Binnenflüchtlinge halten sich auf dem Gelände einer modularen Stadt in Lwiw (Ukraine) auf. | dpa
Reportage

Flüchtlinge in Lwiw Das Mitgefühl lässt nach

Stand: 28.06.2022 12:52 Uhr

Lwiw im Westen der Ukraine hat mehr als 150.000 Geflüchtete aus anderen Teilen des Landes aufgenommen. Das verändert die Stadt und belastet alle Betroffenen. Und auch die Hilfsbereitschaft wandelt sich.

Von Florian Kellermann, Deutschlandradio, zurzeit Lwiw

Im Süden der Altstadt von Lwiw liegt der Stryjskyj-Park und direkt am Park seit einigen Monaten eine Containersiedlung. Der drei Meter hohe Metallzaun passt nicht so recht in die historische Parkanlage, ebensowenig die kantigen hellen Container, die er umschließt.

Doch die mehreren Hundert Menschen, die hier wohnen, seien dankbar, dass sie hier sein dürfen, sagt Tetjana - eine Buchhalterin, die aus Charkiw geflohen ist und mit ihrer Tochter schon zwei Monate in einem Container lebt.

Das Wichtigste sei, dass hier nicht auf sie geschossen werde, dass sie in Sicherheit seien.

Die Ungewissheit zerrt an den Nerven

Trotzdem zermürbe die Ungewissheit - "als wir hierher gekommen sind, dachten wir, das ist schnell zu Ende". Sie habe sich nicht vorstellen können, dass Russland wirklich Krieg gegen die Ukraine führen wollte. Natürlich seien sie erschöpft, "auch weil alles teurer geworden ist".

Jede Familie hat hier genau zweieinhalb Meter mal sechs Meter zur Verfügung. Bei Sonnenschein wird es in den Containern stickig, Klimaanlagen gibt es nicht. Dennoch sei es hier besser als in den Turnhallen, in denen sie zuvor gewohnt hätten, sagen die Bewohner. Bis zu eineinhalb Monate standen sie auf einer Warteliste, um hier einen Platz zu kommen.

Eine modulare Stadt für Flüchtlinge vor der russischen Aggression in der Ukraine. | dpa

Bild: dpa

Vergebliche Hoffnung auf Arbeit

In einem größeren Container gibt es einen Gemeinschaftsraum, Kinder spielen. Ein Mann macht sich Reis in einer Mikrowelle warm. Ja, er sei dankbar dafür, hier in Sicherheit leben zu können. Aber er sei nach Lwiw gekommen, weil er gedacht habe, dass es hier Arbeit gebe. Es gebe jedoch keine:

Wir vegetieren so dahin. Und dann schreien dich die Leute noch an, weil du aus dem Osten der Ukraine kommst und Russisch sprichst. 'Was wollt ihr hier? Fahrt wieder in den Osten, ihr Moskau-Lakaien'. Du gehst gut gelaunt ins Geschäft, zum Einkaufen und kommst schlecht gelaunt zurück.

Die Nachbarin, die an der Mikrowelle daneben steht, sieht das anders. Solche Stimmen gebe es nur vereinzelt, meint sie.

Vier Monate nach Kriegsbeginn sind auch hier, weit weg von der Front, die Nerven bei allen dünner geworden. Einheimische und Geflüchtete in Lwiw werden sich emotional fremder.

Die Mietpreise steigen

Das ist verständlich. In der Stadt leben sonst 700.000 Menschen, jetzt sind es 150.000 mehr. Die Mietpreise haben sich teils verdoppelt. Und da Verträge in der Ukraine wenig gelten, können Wohnungseigentümer unmittelbar den Mietzins anheben.

Die Stadt sei tatsächlich weiterhin bis an den Rand hin voll, sagt Olena Holyschewa. Sie leitet ein städtisches Zentrum, in dem sich Neuangekommene informieren können. Deren Struktur habe sich in den vergangenen Wochen geändert, sagt sie.

Zunächst seien vor allem Menschen aus den Bezirk Kiew und aus der Zentralukraine gekommen - Menschen, die zeitweilig Schutz gebraucht hätten. Jetzt, sagt Holyschewa, seien es vor allem Menschen aus den Bezirken Donezk und Luhansk - "und sie haben leider kein Zuhause mehr".

Rauchschwaden ziehen über Lwiw (Ukraine). | dpa

Bild: dpa

Die Hilfe geht woanders hin

Die Geflüchteten in Lwiw sind also zunehmend traumatisierte Menschen, die länger bleiben müssen. Deshalb vermittelt das Zentrum auch psychologische Hilfe. Die meisten Menschen in Lwiw verstehen das. Trotzdem engagieren sich deutlich weniger als freiwillige Helfer als noch zu Beginn des Kriegs.

Die Studenten Daria und Orest etwa, die im Park bei der Containersiedlung spazieren gehen, tun dies nicht mehr. Sie sammelten jetzt im Internet Geld, erzählen sie: ""ir betreuen eine bestimmte Einheit der Armee und sammeln für ihre Bedürfnisse, auch für ihre Uniformen, ihr technisches Gerät. Das kaufen wir und bringen es ihnen."

Die Kämpfe im Donezkbecken seien so schwer geworden: Die Armee brauche es jetzt einfach dringender.

Eine andere Kultur?

Zudem störe sie zunehmend, dass die Geflüchteten eine neue Lebensart mit nach Lwiw brächten, sagt Orest, der Internationale Beziehungen studiert.

Die östliche Ukraine habe viele Jahre lang unter dem Einfluss der Russischen Föderation gestanden, vor allem unter dem kulturellen Einfluss. "Diese russische Kultur hat die Menschen dort verändert und auch ihre Mentalität."

Was er damit meine? Zum Beispiel, dass die Menschen von dort oft Russisch und nicht Ukrainisch sprechen, dass sie der orthodoxen Kirche angehören, die dem Patriarchen in Moskau untersteht. Und dass sie einfach einen gröberen Umgangston hätten.

Zuversicht - und offene Fragen

Olena Holyschewa vom Beratungszentrum geht dennoch davon aus, dass Lwiw mit der schwierigen Situation fertig wird. Auch die Herausforderungen, die das neue Schuljahr ab September mit sich bringt, werde die Stadt meistern. Allerdings sei noch nicht bekannt, wie viele Eltern ihre Kinder anmelden.

Der Kriegsverlauf gerade in diesen Tagen legt allerdings nahe, dass Lwiw sich noch lange um Flüchtende kümmern muss.

Über dieses Thema berichtete BR24 am 28. Juni 2022 um 13:50 Uhr.