Die Atomanlage Tschernobyl aufgenommen von russischen Truppen | EPA

Stromausfall in AKW Tschernobyl IAEA sieht vorerst keine Gefahr

Stand: 09.03.2022 16:30 Uhr

Das stillgelegte ukrainische AKW Tschernobyl ist von der Stromversorgung getrennt. Außenminister Kuleba und der Betreiber warnten daher vor möglichen Strahlungslecks. Die Internationale Atomenergieagentur gibt allerdings Entwarnung.

Das ukrainische Atomkraftwerk Tschernobyl ist seit der Einnahme durch russische Einheiten zunehmend von der Außenwelt abgeschnitten. Die Überwachungssysteme der Atomruine übermittelten inzwischen auch keine Daten mehr an die internationale Atomenergieagentur (IAEA), wie deren Chef Rafael Grossi mitteilte.

Der IAEA-Chef habe darauf hingewiesen, "dass die Datenfernübertragung der im Kernkraftwerk Tschernobyl installierten Überwachungssysteme ausgefallen ist", erklärte die IAEA in Wien. "Die Agentur prüft derzeit den Status der Überwachungssysteme an anderen Standorten in der Ukraine und wird in Kürze weitere Informationen zur Verfügung stellen." Die Systeme der IAEA sollen feststellen, ob radioaktives Material entweicht.

AKW vom Strom abgeschnitten

Das Kraftwerk sei von derzeit der Stromversorgung abgeschnitten, teilte der ukrainische Netzbetreiber Ukrenerho mit. Bei dem Beschuss durch die russische Armee seien Stromleitungen beschädigt worden. Kampfhandlungen nördlich von Kiew verhinderten aktuell alle Reparaturarbeiten.

Das staatliche ukrainische Atomenergieunternehmen Energoatom warnte davor, dass radioaktive Substanzen aus dem AKW Tschernobyl austreten könnten. Da es derzeit keinen Strom gebe, könne verbrauchter Kernbrennstoff nicht gekühlt werden.

Auch der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba sagte, Strahlungslecks stünden unmittelbar bevor. Dieselgeneratoren könnten den Stromausfall nur 48 Stunden lang kompensieren. "Danach werden die Kühlsysteme für abgebrannten Kernbrennstoff abgeschaltet", schrieb Kuleba auf Twitter.

Entwarnung von der IAEA

Die IAEA gab hingegen Entwarnung. Trotz des Stromausfalls könne das radioaktive Material sicher gelagert werden. Die Brennelemente befänden sich in ausreichend großen Kühlbecken, die auch ohne Strom genug Wärme ableiten könnten. "In diesem Fall sieht die IAEA keine kritische Auswirkung auf die Sicherheit", so die Agentur auf Twitter.

Personal arbeitet seit 13 Tagen am Stück

Die russische Armee hatte das Gelände des AKW im Norden der Ukraine am ersten Tag ihres Einmarschs erobert. Mehr als 200 technische Mitarbeiter und Wachleute sind seitdem auf dem Gelände eingeschlossen. Sie arbeiten nun schon 13 Tage am Stück ohne Ablösung.

Nach IAEA-Angaben können die ukrainischen Behörden nur noch per E-Mail mit ihren Mitarbeitern vor Ort kommunizieren. "Die Situation des Personals verschlechtert sich", warnte die IAEA unter Berufung auf ukrainische Behörden. Normalerweise arbeiten mehr als 2000 Menschen in rotierenden Schichten in dem Sperrgebiet.

Grossi: "Ich bin zutiefst besorgt"

Die UN-Organisation forderte Russland auf, die Mitarbeiter austauschen zu lassen, da Ruhezeiten für die Sicherheit der Anlage entscheidend seien. "Ich bin zutiefst besorgt über die schwierige und stressige Situation, in der sich das Personal des Kernkraftwerks Tschernobyl befindet, und über die potenziellen Risiken, die dies für die nukleare Sicherheit mit sich bringt", erklärte Grossi. Er bekräftigte erneut sein Angebot, persönlich nach Tschernobyl oder an einen anderen Atom-Standort in der Ukraine zu reisen, um über die Sicherung der Nuklearanlagen in dem Krieg zu verhandeln.

Im Kernkraftwerk Tschernobyl war es 1986 zu einem verheerenden Unfall gekommen, bei dem Hunderte Menschen starben und radioaktives Material sich über ganz Europa ausbreitete. Der betroffene Reaktorblock ist seitdem stillgelegt, ein riesiger Schutzmantel soll den Austritt von Radioaktivität verhindern. Auch die übrigen Reaktorblöcke sind nicht mehr in Betrieb, der letzte wurde im Jahr 2000 abgeschaltet.

Russische Streitkräfte hatten vergangene Woche auch das größte Atomkraftwerk Europas, Saporischschja, angegriffen und eingenommen. Dabei war ein Brand auf dem Gelände ausgebrochen. Die IAEA hatte erklärt, dass zwei der sechs Reaktoren dort noch in Betrieb seien, das Personal der Anlage im Schichtbetrieb arbeite und die Strahlungswerte stabil blieben.