Sergej Lawrow | dpa

Russlands Außenminister Lawrow "Donbass hat bedingungslose Priorität"

Stand: 30.05.2022 08:23 Uhr

Die Einnahme des Donbass in der Ostukraine ist laut Außenminister Lawrow das russische Kriegsziel. Zudem äußerte er sich zum Gesundheitszustand seines Präsidenten. Die Ukraine setzte indes die Offensive im Süden fort.

Der russische Außenminister Sergej Lawrow hat die Einnahme des Donbass im Osten der Ukraine als "bedingungslose Priorität" bezeichnet. Es gehe darum, die ukrainische Armee und Bataillone aus den von Moskau als unabhängige Staaten anerkannten Gebieten Donezk und Luhansk zu drängen, sagte Lawrow dem russischen Außenamt zufolge in einem Interview mit dem französischen Sender TF1.

Das Ministerium veröffentlichte die Antworten auf der Internetseite. Lawrow sprach in dem Interview erneut von einer angeblichen "Befreiung" des Donbass vom "Kiewer Regime".

"Keine Anzeichen von Krankheit oder Gebrechen"

Er äußerte sich auch auf eine Frage zur Gesundheit Putins. Der Präsident, der im Oktober 70 Jahre alt wird, erscheine täglich in der Öffentlichkeit, sagte der Außenminister. "Sie können ihn auf den Bildschirmen beobachten, seine Auftritte lesen und hören. Ich glaube nicht, dass vernünftige Leute in diesem Menschen Anzeichen für irgendeine Art von Krankheit oder Gebrechen sehen können." Putins Gesundheit und sein Privatleben sind in Russland ein Tabuthema und werden fast nie in der Öffentlichkeit diskutiert. 

Ukraine geht von russischer Großoffensive in Slowjansk aus

Währenddessen gehen die schweren Kämpfe im Osten der Ukraine weiter. Nach ukrainischen Angaben bereiten die russischen Streitkräfte einen groß angelegten Angriff auf den Raum Slowjansk, das Zentrum der ukrainischen Verteidigungskräfte im Donbass, vor. Die russischen Truppen verlegten neue Einheiten in das Gebiet, um Slowjansk sowohl von Isjum als auch von der kürzlich eroberten Kleinstadt Lyman aus anzugreifen, heißt es im Lagebericht des ukrainischen Generalstabs.

Der Raum Slowjansk - Kramatorsk ist der größte Ballungsraum im Donbass, der noch unter Kontrolle Kiews steht. Hier ist auch das Oberkommando der Streitkräfte im Osten des Landes stationiert. "Im Raum Slowjansk haben die feindlichen Einheiten eine Umgruppierung ihrer Streitkräfte vorgenommen, um die Offensive in Stoßrichtung Isjum - Barwenkowe und Isjum - Slowjansk zu erneuern", teilte der Generalstab mit. Zur Vorbereitung seien 250 Militärfahrzeuge in den Raum Isjum verlegt und darüber hinaus eine Eisenbahnbrücke im Gebiet repariert worden, um den Nachschub zu beschleunigen.

Darüber hinaus sei auch eine Staffel von Ka-52-Kampfhubschraubern nördlich von Isjum stationiert worden. Die Ka-52 gelten als die modernsten schweren Kampfhubschrauber Russlands. Daneben seien die russischen Truppen dabei, sich auch in Lyman nordöstlich von Slowjansk neu aufzustellen.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Sjewjerodonezk weiter umkämpft

Neben Slowjansk steht aber auch weiterhin der Raum Sjewjerodonezk - Lyssytschansk im Fokus der russischen Angriffsbemühungen im Donbass. Um die Stadt Sjewjerodonezk entbrannten nach deren Erstürmung durch russische Truppen erbitterte Gefechte. Ukrainische Kräfte lieferten sich Nahkämpfe mit den Angriffstruppen, teilten die Regionalbehörden mit. Zwei Zivilisten seien beim Vorrücken russischer Truppen in die Außenbezirke getötet worden.

Die russischen Truppen seien in den südöstlichen und nordöstlichen Teil der umkämpften Stadt vorgedrungen und würden mit schweren Waffen und Luftunterstützung angreifen, so die Regionalbehörden. Die Stromversorgung sei durch die Kämpfe ausgefallen, das Mobilfunknetz liege ebenfalls brach. Wegen der Gefahrenlage sei auch ein humanitäres Hilfszentrum geschlossen worden.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj beschrieb die Lage in Sjewjerodonezk zuvor als unbeschreiblich schwierig. Russischer Dauerbeschuss habe wichtige Infrastruktur und 90 Prozent der Gebäude zerstört. Eine Einnahme von Sjewjerodonezk sei für die russischen Besatzungstruppe zur Hauptaufgabe geworden, sagte Selenskyj. Um Opfer scherten sie sich nicht.

Verstärkte Angriffe auch in Lyssytschansk

Russische Truppen verstärkten nach ukrainischen Angaben auch ihre Angriffe auf das nahe gelegene Lyssytschansk, das unter Dauerbeschuss lag. Etlichen Zivilisten sei die Flucht aus der Stadt gelungen. Lyssytschansk und Sjewjerodonezk umspannen den strategisch wichtigen Fluss Siwerskyj Donez und sind die letzten größeren Gebiete in der Region Luhansk, die noch unter ukrainischer Kontrolle stehen. Luhansk und die benachbarte Region Donezk bilden das Industriegebiet Donbass.

Auch aus anderen Regionen der Ukraine wurden russische Luftangriffe gemeldet. Die ukrainische Armee berichtete von schweren Kämpfen im Gebiet um die Provinzhauptstadt Donezk sowie um Lyman im Norden. Das russische Militär hatte am Samstag die Einnahme des wichtigen Eisenbahnknotenpunkts Lyman verkündet, doch ukrainische Behörden erklärten, dass in Teilen der Stadt weiter gekämpft werde. "Der Feind verstärkt seine Einheiten", teilte der ukrainische Generalstab in einem Lagebild mit. "Er versucht, in der Gegend Fuß zu fassen."

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. | ISW/29.05.2022

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. Bild: ISW/29.05.2022

Ukraine setzt Offensive im Süden fort

Das ukrainische Militär setzte wiederum nach eigenen Angaben seine Offensive im Süden des Landes fort. "Die Lage im Süden ist dynamisch und gespannt", teilte das Oberkommando des ukrainischen Wehrkreises Süd auf seiner Facebook-Seite mit. Russland ziehe Reserven zusammen und versuche, die Frontlinien im Gebiet Cherson zu befestigen. "Gleichzeitig setzen unsere Einheiten ihre Offensivaktivitäten fort, um den Feind zu binden und eine Umgruppierung der Reserven zu verhindern."

In der Nähe der drei Dörfer Andrijiwka, Losowe und Bilohirka sei die russische Armee zurückgedrängt worden. "Cherson, bleib standhaft, wir sind nah", schrieb der Generalstab auf Facebook. Die russischen Truppen errichten demnach rund um Cherson Verteidigungslinien. Zudem entsandte die russische Armee ukrainischen Angaben zufolge Spezialeinheiten ins benachbarte Mykolajiw, "um verlorene Stellungen zurückzuerobern". Von russischer Seite gab es dazu zunächst keine Angaben.

Eigenen Angaben nach hat das ukrainische Militär bei den Kämpfen 67 russische Soldaten getötet und 27 Militärfahrzeuge außer Gefecht gesetzt. Unabhängig lassen sich diese Angaben nicht überprüfen. Kiew hatte die Angriffe im Süden des Landes am Wochenende auch als Gegenoffensive zum russischen Vormarsch im Donbass gestartet. Der Großraum Cherson ist die einzige Region der Ukraine, die seit Kriegsbeginn von russischen Truppen kontrolliert wird.

Selenskyj wirft Russland Vernichtungskrieg vor

Selenskyj warf Russland einen Vernichtungskrieg vor. Nach einem Frontbesuch in Charkiw sprach er von schweren Schäden in der nordöstlichen Stadt und berichtete von Zerstörungen im Donbass. "Schwarze, ausgebrannte, halb zerstörte Wohnhäuser blicken mit ihren Fenstern nach Osten und Norden - dorthin, von wo die russische Artillerie schoss", sagte Selenskyj in einer Videobotschaft.

Doch Russland habe nicht nur die Schlacht um Charkiw, sondern auch um Kiew und den Norden der Ukraine verloren. "Es hat seine eigene Zukunft und jede kulturelle Bindung zur freien Welt verloren."

Die Reise nach Charkiw war der erste bekannte Besuch Selenskyjs im Frontgebiet seit Beginn des russischen Angriffskrieges. Bei dem Besuch habe er den örtlichen Chef des Inlandsgeheimdienstes SBU entlassen, teilte Selenskyj mit: "Weil er seit den ersten Tagen des Krieges nicht für den Schutz der Stadt gearbeitet hat, sondern nur an sich gedacht hat." Der Fall sei der Justiz übergeben worden.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 30. Mai 2022 um 09:00 Uhr sowie NDR-Info um 08:50.