Menschen mit Gepäck auf einer Bahnstation im Osten der Ukraine warten auf einen Zug Richtung Kiew | AP
Interview

Lage im Osten der Ukraine "Es ist nirgendwo sicher hier"

Stand: 25.02.2022 12:46 Uhr

Flucht - aber wie und wohin? Im Osten der Ukraine arbeitet Darya Romanenko für eine Hilfsorganisation. In einem Interview mit tagesschau24 beschreibt sie, wie die Menschen versuchen, sich vor dem Krieg zu retten.

tagesschau24: Sie sind zurzeit in einem kleinen Dorf in der Ostukraine. Können Sie uns die Situation beschreiben?

Darya Romanenko: Gestern bin ich von sehr lauten Explosionen in der Nähe von Slowjansk aufgewacht. Dann hat mein Vater mich angerufen und gesagt, dass der Krieg jetzt da ist. Zuerst wusste ich nicht wirklich, was ich tun soll. Ich habe schnell einen Koffer gepackt. Und dann hat mich meine Organisation angerufen, die tatsächlich mit einem Auto von Chrakiw nach Slowjansk gekommen sind und haben mir angeboten, uns in einem kleinen Dorf in der Nähe von Slowjansk zu verstecken, bis die Sicherheitslage sich verbessert hat.

tagesschau24: Was können Sie über die Situation außerhalb von Slowjansk sagen? Wollen viele Menschen fliehen, ist die Flucht überhaupt möglich?

Romanenko: Flucht ist möglich, die Frage ist nur, wohin. Wir haben gestern sehr viele Autos mit dem Kennzeichen des Oblast (Anm. d. Red: Verwaltungsbezirks) Luhansk gesehen. Das ist ein Gebiet im Osten der Ukraine, das jetzt komplett evakuiert wurde. Die Tankstellen sind leer, es gibt keinen Sprit mehr. Menschen saßen einfach in ihren Pkw entlang der Straße, mit Kindern, mit ihrem ganzen Hab und Gut, das sie noch mitnehmen konnten. Frauen haben geweint, Kinder haben geweint. Es sah wirklich dramatisch aus. Und es gibt so viele Menschen, die noch auf der Flucht sind, aber es ist nirgendwo wirklich sicher hier. Ich weiß ehrlich gesagt auch nicht, wo ich mich weiter hinbewegen werde.

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Krieg in der Ukraine

tagesschau24: Haben Sie irgendeine Botschaft an Europa? Was erwarten Sie persönlich jetzt vom Westen?

Romanenko: Ich hoffe, dass Europa und der Westen nie so etwas erleben wird wie die Ukrainer. Ich hoffe immer noch auf Frieden in Europa. Und ich hoffe, dass Menschen in Europa in Sicherheit leben können. Aber mit so einem Nachbarn wie Russland, denke ich, dass es leider nicht mehr möglich ist. Ich wünsche mir, dass uns jemand noch verteidigen kann. Ich glaube an die ukrainische Armee. Das ist tatsächlich gerade hier die letzte Hoffnung.

Ansonsten hoffe ich auch, dass die Europäer der Ukraine beistehen werden. Letztendlich haben sich die Ukrainer schon 2014 für Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Souveränität und Unabhängigkeit von Russland entschieden. Es gibt ein Assoziierungsabkommen zwischen der Ukraine und der Europäischen Union. Offensichtlich haben die Ukrainer eine zivilisatorische Wahl getroffen, für die sie jetzt von Russland bestraft werden. Und ich hoffe, dass diese Situation von den Europäern auch so eingeschätzt wird.

tagesschau24: Wie soll so ein Beistand Aussehen? Haben Sie da konkrete Vorstellungen?

Romanenko: Ja. Sanktionen gegen Russland, Abschaltung Russlands vom SWIFT-System, die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Russland muss komplett eingestellt werden. Ich weiß, dass das die Europäer viel kosten wird. Aber wenn man weiß, es gibt Frieden oder ein wirtschaftliches Kalkül, muss man eine persönliche Entscheidung treffen, was wichtiger ist. (Antwort mit technischen Unterbrechungen)

Das Gespräch führte Gerrit Derkowski für tagesschau24. Für die schriftliche Form wurde das Interview angepasst.

Über dieses Thema berichtete tagesschau extra am 25. Februar 2022 um 10:30 Uhr.