Zwei ukrainische Soldaten gehen eine Straße entlang, auf der zerstörte russische Panzer stehen. (Archivbild 31.03.2022) | dpa
Reportage

Krieg gegen die Ukraine "Wir sind faktisch entwaffnet"

Stand: 16.06.2022 08:01 Uhr

Der Blick auf Deutschland ist bei ukrainischen Kämpfern gespalten: Der Hilfe durch die Bundesregierung sind sie sich zwar bewusst - aber auch dessen, dass die Unterstützung nicht reicht, um auf einen Sieg hoffen zu können.

Von Rebecca Barth, WDR, zurzeit Kiew

Auf einem Feld nahe der ukrainischen Hauptstadt Kiew halten sie noch immer die Stellung, trainieren für den Ernstfall - die Männer der territorialen Verteidigungseinheit. Während am Horizont eine Herde Schafe weidet, durchziehen tiefe Schützengräben das Feld. Sie erinnern daran, dass die Kämpfe hier noch vor wenigen Wochen ganz nah waren.

Diese Kämpfe könnten für die Freiwilligen bald wieder real werden - an der Front in der Ostukraine. Dort kämpfen bereits andere Mitglieder der Einheit, berichtet Aleksandr:

Natürlich habe ich Angst. Alle haben Angst. Wer keine Angst hat, ist verrückt. Ohne Angst geht das nicht, denn Angst schützt dich vor dem Tod.

Ukraine kritisiert fehlende Waffenlieferungen

Schätzungsweise 200 ukrainische Soldaten sterben derzeit - nach offiziellen Angaben - täglich an der Front. Und Russland rückt in der Ostukraine beständig weiter vor.

Die Ukraine hat der russischen Artillerie im Donbass kaum etwas entgegenzusetzen. 2000 gepanzerte Fahrzeuge, 1000 Haubitzen, 500 Panzer - das braucht die Ukraine laut Präsidentenberater Mychajlo Podoljak jetzt im Kampf gegen Russland. Doch von geforderten Waffen hätte die Ukraine bisher nur zehn Prozent erhalten, gibt das ukrainische Verteidigungsministerium an.

In Kiew hoffen sie daher auf Unterstützung von Bundeskanzler Olaf Scholz, sagt Aleksandr: "Ich möchte Herrn Scholz sagen, dass das nicht mehr das Russland ist, in dem er keine deutschen Panzer sehen möchte. Das ist ein anderes Russland, ein faschistischer Staat. Wenn er so sehr gegen den Faschismus ist, dann muss er das verstehen. Russland ist eine Bedrohung für die ganze Welt, für ganz Europa und die Weltordnung."

Die Übermacht der russischen Armee - "ein Mythos"

Von diplomatischen Lösungen halten sie hier nichts. Zu viel Vertrauen wurde in den vergangenen Jahren zerstört, zu viele Abkommen von Russland gebrochen.

Und nun hat auch das eigentlich hohe Ansehen Deutschlands deutliche Kratzer erlitten. Zögerlich und ängstlich sei die Bundesrepublik sagen die Männer. Dabei werde die russische Armee im Westen überschätzt, meint Kommandeur Aleksej:

Sie ist nur ein Mythos. Eine Blase, die platzen kann, wenn wir etwas zur Verteidigung hätten. Aber wir sind faktisch entwaffnet. Wir haben nichts, um zurückzuschlagen und halten trotzdem durch. Die zweitstärkste Armee der Welt ist hierhergekommen und konnte nichts erreichen. Dabei hatten wir nur ein paar Maschinengewehre. Gebt uns normale Waffen und dann war's das.

Kiew - das falsche Ziel?

Dann könne auch Europa wieder aufatmen, davon sind die Männer überzeugt. Und dann müssten auch sie nicht mehr im Krieg leben. Ruslan, ein Typ mit groben Fingern und Vollbart, der irgendwie an einen Cowboy in Tarnfleck erinnert, könnte dann wieder als Automechaniker arbeiten. So wie vor dem 24. Februar. "Dass Scholz hierher kommt, ist sehr gut. Aber eigentlich sollte er sich ansehen, was im Donbass passiert. Wie die Menschen dort sterben und wofür sie sterben", sagt Ruslan.

Auch Ruslan ist bereit für sein Land zu sterben, um seine Familie zu schützen - sodass sie nie erleben müssen, was die Menschen in Butscha, Irpin und vielen anderen Orten in der Ukraine unter russischer Besatzung erlitten haben.