Ein zerstörtes Wohnhaus in Sjewjerodonezk. | REUTERS

Ukraine-Krieg Osten unter heftigem Beschuss

Stand: 27.05.2022 12:51 Uhr

Die russischen Angriffe im Osten der Ukraine gehen unvermindert weiter. Nach Angaben des Bürgermeisters von Sjewjerodonezk starben seit Kriegsbeginn dort bereits 1500 Menschen. Präsident Selenskyj wirft Moskau "Völkermord" im Donbass vor.

Die russische Armee hat ihre Angriffe im Osten der Ukraine weiter intensiviert. In Sjewjerodonezk im Gebiet Luhansk kam es laut dem Bürgermeister der Stadt zu heftigen Angriffen der russischen Truppen. Rund 12.000 bis 13.000 Menschen seien in der Stadt verblieben, 60 Prozent der Wohngebäude seien dort zerstört worden. Die ukrainischen Kräfte hielten den Angriffen noch stand, doch sei eine russische Aufklärungs- und Sabotagegruppe in ein Hotel in Sjewjerodonezk eingedrungen, meldete Strjuk. Seit Kriegsbeginn wurden in der Stadt nach offiziellen Angaben bereits rund 1500 Menschen getötet.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Die Großstädte Sjewjerodonezk und Lyssytschansk sind derzeit die äußersten ukrainischen Vorposten im Osten. Kämpfe gibt es aber auch schon im Rückraum dieser Städte, damit drohen ukrainische Truppen abgeriegelt zu werden. Auf der Nordseite dieses möglichen Kessels sei die Stadt Lyman verloren worden, bestätigte Präsidentenberater Olexyj Arestowytsch im ukrainischen Fernsehen. Auf der Südseite gab es Kämpfe um die Orte Komyschuwacha, Nirkowe und Berestowe.

Separatisten melden Einnahme von Lyman

Prorussische Separatisten meldeten die Einnahme der strategisch wichtigen Stadt Lyman in der Ostukraine. Mit Unterstützung der russischen Streitkräfte hätten sie "die vollständige Kontrolle" über Lyman erlangt, teilte der Generalstab der Separatisten in der Region Donezk im Messengerdienst Telegram mit. Insgesamt hätten die Separatisten "220 Ortschaften befreit".

Lyman ist ein wichtiger Eisenbahnknotenpunkt nordöstlich von Slowjansk und Kramatorsk. Die Eroberung von Lyman würde einen russischen Vormarsch auf die beiden Städte ermöglichen, die noch unter ukrainischer Kontrolle stehen. Die Ukraine hatte Slowjansk 2014 von den Separatisten zurückerobert. Kramatorsk ist die Hauptstadt des ukrainisch kontrollierten Teils der Region Donezk. Russland und die Ukraine äußerten sich zunächst nicht zu der gemeldeten Einnahme.

Charkiw und Donezk beschossen

Tödliche russische Angriffe wurden auch aus der nördlichen Stadt Charkiw gemeldet. Bei russischen Bombardements seien neun Menschen getötet und 19 weitere verletzt worden, sagte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj in seiner Rede. Zwar sind die russischen Truppen abgezogen, halten aber weiter ihre Stellungen im Osten von Charkiw. Die Ukrainer hoben neue Gräben um die Stadt aus und errichteten Betonsperren und Straßenkontrollpunkte, um sich auf einen möglichen neuen Angriff vorzubereiten.

Russlands Militär bestätigte die Angriffe auf Charkiw und Donezk bestätigt. Auf eine ukrainische Brigade in der heftig umkämpften Stadt Bachmut in Donezk etwa seien Raketen abgefeuert worden, sagte der Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums, Igor Konaschenkow. Im Charkiwer Gebiet seien Militärobjekte ebenfalls mit Raketen beschossen worden.

Selenskyj wirft Russland Völkermord vor

Selenskyj befürchtet angesichts der massiven russischen Angriffe im Osten einen weitgehend entvölkerten Donbass. Mit ihrer überlegenen Feuerkraft setzten die angreifenden russischen Truppen die ukrainischen Verteidiger um die Stadt Sjewjerodonezk unter Druck. "Die laufende Offensive der Besatzer im Donbass könnte die Region menschenleer machen", sagte Selenskyj in seiner abendlichen Videoansprache. Die Städte würden zerstört, die Menschen getötet oder verschleppt. Dies sei "eine offensichtliche Politik des Völkermords".

In seinem Video fragte der ukrainische Präsident zudem, warum die EU so lange brauche, um ein sechstes Sanktionspaket zu verabschieden. Noch immer verdiene Russland Milliarden mit Energieexporten, noch seien nicht alle russischen Banken sanktioniert. Wie lange müsse die Ukraine darum kämpfen, die notwendigen Waffen zu bekommen, fragte er. "Die Ukraine wird immer ein unabhängiger Staat sein und nicht zerbrechen." Die Frage sei, welchen Preis die Ukraine für ihre Freiheit zahlen müsse. Die katastrophale Entwicklung könne noch gestoppt werden, wenn die Welt den Krieg so behandeln würde, als ob sie mit der gleichen Situation wie die Ukraine konfrontiert sei.

Selenskyjs Vorwürfe sind ein rhetorisches Echo auf die Anschuldigungen Moskaus: Der russische Präsident Wladimir Putin hatte Ende Februar den Krieg gegen die Ukraine unter dem Vorwand begonnen, den angeblichen "Völkermord" an der russischsprachigen Bevölkerung in den östlichen Regionen Luhansk und Donezk zu beenden. Im April stimmte das ukrainische Parlament einer Resolution zu, in der die Angriffe des russischen Militärs in dem Land dann als "Völkermord" bezeichnet wurden.

USA wollen eventuell Mehrfachraketenwerfer liefern

Derweil zieht die US-Regierung einem Medienbericht zufolge in Erwägung, fortschrittliche Mehrfachraketenwerfer mit hoher Reichweite in die Ukraine zu schicken. Die in den USA hergestellten Artilleriesysteme MLRS und HIMARS könnten Raketen über Hunderte Kilometer abfeuern, berichtete CNN unter Berufung auf mehrere Beamte. Ein neues militärisches Hilfspaket könnte bereits in der kommenden Woche angekündigt werden. Die Ukraine habe um diese Art von Waffen gebeten, hieß es weiter.

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. | ISW/26.05.2022

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. Bild: ISW/26.05.2022

Allerdings sei die US-Regierung zögerlich gewesen, da befürchtet werde, dass die Ukraine die Raketensysteme für Angriffe auf russisches Gebiet nutzen könnte. Es stelle sich die Frage, ob dies eine russische Vergeltungsmaßnahme zur Folge haben könnte, so CNN. US-Präsident Joe Biden hatte erst am Wochenende ein neues Milliarden-Hilfspaket der USA für die Ukraine mit einem Volumen von fast 40 Milliarden Dollar (38 Milliarden Euro) in Kraft gesetzt. Aus dem Paket entfällt rund die Hälfte der Gesamtsumme auf den Verteidigungsbereich. Davon sind sechs Milliarden Dollar für direkte militärische Hilfe für die Ukraine vorgesehen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 27. Mai 2022 um 09:00 Uhr.