Eine Frau geht an einem zerstörten Wohngebäude vorbei | AFP

Krieg gegen die Ukraine Weiter schwere Gefechte im Donbass

Stand: 24.05.2022 11:25 Uhr

Russlands Angriffe konzentrieren sich weiter auf den Osten der Ukraine. Nach Angaben des Gouverneurs von Luhansk wollen immer mehr Menschen flüchten - doch Evakuierungen seien wegen des schweren Beschusses nicht immer möglich.

Russlands Truppen streben im Donbass ukrainischen Angaben zufolge weiterhin die vollständige Eroberung des Gebiets Luhansk an. "Der Feind hört nicht auf anzugreifen", teilte der ukrainische Generalstab mit. Insbesondere werde versucht, die strategisch wichtigen Städte Sjewjerodonezk und Lyssytschansk einzukreisen. Zugleich hätten Russlands Streitkräfte bei Sjewjerodonezk aber auch besonders hohe Verluste zu beklagen, hieß es weiter. Diese Angaben ließen sich zunächst nicht überprüfen.

Auch um die Stadt Bachmut im Gebiet Donezk werde weiter heftig gekämpft. Der Fall von Bachmut würde den russischen Truppen die Kontrolle über einen entscheidenden Knotenpunkt verschaffen, der derzeit als Kommandozentrale für einen Großteil der ukrainischen Kriegsanstrengungen im Osten dient. "Wir haben einen Punkt erreicht, an dem wir dabei sind, Evakuierungen zur Pflicht zu machen", sagte der Leiter der Militärverwaltung von Bachmut, Serhij Kalian.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Auch der Gouverneur von Luhansk, Serhij Hajdaj, sprach von einer zunehmenden Zahl von Evakuierungen aus dem umkämpften Gebiet im ukrainischen Donbass. Die Polizei setze wegen des russischen Angriffskriegs die Evakuierungen täglich fort und die Zahl derer, die gehen wollten, steige. Durch den schweren Beschuss seien Evakuierungen jedoch teilweise unmöglich. "Eine solche Dichte des Beschusses wird es uns nicht erlauben, die Menschen in aller Ruhe zu sammeln und sie zu holen", schrieb Hajdaj auf Telegram. Die Menschen würden sich dem Risiko aussetzen, weil das, was in den Städten passiere, viel schlimmer sei.

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. | ISW/23.05.2022

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. Bild: ISW/23.05.2022

Russland meldet Zerstörung von Waffenlager

Eigenen Angaben zufolge trafen die russischen Truppen bei Angriffen im Donbass ein ukrainisches Waffenlager. Dieses werde genutzt, um Artilleriegranaten für Haubitzen des Typs M777 aus US-amerikanischer Produktion zu lagern, teilte das Verteidigungsministerium in Moskau mit. Im Süden schien die Front hingegen stabil zu sein, auch wenn die Ukrainer Gewinne für sich beanspruchen. Das ukrainische Südkommando berichtete von einem "Vorstoß" seiner Divisionen "durch die Region Mykolajiw in Richtung der Region Cherson".

Nach Einschätzung britischer Geheimdienste machte Russland bei seiner Offensive in der Ostukraine einige lokale Fortschritte. Moskau habe die Intensität seiner Aktivitäten im Donbass deutlich verstärkt und versuche dort, mehrere Städte zu umzingeln, hieß es in einem Update des britischen Verteidigungsministeriums. Allerdings sei dies nur ein Teil von Russlands Mission, die gesamte Donbass-Region unter seine Kontrolle zu bringen. Der ukrainische Widerstand sei stark. Sollte sich die Frontlinie im Donbass weiter nach Westen verschieben, werde dies mutmaßlich weitere logistische Schwierigkeiten für die Russen mit sich bringen, so die britischen Geheimdienste.

Selenskyj: Russland führt "totalen Krieg"

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj warf den russischen Angriffstruppen blinde Zerstörungswut vor. Russland führe einen "totalen Krieg" gegen sein Land, sagte Selenskyj in seiner Videoansprache ans Volk. Moskau gehe es darum, so viele Menschen in der Ukraine zu töten und so viel Infrastruktur zu zerstören wie nur möglich.

Seit Beginn ihres Angriffskriegs am 24. Februar habe die russische Armee 1474 Raketenangriffe auf sein Land ausgeführt und dabei 2275 verschiedene Raketen eingesetzt. Zumeist seien zivile Ziele getroffen worden. In diesem Zeitraum habe Russland mehr als 3000 Luftangriffe geflogen. Eine Attacke auf die 55 Kilometer nördlich von Kiew gelegene Stadt Desna habe 87 Tote zur Folge gehabt, ergänzte Selenskyj. "Tatsächlich hat es einen solchen Krieg auf dem europäischen Kontinent seit 77 Jahren nicht mehr gegeben."

Selenskyj appellierte an seine Landsleute, die nicht auf dem Schlachtfeld kämpfen, auf jede erdenkliche Weise zu helfen. Er selbst arbeite darauf hin, den internationalen Druck auf Russland zu erhöhen und für sein Land mehr Unterstützung zu bekommen. "Absolute Priorität haben Waffen und Munition für die Ukraine."

"Hauptziel in Mariupol wurde erreicht"

Drei Monate nach Kriegsbeginn hat sich Russlands Armee vor allem auf Angriffe im Osten des Nachbarlandes konzentriert. Insbesondere nach dem Fall der Hafenstadt Mariupol vor einigen Tagen befürchtet die Ukraine dort nun verstärkt russische Offensiven. Ein Berater des ukrainischen Verteidigungsministers sieht das militärische Hauptziel in Mariupol dennoch als erreicht an.

"Das Hauptziel wurde erreicht in Mariupol. Es war, die russischen Gruppierungen zurückzuhalten, (...) mehr als 20.000 russische Soldaten. Und das wurde möglich gemacht Dank der Heldentaten der Verteidiger von Mariupol und der Verteidiger, die später in Asowstal waren", sagte Jurij Sak im ARD-Morgenmagazin. Dadurch hätten die russischen Truppen keine anderen Gebiete im Osten der Ukraine erobern können.

Die Soldaten von Asowstal hätten den Ukrainern Zeit gegeben, sich neu zu gruppieren und mehr Militärhilfe von ihren internationalen Partnern zu erhalten. "Aus dieser Perspektive wurde das Ziel erreicht", so Sak. Die letzten ukrainischen Kämpfer im Asowstal-Werk in Mariupol hatten sich in der vergangenen Woche ergeben. Die Ukraine werde den Krieg als gewonnen ansehen, wenn sich die russischen Truppen an die Grenzen zurückzögen, die vor dem 24. Februar gültig waren, sagte Sak.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 24. Mai 2022 um 09:00 Uhr.