Tetiana Kovalchuk in ihrer Wohnung in Kiew
Reportage

Kriegsalltag in der Ukraine "Ich habe Vorräte für mehrere Wochen"

Stand: 23.01.2023 08:45 Uhr

Rund zwei Millionen Menschen mit Behinderung lebten vor dem Angriff Russlands in der Ukraine. Angesichts der Raketen- und Drohnenangriffe ist ihr Alltag noch schwerer geworden. Tetiana Kovalchuk aus Kiew ist eine von ihnen.

Von Peter Sawicki, Deutschlandfunk, zzt. Kiew

Der Weg in Tetiana Kovalchuks Erdgeschosswohnung führt über eine grün gestrichene, serpentinenförmige Rampe. Drinnen sind die Türschwellen geglättet. Das Badezimmer ist sichtbar breiter, Kovalchuk zeigt auf die Stelle des Wanddurchbruchs.

Sie wohnt nicht ohne Grund barrierefrei. Die 48-jährige Frau sitzt im Rollstuhl. Als Jugendliche stürzte sie aus mehreren Metern Höhe. Seitdem ist sie unterhalb der Hüfte gelähmt. Auffällig sind in ihrer Wohnung im Südwesten Kiews außerdem Wasserflaschen, die zahlreich aneinandergereiht sind. Auch das sei kein Zufall, erklärt Kovalchuk.

"Seit der Invasion habe ich neue Gewohnheiten entwickelt", sagt sie. "Früher habe ich nie Essen oder Medikamente gehortet. Jetzt habe ich Vorräte für mehrere Wochen, zum Beispiel Konserven. Für den Fall, dass für längere Zeit der Strom ausfällt."

"Nicht im Notfallprotokoll des Staates"

Kovalchuk ist für eine Nichtregierungsorganisation tätig, die sich für die Rechte gehandicapter Menschen einsetzt. Dafür benötigt sie nur ihren Laptop. Im Rahmen ihrer Arbeit dokumentiert sie auch Probleme, mit denen Personen mit Behinderung im Kriegsalltag zusätzlich konfrontiert werden.

Diese seien, wie die alleinerziehende zweifache Mutter erzählt, bereits zu Beginn des russischen Angriffskrieges zu sehen gewesen. Bei Evakuierungen seien Menschen mit Behinderung oft zurückgeblieben.

"Solche Personen standen einfach nicht im Notfallprotokoll des Staates. Für Menschen im Rollstuhl gab es anfangs, als viel Panik herrschte, keinen geeigneten Transport. Erst nach einem Monat änderte sich dies langsam", erzählt sie.

Nicht alle können ihr Zuhause verlassen

Zumeist hätten aber nichtstaatliche Akteure Evakuierungen von Menschen mit Behinderung organisiert, sagt Kovalchuk. Schätzungsweise mehr als zwei Millionen solcher Personen gab es vor der Invasion in der Ukraine. Längst nicht alle konnten ihr Zuhause verlassen.

Und auch dort benötigen sie bei unmittelbarer Gefahr Hilfe, die sie nicht immer erhalten: "Eine Bekannte von mir, die im Rollstuhl sitzt, wurde einmal in einen Schutzraum gebracht. Dort blieb sie dann vier Tage lang - ohne ein einziges Mal zur Toilette zu gehen." Der Frau sei es unangenehm gewesen, andere zu bitten, sie dauernd hoch und runter zu tragen.

Einen Mann im Rollstuhl, der im 13. Stock wohnte, erzählt Kovalchuk weiter, habe die Polizei nach unten getragen. Danach sei er aus Kiew evakuiert worden.

Erbe der sowjetischen Vergangenheit

Kovalchuk selbst macht, wenn in der Hauptstadt der Luftalarm ertönt, folgendes: "Ich bleibe in der Wohnung und arbeite. Wohin soll ich als Rollstuhlfahrerin? In der gesamten Siedlung gibt es ohnehin keinen richtigen Schutzraum." Der nächstgelegene halbwegs sichere Ort sei ein unterirdisches Parkhaus. "Ich und ein Parkhaus - wo es keine Toilette gibt und es kalt ist? Das geht nicht."

Dennoch differenziert Kovalchuk beim Thema Inklusion. Sie erlebe grundsätzlich eine große soziale Akzeptanz gegenüber etwa Personen im Rollstuhl. Die schleppende institutionelle Inklusion - wie zu wenig Barrierefreiheit im öffentlichen Raum - ist aus ihrer Sicht vor allem ein Erbe der sowjetischen Vergangenheit.

"Niemand sah uns, hörte uns, sprach über uns. Invalidität durfte es in der Sowjetunion nicht geben", sagt Kovalchuk. "Menschen mit Behinderung wurden deshalb in speziellen Einrichtungen untergebracht." Erst nachdem die Ukraine 1991 unabhängig geworden war, hätten Personen mit Einschränkungen für ihre Rechte eintreten können.

"Mich machen Hindernisse entschlossener"

Mit Blick darauf sieht Kovalchuk eine positive Dynamik, wie sie sagt. Vom Krieg und steten Risiko von Luftangriffen will sie sich derweil nicht unterkriegen lassen.

"Ich erfreue mich am Leben. Ich habe mein Studium als Invalidin absolviert. Ich habe als Invalidin Kinder bekommen und gearbeitet." Wenn man ein Ziel vor Augen habe, und auf Hindernisse stieße, gebe es immer einen Weg, sie zu überwinden. "Mich machen Hindernisse noch entschlossener."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 23. Januar 2023 um 05:54 Uhr.