Ein Soldat hält sein Gewehr auf einem ukrainischen Panzer während schwerer Kämpfe an der Frontlinie in Sjewjerodonezk in der Region Luhansk.  | dpa

Krieg gegen die Ukraine Heftige Straßenkämpfe in Sjewjerodonezk

Stand: 09.06.2022 17:50 Uhr

Ukrainische Truppen versuchen, die russischen Truppen in Sjewjerodonezk abzuwehren. "Die Streitkräfte kämpfen um jede Straße und jedes Haus", sagte Gouverneur Hajdaj. Noch immer befinden sich etwa 10.000 Zivilisten in der Stadt.

In Sjewjerodonezk haben sich ukrainische Soldaten erneut erbitterte Kämpfe mit der russischen Armee geliefert. Die Streitkräfte des Kreml beschossen die Stadt in der Ostukraine aus der Luft und auch in den Straßen dauerten die Gefechte an, sagte der Gouverneur von Luhansk, Serhij Hajdaj, der Nachrichtenagentur AP.

"Die Straßenkämpfe finden mit unterschiedlichem Erfolg in den Stadtteilen statt", teilte Hajdaj mit. "Die Streitkräfte der Ukraine kämpfen um jede Straße und jedes Haus." Er räumte zwar ein, dass die russische Armee mehr als 90 Prozent des Luhansker Gebiets und auch den größten Teil von Sjewjerodonezk kontrolliere, doch der Stadt drohe noch keine Einkesselung.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

10.000 Zivilisten in der Stadt

Die Verteidiger würden sich im Industriegebiet der Stadt aufhalten, es gebe aber auch Kämpfe in anderen Stadtteilen. In Bunkern unter der Chemiefabrik Azot haben sich nach Informationen der Nachrichtenagentur dpa ukrainische Soldaten und Zivilisten in Sicherheit gebracht. Vier Menschen seien dort beim Beschuss getötet worden, teilte Hajdaj mit.

Dem Bürgermeister von Sjewjerodonezk, Olexander Strjuk, zufolge ist eine Evakuierung der Stadt nicht mehr möglich. Es befänden sich noch etwa 10.000 Zivilisten in der Stadt. Die Lage sei schwierig, aber zu bewältigen, so Strjuk.

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. | ISW/08.06.2022

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. Bild: ISW/08.06.2022

Schwerer Beschuss auf Lyssytschansk

In den Straßenschlachten könnte sich nach Einschätzung des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj das Schicksal der Donbass-Region entscheiden. "Sjewjerodonezk bleibt das Epizentrum der Auseinandersetzungen im Donbass", sagte er in einer Videobotschaft. Das ukrainische Militär füge dem Gegner dort spürbare Verluste zu

Sein Berater Olexij Arestowytsch sagte, die russischen Truppen hätten im Kampf um Sjewjerodonezk ihre Taktik geändert. Die Soldaten hätten sich aus der Stadt zurückgezogen und würden diese nun mit Artillerie und aus der Luft beschießen - allerdings ohne großen Erfolg. Auch die benachbarte Stadt Lyssytschansk werde Tag und Nacht beschossen. Die Soldaten versuchten außerdem, die Verbindungsstraße zwischen Lyssytschansk und Bachmut im Südwesten zu stürmen.

Berichte über vier Tote

In der Region Donezk dauerten ebenfalls die Kämpfe an. Gouverneur Pawlo Kyrylenk, machte Russland für vier Tote und fünf Verletzte in dem Landesteil verantwortlich, der von Regierungstruppen kontrollierten wird. "Die Lage bleibt schwierig. Die Frontlinie steht unter ständigem Beschuss", teilte Kyrylenko mit. Die ukrainische Armee sprach von sieben abgewehrten russischen Angriffen im Donbass. Dabei seien 31 Kämpfer getötet und mehrere gepanzerte Fahrzeuge zerstört worden. Das russische Militär habe beim Beschuss ukrainischer Orte etwa 20 Häuser sowie zwei Schulen und eine Bahnstation zerstört.

Das russische Militär gab unterdessen an, es habe in der Region Schytomyr westlich von Kiew eine Ausbildungseinrichtung für Söldner beschossen. Die ukrainischen Behörden äußerten sich nicht zu der Erklärung. Die russische Regierung beschuldigte die Ukraine bereits mehrfach, Söldner einzusetzen. Ausländer haben als Teil des regulären ukrainischen Militärs gekämpft; einige haben sich Freiwilligenbrigaden angeschlossen, aber es ist unklar, ob sie Söldner sind.

Hilfsangebot aus Deutschland

Bundeskanzler Olaf Scholz glaubt, dass der Krieg noch lange dauern wird. Russlands Präsident Wladimir Putin habe noch nicht verstanden, dass seine Pläne nicht aufgehen werden, sagte er in einem Interview des Radiosenders Antenne Bayern. Der Kremlchef habe offenbar die Vorstellung, wenn er alles im Donbass niedergebombt habe, die Region dem russischen Imperium einverleiben zu können.  "Das wird aber nicht funktionieren", sagte Scholz.

Gesundheitsminister Karl Lauterbach bot bei seinem Besuch in Ukraine deutsche Hilfe bei der Versorgung der vielen Schwerverletzten an. Es gehe einerseits um Behandlungen in Deutschland, aber auch um die Versorgung Verletzter in dem kriegsgeplagten Land selbst, sagte er vor der Abreise im Deutschlandfunk.

EU stellt Mittel für humanitäre Hilfe zur Verfügung

Aufgrund der humanitären Notlage will die EU der Regierung in Kiew weitere 205 Millionen Euro zur Verfügung stellen. "Mit diesen Mitteln sorgen unsere humanitären Partner für Nahrungsmittel, Wasser, medizinische Versorgung, Unterkünfte, Schutz und Bargeldhilfen", sagte der für EU-Krisenmanagement zuständige Kommissar Janez Lenarcic während eines Ukraine-Besuches. Man arbeite eng mit den ukrainischen Behörden zusammen, damit die Hilfe der EU-Mitgliedsstaaten den ständigen wechselnden Bedürfnissen entspreche, hieß es.

Die EU-Kommission wird voraussichtlich kommende Woche Freitag (17. Juni) ihre Empfehlung abgeben, ob der Ukraine der EU-Kandidatenstatus gewährt werden sollte.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 09. Juni 2022 um 09:00 Uhr.