Ein Krankenhaus wurde durch Bombenangriffe beschädigt. | via REUTERS

Krieg gegen die Ukraine Viele Angriffe auf Kliniken und Praxen

Stand: 22.03.2022 16:11 Uhr

Seit fast einem Monat führt Russland Krieg gegen die Ukraine. Laut der WHO wurden seither 62 Gesundheitseinrichtungen angegriffen. Präsident Selenskyj hat vor dem italienischen Parlament härtere Sanktionen gegen Russland gefordert.

Seit Beginn des russischen Kriegs gegen die Ukraine sind nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) mindestens 62 Gesundheitseinrichtungen angegriffen worden. Dabei seien 15 Menschen ums Leben gekommen und 37 verletzt worden, teilte Sprecherin Margaret Harris in Genf mit. Weitere mögliche Angriffe würden untersucht.

Die Berichte beziehen sich auf den Zeitraum 24. Februar bis 18. März. Nach Angaben der WHO wurden sie unabhängig geprüft. Die WHO zählt dazu Angriffe auf Kliniken, Praxen, Transporte mit Medikamenten und Material, Lagerhäuser, Personal und Patienten.

Nähere Angaben zur Lage dieser Einrichtungen machte Harris nicht, "um weitere Schäden von den Überlebenden fernzuhalten". Laut UN-Experten handelt es sich bei Angriffen auf Gesundheitseinrichtungen in Konflikten um Kriegsverbrechen.

"Sie hören nicht auf, zu töten"

Nach Angaben des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj sind im Krieg schon mindestens 117 Kinder getötet worden. "Aber 117 wird nicht die letzte Zahl sein", warnte er in einer Videoschalte vor dem italienischen Parlament. Mit Blick auf die russischen Truppen fügte er hinzu: "Sie hören nicht auf, zu töten."

Selenskyj erinnerte an das Leid der Menschen in der Hafenstadt Mariupol am Schwarzen Meer, die von den Russen besonders heftig bombardiert wird. "Mariupol ist ähnlich groß wie Genua. Stellt euch vor, Genua wird komplett zerstört", sagte der Präsident. "Die Ukraine ist das Tor für die russische Armee. Sie will nach Europa. Aber die Barbarei darf nicht durch!"

In der seit Wochen von russischen Truppen belagerten Stadt sind nach Angaben der Militärverwaltung mittlerweile "mehr als 80 Prozent der Infrastruktur beschädigt oder zerstört". Laut der UN herrscht ein potenziell lebensbedrohlicher Mangel an Nahrungsmitteln, Wasser und Medikamenten.

Telefonat mit dem Papst

Selenskyj nutzte die Ansprache an die italienischen Parlamentarier, um für weitere Unterstützung zu werben. Es brauche mehr härtere Sanktionen gegen Russland. Unter anderem sollten russische Schiffe nicht mehr in ausländische Häfen anlegen dürfen.

Vor der Schalte mit dem Parlament hatte Selenskyj mit Papst Franziskus telefoniert. Man habe über die humanitäre Lage und die Blockade von Rettungskorridoren durch russische Truppen gesprochen, schrieb Selenskyj auf Twitter. "Wir würden eine Vermittlerrolle des Heiligen Stuhls schätzen, um das menschliche Leid zu beenden."

Offenbar russischer Vormarsch in Luhansk

Die Kampfhandlungen setzten sich auch bald einen Monat nach Beginn des russischen Angriffs auf das Nachbarland fort. Nach Angaben des ukrainischen Generalstabs haben die russischen Einheiten aber Probleme mit dem Nachschub.

Die Truppen des Kremls hätten noch Munition und Lebensmittel für höchstens drei Tage, hieß es vonseiten des Generalstabs in Kiew. Ähnlich sei die Lage bei der Versorgung mit Kraftstoff. Diese Angaben können nicht unabhängig überprüft werden. Die ukrainische Seite berichtete von erfolgreichen Angriffen auf russische Truppen. Konkrete Details zu Bodenkämpfen wurden nicht genannt. In der Luft seien binnen 24 Stunden neun Ziele getroffen worden, hieß es vom Generalstab.

Aus den Regionen Donezk und Luhansk in der Ostukraine meldete die russische Armee einen weiteren Vormarsch. Kämpfer hätten die Kontrolle über vier Dörfer erlangt. Diesen Angaben widersprach der ukrainische Generalstab. Die Versuche russischer Truppen, in Donezk und Luhansk weitere Gebiete einzunehmen, seien erfolglos gewesen.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

6,5 Millionen Binnenflüchtlinge

In der belagerten Stadt Mariupol sollen heute nach Regierungsangaben drei Fluchtkorridore geöffnet werden. Die Menschen aus den umliegenden Orten Berdjansk, Jurjiwka und Nikolske sollen in die Großstadt Saporischschja gebracht werden.

Offenbar in Erwartung russischer Angriffe rief der Bürgermeister von Boryspil - eine Stadt mit 60.000 Menschen, knapp 30 Kilometer südostlich von Kiew - die Zivilbevölkerung zum Verlassen der Stadt auf. Der Appell zur Evakuierung erfolge aus rein militärtaktischen Gründen, stellte er klar.

Das Hilfswerk UNHCR befürchtet, dass die Zahl der Flüchtlinge schon bald die Marke von vier Millionen übersteigen könnte. Innerhalb der Ukraine gibt es nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration mehr als 6,5 Millionen Binnenflüchtlinge.

Protestnote des Kremls an Washington

Der Kreml sieht unterdessen in den Verhandlungen mit der Ukraine bislang nicht die gewünschten Fortschritte. "Ein gewisser Prozess findet statt, aber wir würden uns wünschen, dass er energischer und substanzieller ist", sagte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow. Zum Inhalt der Gespräche mit Kiew wollte er keine Angaben machen, weil dies "den Verhandlungsprozess nur noch weiter behindern würde".

Noch düsterer bewertet Moskau das Verhältnis zu den USA. Die Regierung drohte den Vereinigten Staaten mit einem Abbruch der Beziehungen. "Gestern wurde dem amerikanischen Botschafter eine Protestnote übergeben, in der darauf hingewiesen wird, dass die Beziehungen an den Rand des Abbruchs geraten sind", sagte Vize-Außenminister Sergej Rjabkow der Agentur Interfax zufolge.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 22. März 2022 um 14:00 Uhr.