Mykola Kulischenko steht an einem Tisch mit Bildern seiner getöteten Brüder. | Daniel Hechler
Reportage

Kriegsverbrechen in der Ukraine Dem Grab entkommen

Stand: 20.05.2022 10:45 Uhr

Mehr als 11.000 Ermittlungsverfahren wegen möglicher Kriegsverbrechen laufen in der Ukraine. Ein Mann aus einem Dorf im Norden beschreibt, wie russische Soldaten ihn und seine Brüder hinrichten wollten.

Von Daniel Hechler, ARD-Studio Kairo, zzt. Dowschyk

Jeden Tag kommen sie zum Grab ihrer Brüder Jewhen und Dmytro, bringen Blumen, küssen ihre Fotos, beten. Irina und Mykola Kulischenko wollen ihren Liebsten nahe sein. Auch zwei Monate nach dem grausamen Tod der beiden Männer können sie immer noch nicht fassen, was geschehen ist. "Ich spüre diese tiefe Wunde in meiner Seele, ich kann sie nicht mit Worten fassen. Ich vermisse sie. Ich vermisse sie so sehr", sagt Mykola.

Daniel Hechler ARD-Studio Kairo

Seine Schwester will ihre Trauer, ihre Wut mit der ganzen Welt teilen. Alle sollen von dem Unrecht, von ihrem Leid erfahren: "Ich möchte die ganze Menschheit aufrütteln, auch die Ukrainer, die sagen, das seien alles Märchen", sagt sie unter Tränen. Für sie sind es schwerste Kriegsverbrechen, verübt von russischen Besatzern.

"Es war furchteinflößend"

Am 28. Februar überfielen russische Streitkräfte das beschauliche Dorf Dowschyk im Norden der Ukraine. Die 300 Einwohner erlebten Wochen einer Schreckensherrschaft, wie sie erzählen. Zahllose Militärfahrzeuge seien auf dem Weg nach Kiew durch die Straßen gedonnert. Die Soldaten hätten Checkpoints eingerichtet.

Die Schülerin Masha erinnert sich: "Am Anfang haben sie auf Menschen geschossen. Die Leute haben sich versteckt. Als die Russen dann ihre Straßensperren errichtet haben, sollten alle rote Armbinden tragen." Rentnerin Tanja ergänzt: "Es war furchteinflößend. Sie fuhren die ganze Zeit in Kolonnen an uns vorbei. Wir haben das Licht ausgeschaltet und die Fenster mit Decken zugehängt."

Militäruniform als Verhängnis

Auch Mykola Kulischenko lebte mit seinen beiden Brüdern Jewhen und Dmytro zurückgezogen im gemeinsamen Haus. Über Wochen blieben sie unbehelligt, hofften verschont zu werden.

Nachdem ein russischer Posten unter Beschuss ukrainischer Kräfte geraten war, rückten russische Soldaten mit einem Militärfahrzeug an, durchbrachen den Gartenzaun, stürmten ins Haus. Womöglich ein Racheakt, wie Mykola vermutet. Sie durchwühlten Schränke und Schubladen, fanden Jewhens Militäruniform. Er war Feldjäger bei der ukrainischen Armee. Außerdem entdeckten sie militärische Orden des Großvaters. Das reichte, um sie abzuführen, im Kofferraum eines Lastwagens an einen unbekannten Ort zu verschleppen, sie dort brutal zu verprügeln. So zumindest schildert Mykola, was geschah.

Irina und Mykola Kulischenko stehen vor Grabkränzen. | Daniel Hechler

Irina und Mykola Kulischenko am Grab ihrer Brüder Jewhen und Dmytro. Bild: Daniel Hechler

Mit letzter Kraft befreit

Nach drei Tagen sollten sie hingerichtet werden. Mit verbundenen Augen und gefesselt wurden die drei Brüder in ein Waldstück gebracht. Den Weg merkte sich Mykola ganz genau. Vor ihnen wurde eine Grube ausgehoben.

Dann ging alles ganz schnell, wie der 33-Jährige erzählt. "Ich musste auf die Knie. Schenja, der Jüngste, wurde zuerst erschossen. Sie haben noch darüber gelacht, dass der Jüngste zuerst tot war."

Er spürte, wie sein jüngster Bruder Jewhen in die Grube fiel. Anschließend war Mykola dran. Wie durch ein Wunder streifte die Kugel nur seine Wange. Er ließ sich in die Grube fallen, stellte sich tot, sein zweiter Bruder stürzte nach einem Kopfschuss auf ihn. Die Soldaten schütteten Erde auf sie.

Mykola konnte sich mit letzter Kraft befreien, der Grube entkommen. An eine göttliche Fügung will er nicht glauben. "Ich weiß nicht, warum ich überlebt habe. Man kann es nicht Glück nennen. Vielleicht Zufall."

Entschlossen, die Täter zu stellen

Im Nachbardorf haben ihn ukrainische Anwohner aufgenommen und versorgt. Anschließend kehrte er zurück in sein Haus. Nach dem Abzug der russischen Streitkräfte schaltete Mykola die Polizei ein, die Staatsanwaltschaft nahm Ermittlungen auf. Es gelang ihm, den Weg zum Tatort zu rekonstruieren und die Ermittler dorthin zu führen.

Die Leichen seiner beiden Brüder wurden exhumiert. Noch heute liegen dort die Schuhe seines Bruders und seine Augenbinde. Vor allem eines gibt ihm nach den traumatischen Erlebnissen Kraft, sagt Mykola: die unbedingte Entschlossenheit, die Täter zur Rechenschaft zu ziehen. Das ist er, wie er glaubt, seinen Brüdern schuldig.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 19. Mai 2022 um 22:15 Uhr.