Feuerwehrleute bei Aufräumarbeiten in Kiew. | REUTERS

Tausende ohne Strom Raketenangriffe auf ukrainische Städte

Stand: 16.11.2022 01:36 Uhr

Mehrere Städte in der Ukraine sind Ziel von Raketenbeschuss geworden. Es sollen die bislang massivsten Raketenangriffe gewesen sein. Regierungsangaben zufolge sind Millionen Haushalte infolge der Attacken ohne Strom.

In der Ukraine sind mehrere Städte mit Raketen beschossen worden. Die Angriffe zielten Angaben ukrainischer Behörden zufolge erneut auf die Energieversorgung ab. Auch in Kiew sollen Tausende Menschen ohne Strom sein.

In der Hauptstadt Kiew sollen zwei Wohngebäude von Raketen getroffen worden sein, wie der Bürgermeister der Stadt, Vitali Klitschko, auf seinem Telegram-Kanal mitteilte. Rettungsdienste seien vor Ort. Bei den Angriffen habe es mindestens ein Todesopfer gegeben, zitierte die Nachrichtenagentur Reuters den Kiewer Bürgermeister. Aus einem beschossenen Wohnhaus im Bezirk Petschersk sei eine Leiche geborgen worden.

Auch der stellvertretende Leiter des ukrainischen Präsidialbüros, Kyrylo Tymoschenko, verbreitete im Internet Videoaufnahmen, die ein brennendes Wohnhaus in Kiew zeigen sollen. Zudem seien mehrere Raketen über Kiew rechtzeitig abgefangen worden, erklärten Klitschko und Tymoschenko übereinstimmend.

"Die Gefahr ist nicht vorbei", warnte Tymoschenko und rief die Bewohnerinnen und Bewohner von Kiew auf, weiterhin Schutzräume aufzusuchen.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Ukrainisches Militär: 100 Raketen abgefeuert

Neben Kiew sollen auch die Städte Lwiw und Charkiw von Raketen beschossen worden seien, wie mehrere Nachrichtenagenturen übereinstimmend berichteten. Der Agentur Reuters zufolge sprach der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj in einer Videobotschaft von 85 Raketenangriffe, die auf sein Land verübt worden seien. Die meisten davon hätten auf die Energieversorgung abgezielt, die in vielen Teilen der Ukraine zusammengebrochen sei.

Im ukrainischen Fernsehen nannte der Sprecher der ukrainischen Luftstreitkräfte, Jurij Ihnat, die Zahl von 100 Raketen, die auf die Ukraine abgefeuert worden seien. Das seien mehr als bei dem Beschuss Anfang Oktober, kurz nach dem Anschlag auf die Brücke zur von Russland annektierten Halbinsel Krim. Damals wurden 84 Raketen auf das Land abgefeuert.

Selenskyj: Mehr als 10 Millionen Haushalte ohne Strom

Nach Angaben von Präsident Wolodymyr Selenskyj seien etwa zehn Millionen Menschen ohne Strom. Das betreffe vor allem die Regionen Charkiw, Schytomyr, Kiew und Lwiw, sagte Selenskyj am Abend in seiner abendlichen Videoansprache. In Lwiw und anderen Städten sei die Fernwärme abgeschaltet worden. "Im ganzen Land gibt es Probleme mit der Kommunikation und dem Internet."

Infolge der Angriffe auf das Stromnetz seien an zwei ukrainischen Kernkraftwerken Reaktorblöcke automatisch abgeschaltet worden, sagte Selenskyj ohne weitere Einzelheiten zu nennen.

Er deutete den schweren Angriff als Russlands Antwort darauf, dass sich beim G20-Gipfel auch Länder wie Indonesien, China und Indien gegen den Krieg ausgesprochen hätten. "Russland sagt der Welt, dass es weitermachen will", sagte Selenskyj. Darauf müsse die Welt reagieren, forderte er.

Notfallabschaltungen des Stroms

Laut Vize-Präsidialamtsleiter Tymoschenko wurden insgesamt 15 Standorte beschädigt, die der Energieversorgung dienten. Netzbetreiber seien gezwungen gewesen, notfallmäßig Teile der Stromversorgung abzuschalten.

Angaben des Stromnetzbetreibers Ukrenerho zufolge seien die schlimmsten Schäden in den nördlichen und zentralen Regionen der Ukraine entstanden. Dort sei notfallmäßig der Strom ausgeschaltet worden. In der Hauptstadt Kiew werde ebenfalls die Versorgung gekappt. Auch Kiews Bürgermeister Klitschko meldete massive Ausfälle bei der Energieversorgung: Mindestens die Hälfte der Bewohnerinnen und Bewohner der Hauptstadt sei ohne Strom.

Sowohl der Bürgermeister von Lwiw als auch von Charkiw sprachen nach den Raketenangriffen, die beide bestätigten, von massiven Stromausfällen in ihren Städten.

Das Außenministerium in Moldau meldete nach dem russischen Raketenbeschuss auf das Nachbarland Ukraine Stromausfälle. Eine wichtige Leitung, die Moldau mit Strom versorge, sei zwar nicht beschädigt, aber aus Sicherheitsgründen automatisch vom Netz getrennt worden, teilte der Infrastrukturminister des Landes, Andrei Spinu, mit. Das habe zu massiven Stromausfällen im ganzen Land geführt. Der Betreiber Moldelectrica sei dabei, die Versorgung wieder herzustellen.

USA verurteilen Angriffe

Der Nationale Sicherheitsberater der USA, Jake Sullivan, verurteilte die Raketenangriffe auf die Ukraine auf das Schärfste. In einem Statement hieß es, Russland bedrohe erneut Leben und zerstöre kritische Infrastruktur, während auf Bali die G20-Staats- und Regierungschefs über Themen beraten würden, welche für die Lebensgrundlagen von Mensch auf der ganzen Welt von erheblicher Bedeutung seien. Die erneuten Angriffe Russlands würden die Sorgen der G20 nur weiter schüren.

Andrij Jermak, Stabschef des ukrainischen Präsidenten Selenskyj, sieht in dem Beschuss eine direkte Reaktion Russlands auf die Rede, welche Selenskyj per Videoschalte auf dem G20-Gipfel gehalten hat. "Russland reagiert auf Selenskyjs kraftvolle Rede beim G20 mit einem neuen Raketenangriff", twitterte Jermak.

Selenskyj hatte in seiner Rede erneut einen vollständigen Abzug der russischen Truppen aus der Ukraine und die Wiederherstellung der territorialen Unversehrtheit des Landes als Voraussetzungen für ein Ende des Krieges erklärt. Die G20-Staaten wollen den russischen Angriffskrieg einem Entwurf ihrer Abschlusserklärung des gemeinsamen Treffens auf Bali offenbar scharf verurteilen.