Ein ukrainischer Soldat inspiziert ein zerstörtes russisches Militärfahrzeug in Charkiw. | AP

Krieg gegen die Ukraine Teilrückzug russischer Truppen beobachtet

Stand: 25.03.2022 08:02 Uhr

Die russischen Truppen sollen nach Angaben der Ukraine im Nordosten hohe Verluste erlitten und sich deshalb teilweise zurückgezogen haben. Erneut sollen Gebiete nahe der Atomruine Tschernobyl beschossen worden sein. Die IAEA ist in Sorge.

Nach Angaben der ukrainischen Streitkräfte sollen sich die russische Truppen nach hohen Verlusten im Nordosten des Landes teils zurückgezogen haben. Das teilte der ukrainische Generalstab in seinem Lagebericht mit. Demnach sei der Rückzug bestimmter russischer Einheiten hinter die russische Grenze nach dem Verlust von mehr als der Hälfte des Personals beobachtet worden.

Die russische Armee habe in vielen Bereichen nicht genügend Nachschub, um ihre Angriffe voranzutreiben, sagte der ukrainische Präsidenten-Berater Olexii Arestowytsch. "Die Frontlinie ist momentan praktisch eingefroren. Der Feind hat in vielen Gebieten nicht die Mittel, um die Offensive fortzusetzen." Die russischen Truppen hätten Probleme mit der Materialversorgung - mit Treibstoff, Munition und anderen Materialien. "Sie sind nackte, barfüßige Besetzer", sagte Arestowytsch.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Ukraine meldet Zerstörung russischer Kriegsschiffe

Nach Einschätzung britischer Geheimdienste haben die ukrainischen Streitkräfte damit begonnen, Ziele in von Russland gehaltenen Gebieten anzugreifen. Darunter seien etwa ein Landungsschiff oder ein Munitionslager in der Stadt Berdjansk, heißt es in einem Update des britischen Verteidigungsministeriums unter Berufung auf Geheimdienstinformationen, das am späten Donnerstagabend veröffentlicht wurde.

Der ukrainische Generalstab hatte mitgeteilt, bei einem Angriff auf den von russischen Einheiten eingenommenen Hafen der Stadt Berdjansk das Landungsschiff "Saratow" zerstört zu haben. Zwei weitere derartige Schiffe, "Caesar Kunikow" und "Novotscherkassk", seien beschädigt worden. Tags zuvor hatte die ukrainische Marine mitgeteilt, sie habe auch den Truppentransporter "Orsk" zerstört.

Es sei wahrscheinlich, dass die ukrainischen Streitkräfte in den von Russland kontrollierten Gebieten weiterhin auf für die Logistik wichtige Einrichtungen abzielten, hieß es in dem britischen Bericht weiter. Dies werde das russische Militär dazu zwingen, der Verteidigung seiner Versorgungskette Vorrang einzuräumen. Das werde wiederum die Fähigkeit russischer Truppen zur Durchführung von Offensivoperationen verringern und der ohnehin schon schwindenden Moral weiter schaden.

Ukraine: Beschuss von Gebiet um Tschernobyl

Erneut soll es zu einem Beschuss durch russische Truppen von Gebieten nahe der Atomruine Tschernobyl gekommen sein. Russische Streitkräfte hätten ukrainische Kontrollpunkte in der Stadt Slawutytsch unter Beschuss genommen, teilte der Generaldirektor der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA), Rafael Grossi, unter Berufung auf Informationen der ukrainischen Atomaufsichtsbehörde mit. Dies gefährde laut Kiew "die Häuser und Familien des Betriebspersonals, das die nukleare und radioaktive Sicherheit" des ehemaligen AKW gewährleiste sowie weitere Rotationen der Angestellten.

In der Kleinstadt Slawutytsch mit rund 25.000 Einwohnern, die sich außerhalb der Sperrzone befindet, leben viele Menschen, die im nahe gelegenen ehemaligen Kernkraftwerk Tschernobyl arbeiten. Generaldirektor Grossi habe sich besorgt über diese Entwicklung gezeigt, hieß es in der Mitteilung weiter. Erst vor wenigen Tagen habe das technische Personal des ehemaligen Atomkraftwerks nach fast vier Wochen Arbeit ohne Schichtwechsel in seine Häuser in Slawutytsch gehen und sich ausruhen können.

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. | ISW/23.03.2022

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. Bild: ISW/23.03.2022

Russische Armee vor neuer Offensive?

Angaben der ukrainischen Armee zufolge würden russische Einheiten weiter die zweitgrößte Stadt Charkiw und die Großstadt Sumy blockieren. Bei Isjum im Gebiet Charkiw bereiteten sich russische Truppen auf eine neue Offensive vor. Moskau gelinge es teilweise, die Landverbindung zwischen dem russischen Gebiet Rostow an der ukrainischen Grenze und der von Russland annektierten Halbinsel Krim zu halten. Ukrainischen Angaben zufolge wurden zudem ukrainische Streitkräfte in der Region Dnipropetrowsk angegriffen.

Russland habe eine Militäreinheit am Rande der Stadt Dnipro zweimal mit Raketen angegriffen, teilte eine lokale Behörde der Region auf Facebook mit. Die Gebäude der Einheit seien dabei "erheblich" beschädigt worden und zwei Brände ausgebrochen. Weitere Details etwa zu Opfern gab es zunächst nicht. Die Angaben sind nicht unabhängig zu prüfen.

Nach Angaben von Vertretern der Separatisten soll die ukrainische Armee die Kleinstadt Solote im Gebiet Luhansk mit Artillerie beschossen haben. Dabei sei ein Wohnhaus beschädigt und ein Schuppen zerstört worden, teilte ein Vertreter des Separatistengebietes Luhansk auf Telegram mit. Vier Granaten seien auf das Haus abgefeuert worden.


Mit Informationen von Karin Bensch, WDR.