 Uhr

Satellitenbildern zufolge soll es im Großraum Mariupol weitere Massengräber geben. Derweil wird ein neuer Fluchtkorridor aus der belagerten Hafenstadt vorbereitet, während sich russische Truppen im Osten des Landes festsetzen.

Unweit der von russischen Truppen belagerten südostukrainischen Hafenstadt Mariupol deuten Satellitenbilder auf ein mögliches weiteres Massengrab hin. "Dieses Mal im linksufrigen Stadtbezirk beim Friedhof von Wynohradne", teilte der Stadtratsabgeordnete Petro Andrjuschtschenko im Nachrichtendienst Telegram mit. Die Besatzungskräfte würden so versuchen, Kriegsverbrechen zu verschleiern.

Die vom US-Satellitenfotodienst Maxar verbreiteten Aufnahmen aus dem Zeitraum vom 22. März bis 15. April sollen einen Friedhof bei Wynohradne vor, während und nach einer Erweiterung der Gräber zeigen. Wynohradne befindet sich am Ostrand der Hafenstadt am Asowschen Meer.

Am Vortag hatten ukrainische Behördenvertreter, gestützt auf Satellitenbilder, bereits ein mögliches Massengrab in Manhusch circa 15 Kilometer westlich des Stadtrands vermutet. Die Angaben können nicht unabhängig überprüft werden.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Stadtverwaltung geht von mindestens 20.000 getöteten Einwohnern aus

Bereits kurz nach der kompletten Einschließung von Mariupol durch russische Truppen Anfang März tauchten mehrere Fotos mit Toten in Massengräbern mutmaßlich aus Mariupol auf. Vertreter der ukrainischen Stadtverwaltung gehen infolge der schweren Kämpfe und Bombardierungen von mindestens 20.000 getöteten Einwohnern aus.

Die Großstadt hatte vor dem Beginn des russischen Angriffskrieges vor knapp zwei Monaten rund 440 000 Einwohner. Jetzt sollen sich noch mehr als 100.000 in der zu großen Teilen zerstörten Stadt aufhalten. Russland hat Mariupol trotz ukrainischen Widerstands um das Stahlwerk Azovstal für komplett erobert erklärt.

Ukraine: Möglicher Fluchtkorridor aus Mariupol am Samstag

Ukrainischen Angaben zufolge könnte am Samstag eine Evakuierung aus Mariupol stattfinden. "Es besteht die Möglichkeit, dass wir in der Lage sein werden, einen humanitären Korridor aus Mariupol zu öffnen", teilte die Vizeregierungschefin Iryna Wereschtschuk am späten Abend auf Facebook mit.

Wereschtschuk nannte als Sammelpunkt für 10.00 Uhr am Samstag ein Einkaufszentrum im Norden der Stadt, das direkt an einer der Ausfahrtsstraßen liegt. Sie schrieb weiter, dass Fluchtkorridore aus der Stadt bereits mehrmals gescheitert seien und dass sie verstehe, wie schwer dies für die Menschen sei. "Sie und ich müssen es aber so oft versuchen, bis es klappt." Konkrete Details wolle sie am Morgen mitteilen.

Zur Situation verbliebener ukrainischer Kämpfer und Zivilisten aus dem belagerten Stahlwerk Asovstal gab es widersprüchliche Berichte. Die russische Agentur Tass schrieb am Abend unter Berufung auf Angaben der "Volksmiliz" der Separatisten in der Region Donezk, dass keine ukrainischen Kämpfer einen "humanitären Korridor" genutzt hätten, um sich zu ergeben oder Zivilisten zu evakuieren. Von Kiew gab es davor am Freitag den Vorwurf, dass russische Truppen Zivilisten am Verlassen des Stahlwerks hinderten.

Ukraine: Russische Einheiten setzen sich in mehreren Orten fest

Ukrainischen Angaben zufolge haben sich russische Einheiten derweil in mehreren Orten im Osten der Ukraine festgesetzt. Binnen 24 Stunden hätten russische Truppen Angriffe in Richtung der Stadt Slowjansk in der Region Donezk durchgeführt und in der Kleinstadt Losowa, einem wichtigen Eisenbahnknotenpunkt in der Region Charkiw, Fuß gefasst. Das teilte der ukrainische Generalstab in seinem Bericht am Abend mit.

In den Gebieten Selena Dolyna in der Region Donezk und dem etwa 40 Kilometer östlich liegenden, vor wenigen Tagen eroberten Krimenna in der Region Luhansk, bauten russische Truppen demnach ihre eingenommenen Positionen aus und bereiteten sich auf weitere Offensiven vor. Auch in dem Ort Stepne in der Region Donezk hätten sie Fuß fassen können.

Abgewehrt habe man unter anderem Angriffe in der Region Luhansk, die ukrainischen Angaben zufolge bereits zu rund 80 Prozent unter russischer Kontrolle steht, im Bereich der Stadt Rubischne und des Dorfes Nowotoschkiwske.

Nach den Worten des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj sind in den Gebieten Luhansk und Donezk etwa 44.000 ukrainische Soldaten. Ihnen stehen dort nach anderen Angaben Einheiten der russischen Armee und der Separatisten mit einer Truppenstärke zwischen 60.000 und 80.000 Mann gegenüber. Erwartet wird, dass die russische Militärführung eine Einschließung der ukrainischen Einheiten im Donbass zum Ziel hat.

UN-Generalsekretär trifft Putin und Selenskyj

Rund zwei Monate nach der russischen Invasion in die Ukraine wird UN-Generalsekretär António Guterres kommende Woche Russland und die Ukraine besuchen. Nach einem Empfang durch Russlands Präsident Wladimir Putin am Dienstag in Moskau wird Guterres in die Ukraine weiterreisen und dort am Donnerstag unter anderem Präsident Wolodymyr Selenskyj treffen, wie die Vereinten Nationen mitteilten. Es sind jeweils auch Arbeitstreffen mit den beiden Außenministern Sergej Lawrow und Dmytro Kuleba geplant.

Der UN-Chef hatte zuvor um die Treffen gebeten, um im Ringen um eine Waffenruhe in dem Konflikt zu vermitteln. Zuvor hatte Guterres Briefe an die UN-Vertretungen Russlands und der Ukraine geschickt und darum gebeten, ihn in den Hauptstädten der Länder zu empfangen. Es müssten "dringende Schritte" zur Herstellung von Frieden in der Ukraine herbeigeführt werden. Der UN-Chef hatte zuletzt mehrfach eine Waffenruhe im Ukraine-Krieg gefordert. Es gab zunächst keine Informationen darüber, ob Guterres lediglich nach Kiew reist oder auch in andere Landesteile.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 23. April 2022 um 02:51 Uhr.