Wolodymyr Selenskyj (Archivbild: 02.06.2022) | dpa

Angriffe auf Sjewjerodonezk "Der schwierigste Kampf in diesem Krieg"

Stand: 09.06.2022 12:02 Uhr

Russland setzt die Angriffe auf Sjewjerodonezk nach ukrainischen Angaben unvermindert fort. Dabei sollen mehrere Menschen getötet worden sein. In der Stadt entscheide sich das Schicksal des Donbass, so der ukrainische Präsident Selenskyj.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj nennt den erbitterten Kampf um die Industriestadt Sjewjerodonezk eine der vielleicht schwersten Schlachten des Krieges mit Russland. In Sjewjerodonezk entscheide sich das Schicksal des ostukrainischen Donbass, sagte Selenskyj in einer Videobotschaft. "Das ist ein sehr brutaler Kampf, sehr hart, vielleicht der schwierigste in diesem ganzen Krieg."

Russische Truppen setzten nach ukrainischen Angaben die Angriffe auf Wohn- und Industriegebiete in der Stadt fort. Die russische Armee greife mit Artillerie und Mehrfachraketenwerfern die zivile Infrastruktur in Sjewjerodonezk und anderen Orten an, teilte der ukrainische Generalstab mit. Russland weist bislang derartige Vorwürfe zurück und erklärt, keine nichtmilitärischen Ziele anzugreifen.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Vier Menschen getötet

Dem Bürgermeister von Sjewjerodonezk, Olexander Strjuk, zufolge ist eine Evakuierung der Stadt nicht mehr möglich. Es befänden sich noch etwa 10.000 Zivilisten in der Stadt. Die Lage sei schwierig, aber zu bewältigen, so Strjuk.

Vier Menschen seien beim Beschuss einer Chemiefabrik in Sjewjerodonezk getötet worden, schrieb der Regionalgouverneur von Luhansk, Serhij Hajdaj, beim Messengerdienst Telegram. Die Anlage wird ukrainischen Angaben zufolge als Luftschutzbunker für Hunderte Zivilisten genutzt. Eine vergleichbare Einkesselung durch russische Truppen wie bis vor kurzem in der Hafenstadt Mariupol drohe derzeit jedoch nicht.

Hajdaj sagte, die Ukraine könnte Sjewjerodonezk mit westlichen Waffensystemen schnell wieder unter ihre Kontrolle bringen. Sobald die Armee über Artillerie mit großer Reichweite verfüge, "um Duelle mit russischer Artillerie austragen zu können, können unsere Spezialkräfte die Stadt in zwei bis drei Tagen säubern", sagte er. Die Streitkräfte in Sjewjerodonezk seien weiterhin "hoch motiviert", die Einheiten hielten "alle ihre Positionen".. 

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. | ISW/08.06.2022

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. Bild: ISW/08.06.2022

Russland strebt vollständige Kontrolle des Donbass an

Bereits mehr als 90 Prozent des Gebiets Luhansk ist von Russland besetzt. Die beiden Städte Sjewjerodonezk und Lyssytschansk werden weiterhin von der Ukraine kontrolliert, sind aber schweren Angriffen ausgesetzt.

Vor Beginn des russischen Angriffskriegs in der Ukraine kontrollierten pro-russische Separatisten rund ein Drittel der Gebiete Luhansk und Donezk, die zusammen den Donbass bilden. Zuletzt hatte die russische Armee ihren Angriff in die ostukrainische Region verlagert, nachdem sie in anderen Teilen des Landes Rückschläge erlitten hatte.

Der russische Außenminister Sergej Lawrow hat die Einnahme des Donbass Ende Mai als "bedingungslose Priorität" bezeichnet. Es gehe darum, die ukrainische Armee aus dem Gebiet zu drängen. Moskau hatte Luhansk und Donezk vor Kriegsbeginn als unabhängige Staaten anerkannt.

Die russische Armee wolle vollständige Kontrolle über den Donbass, hatte auch der ukrainische Generalstab im Mai mitgeteilt. Damit wolle Russland einen Landkorridor zu der 2014 annektierten Krim-Halbinsel schaffen.

Duda kritisiert Scholz und Macron

Der polnische Präsident Andrzej Duda kritisierte indes Bundeskanzler Olaf Scholz und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron dafür, dass sie weiterhin Gespräche mit Russlands Präsident Wladimir Putin führen. "Diese Gespräche bringen gar nichts", sagte Duda in einem Interview mit der "Bild".

Vielmehr bewirkten sie "eine Art Legitimierung eines Menschen, der verantwortlich ist für Verbrechen, die von der russischen Armee in der Ukraine begangen werden". Putin sei allein dafür verantwortlich, seine Armee in die Ukraine geschickt zu haben und ihm unterstünden die Befehlshaber.

Die Situation sei vergleichbar mit dem Zweiten Weltkrieg. "Hat jemand während des Zweiten Weltkrieges auf diese Weise mit Adolf Hitler gesprochen?", fragte Duda. "Sagte jemand, dass er sein Gesicht bewahren muss? Dass man es so machen müsse, dass es nicht erniedrigend ist für Adolf Hitler?" Solche Stimmen kenne er nicht.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 09. Juni 2022 um 09:00 Uhr.