Lastwagen der russischen Armee fahren im Zuge des Ukraine-Russland-Konflikts nahe der Siedlung Oleniwka über ein Weizenfeld | REUTERS

Einschätzung Großbritanniens Russland verlagert Truppen in den Südwesten

Stand: 06.08.2022 12:00 Uhr

Nach Einschätzung des britischen Geheimdienstes verlagert Russland seine Truppen vom Osten der Ukraine in den Südwesten - ob zum Angriff oder zur Verteidigung, ist unklar. London spricht von einer neuen Phase des Krieges.

Der Krieg in der Ukraine steht nach Einschätzung des britischen Militärgeheimdienstes unmittelbar vor einer neuen Phase. Die meisten Kämpfe verlagerten sich demnach vom Donbass an eine fast 350 Kilometer lange Front, die sich im Südwesten parallel zum Fluss Dnjepr erstreckt. Die Gefechtslinie verliefe dann von der Gegend um Saporischschija bis nach Cherson. Das teilte das Verteidigungsministerium in London auf Twitter unter Berufung auf den jüngsten Geheimdienstbericht mit.

Truppenbewegungen nach Südwesten

Russische Streitkräfte versammelten sich den Erkenntnissen zufolge im Süden der Ukraine. Dort erwarteten sie eine ukrainische Gegenoffensive oder seien in Vorbereitung eines möglichen eigenen Angriffs. Noch immer zögen lange russische Konvois aus Militärlastwagen, Panzern und Artillerie vom Donbass im Osten der Ukraine in Richtung Südwesten, hieß es in dem Geheimdienstbericht.

Taktische Bataillone, die 800 bis 1000 Soldaten umfassen, seien auf der Halbinsel Krim stationiert worden und würden sehr wahrscheinlich die russischen Truppen in Cherson unterstützen. Die Region liegt der 2014 von Russland annektierten Krim gegenüber auf dem ukrainischen Festland.

Ukrainer zerstören Infrastruktur

Die ukrainischen Streitkräfte wiederum konzentrieren ihre Angriffe nach britischen Angaben auf Brücken, Munitionsdepots und Eisenbahnverbindungen im Süden. Darunter sei auch der strategisch wichtige Eisenbahnanschluss, der Cherson mit der Krim verbindet. Die ukrainischen Angriffe kämen in immer kürzeren Abständen.

Russen attackieren Verteidigungslinie im Osten

Die Ukraine erklärte derweil, die russischen Truppen attackierten mit Panzern und Artillerie den Ort Bachmut, einen Eckpfeiler des Verteidigungssystems rund um den letzten von Ukrainern gehaltenen Ballungsraum im Donbass.

Das Hauptquartier der ukrainischen Truppen im Osten befindet sich im Gebiet zwischen Slowjansk und Kramatorsk, wo vor dem Krieg gut eine halbe Million Menschen lebten. Von Osten her ist dieser Raum durch die Festungslinie Siwersk - Soledar - Bachmut gesichert. Diese gerät nun an mehreren Stellen ins Wanken.

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. | ISW/05.08.2022

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. Bild: ISW/05.08.2022

Ukraine greift im Süden an

Im Süden des Landes hingegen sind ukrainische Truppen offenbar auf dem Vormarsch. Dort konzentrierten sich die russischen Einheiten darauf, ihre Positionen in den besetzten Gebieten zu verteidigen, heißt es im Lagebericht. Die Kommandostelle Süd des ukrainischen Militärs hatte zuvor bereits berichtet, mindestens sechs russische Waffen- und Munitionsdepots sowie zwei Kommandopunkte im Gebiet Cherson vernichtet zu haben. Unabhängig können die Angaben nicht überprüft werden.

Schuldzuweisungen nach AKW-Beschuss

Auch um das größte europäische Atomkraftwerk in Saporischschja wird gekämpft. Die Anlage, die von russischen Truppen besetzt ist, wurde gestern von Artillerie beschossen. Moskau und Kiew werfen sich gegenseitig vor, dafür verantwortlich zu sein. Ukraines Präsident Wolodymyr Selensykj erklärte, Russland habe das AKW-Gelände selbst angegriffen. Er sprach von einem "Akt des Terrorismus" und forderte weitere Sanktionen gegen Russland.

Erst vor wenigen Tagen hatte sich die Internationale Atomenergiebehörde besorgt gezeigt. Eine Inspektion zur Prüfung der technischen Sicherheit des AKW sei dringend erforderlich, sagte IAEA-Chef Rafael Grossi.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 06. August 2022 um 13:00 Uhr.