Ein Anwohner geht an einem zerstörten Fahrzeug in der Stadt Lyssytschansk vrobei. | REUTERS

Krieg in der Ukraine Kein Tag ohne Tote in Donezk

Stand: 08.07.2022 13:14 Uhr

An Tag 135 des russischen Krieges gegen die Ukraine spitzt sich die Lage für Zivilisten im Donbass weiter zu. Besonders im Gebiet Donezk stehen Städte und Siedlungen nahezu täglich unter Beschuss.

Von Palina Milling, für das ARD-Studio Moskau, zzt. in Köln

Tag für Tag gibt es ähnliche Bilder aus dem Gebiet Donezk: Trümmer von Wohnhäusern, Glassplitter, Zivilisten in Staub und Blut. Nachdem russische Truppen die benachbarte Region Luhansk nahezu vollständig erobert haben, wird es aus dem Donezker Gebiet vermutlich mehr solche Bilder geben. Die Angriffe werden sich stärker dorthin verlagern - darin sind sich Militäranalysten einig.

Palina Milling

Wenn Gouverneur Pawlo Kirilenko täglich über den Stand in seiner Region berichtet, merkt man, dass er noch schlimmere Zeiten kommen sieht. Dabei ist die Lage schon seit Kriegsbeginn schwer auszuhalten. Es gebe keinen einzigen Tag, an dem keine Getöteten und Verletzten in der Region Donezk gemeldet würden, erklärt Kirilenko. Er könne sich nicht mal an einen solchen Tag erinnern - weder im vergangenen Monat noch in den zwei bis drei Monaten davor. "Die Menschen sterben täglich", sagt er.

Ständiger Beschuss an der Front

Die Frontlinie verläuft mitten durch das Gebiet Donezk. Kirilenko spricht vom ständigen Beschuss entlang der gesamten Front. Tag für Tag ruft er die Bevölkerung dazu auf, die Gegend zu verlassen. Nach seinen Angaben halten sich in der Region noch immer bis zu 350.000 Menschen auf.

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. | ISW/07.07.2022

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. Bild: ISW/07.07.2022

Viele von ihnen schweben praktisch in Lebensgefahr. Jederzeit kann ein Geschoss angeflogen kommen. So wie gestern in der Kleinstadt Torezk, nur zwölf Kilometer von der Front entfernt. Mehrere Einfamilienhäuser sind zusammengekracht. Ein Einwohner beschrieb im Fernsehen: "Alles ist zerborsten, die Körper wurden zerfetzt. Es waren drei Frauen, Tochter, Mutter und Oma. Die sind doch an nichts schuld. Wenn sie geschlafen haben, dann haben sie hoffentlich nichts gespürt."

Einschläge auch in Slowjansk

Auch Slowjansk, etwa 50 Kilometer nördlich, steht im Visier. Bilder zeigen eine ältere Frau auf einem nahezu leeren Markt in der Stadt. Sie schildert Reportern, wie sie Beschuss und Einschläge erlebt: "Man schaut um sich herum, alles ist zerstört, getötete Menschen liegen einfach da. Verletzte Kinder, verletzte Haustiere."

Ihre Stimme bricht, man sieht, dass sie die Tränen kaum zurückhalten kann. Nach verschiedenen Schätzungen könnten sich in Slowjansk noch etwa 20.000 Zivilisten aufhalten, ungefähr ein Fünftel der Bewohner der Vorkriegszeit. Die Versorgung bricht regelmäßig zusammen. Strom und Wasser gibt es nur hin und wieder.

Putin fordert den Westen heraus

Das tägliche Zählen der Toten, das tägliche Ausrücken der Rettungskräfte, das Leid, die Angst und die bedrohliche Perspektive, dass nach zähen viereinhalb Kriegsmonaten der Albtraum erst begonnen hat. Wenn es nach Wladimir Putin geht, ist es offenbar so. Vor hochrangigen Vertretern des russischen Parlaments sagte er:

Wir hören aktuell, dass man uns auf dem Schlachtfeld besiegen wolle. Nun was soll ich sagen? Sollen sie es doch versuchen. […] Aber alle sollten wissen, dass wir im Großen und Ganzen noch nicht richtig losgelegt haben.

Ein Viertel der Ukrainer auf der Flucht

Mehr als ein Viertel der ukrainischen Bevölkerung ist nach Angaben des UN-Flüchtlingswerkes im Aus- oder Inland auf der Flucht. Friedensverhandlungen mit der Ukraine lehne man nicht ab, sagte Putin. Es werde aber schwieriger zu verhandeln, je länger es dauere. Die Gespräche zwischen den Kriegsparteien sind vor mehreren Wochen abgebrochen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 08. Juli 2022 um 12:10 Uhr.