Wolodymyr Selenskyj (Aufnahme vom 20. Mai 2022). | dpa

Präsident Selenskyj "Schwierige Lage" im Donbass

Stand: 28.05.2022 12:29 Uhr

Im Osten der Ukraine gibt es weiter heftige Kämpfe - Präsident Selenskyj macht dem Militär aber Mut. In der strategisch wichtigen Stadt Lyman räumt das ukrainische Militär einen Rückschlag ein - meldet aber auch erfolgreiche Abwehrversuche.

Die ukrainische Armee steht im äußersten Osten ihrer Front gegen die russischen Invasionstruppen weiter stark unter Druck. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sprach von einer sehr schwierigen Lage, machte dem Militär aber Mut: "Der Donbass wird ukrainisch bleiben." Moskau setze dort ein Maximum an Artillerie und Reserven ein, sagte Selenskyj in einer Videoansprache.

Die ukrainische Armee verteidige das Land mit allen derzeit verfügbaren Ressourcen. "Wir tun alles, um die Armee zu stärken", sagte Selenskyj. Was die derzeit heftig umkämpften Orte im Donbass angeht, zeigte sich Selenskyj kämpferisch. "Wenn die Okkupanten denken, dass Lyman und Sjewjerodonezk ihnen gehören werden, irren sie sich." Wenn Russland Zerstörung und Leid bringe, werde die Ukraine jeden Ort wiederherstellen. Dort werde nur die ukrainische Fahne wehen - und keine andere, sagte Selenskyj.

Ukraine macht Russland für tote Zivilisten verantwortlich

Die Ukraine machte Russland für den Tod von fünf Zivilisten in dem von Regierungstruppen kontrollierten Teil der Region Donezk im Osten des Landes verantwortlich. "Heute haben Russen fünf Bürger des Donbass getötet und vier weitere verwundet", schrieb der Gouverneur des Gebiets, Pawlo Kirilenko, im Nachrichtenkanal Telegram. Nach Angaben der ukrainischen Regierung konnten einige Dutzend Bewohner aus beschossenen Orten in dem von Kiew kontrollierten Teil des Donbass herausgebracht werden. Zudem berichteten ukrainische Medien von Angriffen im Raum Charkiw.

Im Gebiet Luhansk sollen sich nach Angaben von Gouverneur Serhij Hajdaj rund 10.000 russische Soldaten aufhalten. Das seien die Einheiten, die dauerhaft dort seien, die versuchten, anzugreifen und in jede Richtung vorzurücken, in die sie das könnten, sagte Gouverneur Hajdaj im ukrainischen Fernsehen. Er sprach von einer schwierigen Lage in der umkämpften Stadt Sjewjerodonezk. Zwar habe man genug Mittel, um die Verteidigung zu halten. Es könne aber sein, dass sich das ukrainische Militär aus taktischen Gründen zurückziehe. Die Angaben können nicht unabhängig überprüft werden.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Russland bestätigt Einnahme Lymans

Im Kampf um die strategisch wichtige Stadt Lyman im Donbass bestätigte das russische Militär die Einnahme der Stadt. "Einheiten der Miliz der Volksrepublik Donezk und der russischen Streitkräfte" hätten Lyman in einer gemeinsamen Aktion "befreit", hieß es in einer Erklärung des russischen Verteidigungsministeriums in Moskau. Die pro-russischen Separatisten hatten bereits am Vortag die Eroberung der Stadt verkündet.

Das ukrainische Militär räumte einen Rückschlag ein. Der Feind "versucht sich im Raum Lyman festzusetzen", hatte es am Morgen im Lagebericht des ukrainischen Generalstabs geheißen. Die russische Armee beschieße die Ortschaften Oserne und Dibrowa mit Granat- und Raketenwerfern. Beide Dörfer liegen südöstlich von Lyman. Auch das deutet darauf hin, dass die Front nun südlich der Stadt verläuft. Das russische Militär hatte Lyman von Norden her angegriffen.

Die Stadt liegt strategisch wichtig an einer Kreuzung, von wo aus sowohl der Ballungsraum um die Großstädte Sjewjerodonezk und Lyssytschansk als auch der Ballungsraum um Slowjansk und Kramatorsk attackiert werden kann.

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. | ISW/27.05.2022

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. Bild: ISW/27.05.2022

Acht russische Angriffe im Osten abgewehrt

Nach eigenen Angaben wehrte das ukrainische Militär in den vergangenen 24 Stunden im Osten acht russische Angriffe ab. Betroffen seien die Regionen Donezk und Luhansk, teilte der Generalstab mit. So sei Sjewjerodonezk ein Ziel russischer Angriffe in der Nacht gewesen. Die Vorstöße auf die Stadt sowie deren Vororte Toschkiwka und Oskolonowka seien aber abgewehrt worden. Im nahe gelegenen Bachmut hätten die Russen versucht, in den Rückraum der ukrainischen Kräfte zu kommen und die Versorgungswege abzuschneiden. Auch diese Bemühungen seien gescheitert.

Richtung Slowjansk gab es laut Bericht keine Bodenoffensive der russischen Truppen. Stattdessen seien in dem Raum mit Artillerie und Luftwaffe mehrere Ortschaften bombardiert worden. Artilleriefeuer auf die ukrainischen Verteidigungslinien wird auch an den übrigen Schwerpunkten der Front gemeldet: Kurachowe, Awdijiwka sowie weiter südwestlich in Huljajpole.

Veränderung der Lage am Schwarzen Meer?

Die angespannte Situation im Schwarzen Meer könnte sich laut ukrainischem Militär bald ändern. Nach Angaben des Verteidigungsministers Oleksij Reznikow erhält das Land offenbar Antischiffsraketen der Marke Harpoon und entsprechende Startrampen dazu. Dänemark, Großbritannien und die Niederlande hätten die Lieferung zugesagt, teilte Resnikow bei Facebook mit. Die russische Marine kontrolliert derzeit die Gewässer vor der ukrainischen Schwarzmeerküste. Dadurch können auch zahlreiche zivile Schiffe die dortigen Häfen bisher nicht verlassen.

Die größte Sorge der Ukraine bleibt der Waffennachschub. Das Militär beklagt, gegen das Großaufgebot der gegnerischen Mehrfachraketenwerfer kaum ankommen zu können. Zwar sind schon zum Beispiel etliche westliche Haubitzen im Einsatz. Die ukrainischen Streitkräfte fordern aber noch mehr schwere Waffen, die weit in die gegnerischen Stellungen hineinschießen und eine Rakete nach der anderen abfeuern können. Die USA stehen offenbar kurz davor, solche Lieferungen freizugeben.

Mit Informationen von Palina Milling, WDR

Über dieses Thema berichteten am 28. Mai 2022 die tagesschau um 09:50 Uhr und tagesschau24 um 10:00 Uhr.