Wolodymyr Selenskyj | dpa

Ukrainische Gegenoffensive Kiew meldet weitere Geländegewinne

Stand: 13.09.2022 07:10 Uhr

Die Ukraine hat laut Präsident Selenskyj bei ihrer Gegenoffensive seit Anfang September 6000 Quadratkilometer zuvor russisch besetzter Gebiete zurückerobert. Er fordert zugleich eine schnellere Lieferung von Flugabwehrwaffen.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat eine Größenordnung für die von der Ukraine von Russland zurückeroberten Gebiete genannt. Im Osten und Süden des Landes seien seit Anfang September mehr als 6000 Quadratkilometer von den russischen Besatzern befreit worden, sagte er in seiner abendlichen Videoansprache.

In diesen Gebieten werden nach ukrainischen Angaben nun Landminen und andere nicht explodierte Waffen entschärft, zudem wird nach möglicherweise dort verbliebenen russischen Soldaten gesucht. Das ukrainische Militär hatte zuvor mitgeteilt, es habe im Rahmen der laufenden ukrainischen Großoffensive binnen 24 Stunden mehr als 20 Ortschaften befreit.

Das britische Verteidigungsministerium erklärte am Montag, die Ukraine habe in den vergangenen Tagen ein Gebiet zurückerobert, das mindestens doppelt so groß sei wie der Großraum London. Bewohner eines grenznahen russischen Dorfes wurden nach einem Bericht der russischen Nachrichtenagentur Tass evakuiert, nachdem bei ukrainischem Beschuss eine Person getötet worden sei.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Bitte um schnellere Lieferung von Flugabwehrwaffen

Trotz der ukrainischen Geländegewinne geht der russische Angriffskrieg ebenfalls weiter. Nach russischen Raketentreffern auf die Stromversorgung in der Ukraine forderte Selenskyj deshalb eine schnellere Lieferung von Flugabwehrwaffen. Russische Raketentreffer auf ein Kraftwerk bei Charkiw hatten am Sonntagabend große Teile des Stromnetzes in der Ostukraine zeitweise lahmgelegt.

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. | ISW/12.09.2022

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. Bild: ISW/12.09.2022

"Hunderttausende Ukrainer fanden sich im Dunkeln wieder - ohne Strom. Häuser, Krankenhäuser, Schulen, kommunale Infrastruktur", sagte Selenskyj. "Russische Raketen treffen genau jene Objekte, die absolut nichts mit der Infrastruktur der Streitkräfte unseres Landes zu tun haben." Er deutete den Beschuss als Rache für den Vormarsch der ukrainischen Armee im Gebiet Charkiw.

Die Hilfe internationaler Partner für die Ukraine müsse aufgestockt werden, sagte in seiner Videoansprache. "Gemeinsam können wir den russischen Terror überwinden." Deutschland hat der Ukraine das hochmoderne Flugabwehrsystem Iris-T zugesagt. Die Ukraine hofft auf eine schnelle Lieferung. Nach Kiewer Berichten soll die erste Einheit Ende des Jahres geschickt werden.

AKW Saporischschja wieder besser mit Strom versorgt

Das von russischen Truppen besetzte AKW Saporischschja ist inzwischen wieder an zwei Reservestromleitungen angeschlossen. So könne eine Leitung das Kühlsystem der abgeschalteten Reaktoren versorgen, die zweite sei in Reserve, teilte die Internationale Atomenergieagentur (IAEA) am Montagabend mit. Der sechste und letzte Reaktor sei heruntergefahren worden und benötige nun weniger Strom zur Kühlung.

Trotzdem bleibe die Lage am größten Kernkraftwerk Europas mitten im Kampfgebiet prekär, warnte IAEA-Chef Rafael Grossi. Die vier Hauptleitungen seien zerstört, das Kraftwerk liefere keinen Strom. "Eine nukleare Schutz- und Sicherheitszone ist dringend erforderlich", mahnte er. Er habe darüber die ersten Konsultationen mit allen Beteiligten geführt. Es gebe Anzeichen, "dass sie an diesem Abkommen interessiert sind", sagte Grossi.

Derzeit würden technische Details geprüft. Dazu gehöre der Radius um die Atomanlage, für den das Abkommen gelten würde. Die Ukraine und Russland stellten viele Fragen. "Wir versuchen, es einfach zu halten, wir versuchen, es praktikabel zu halten, weil wir es so bald wie möglich brauchen."

Die Anlage wurde früh im russischen Krieg in der Ukraine von Russland eingenommen. Sie wird aber von ukrainischen Angestellten betrieben. Die Atomanlage war wegen Beschusses von der Stromversorgung von der Außenwelt abgeschnitten worden. Sie wurde am Wochenende wieder an das ukrainische Stromnetz angeschlossen. Dadurch konnten Ingenieure den letzten noch in Betrieb gewesenen Reaktor dort herunterfahren, um eine Atomkatastrophe zu verhindern. Die IAEA hat die Schäden am Kraftwerk inspiziert und will möglichst eine Sicherheitszone um die Anlage einrichten.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 13. September 2022 um 06:30 Uhr.