Rauch steigt über dem belagerten Stahlwerk Asowstal in Mariupol auf. (2.5.2022)  | REUTERS

Lage in Mariupol Sturm auf Stahlwerk begonnen

Stand: 03.05.2022 21:50 Uhr

Etwa 200 Zivilisten sitzen weiterhin im belagerten Stahlwerk Asowstal in Mariupol fest. Ob weitere Evakuierungen stattfinden können, ist fraglich. Laut Russland und der Ukraine haben die russischen Truppen mit dem Sturm auf das Werk begonnen.

In der ukrainischen Hafenstadt Mariupol haben russische Truppen mit der Erstürmung des belagerten Stahlwerks Asowstal begonnen. Das Verteidigungsministerium in Moskau erklärte laut russischen Nachrichtenagenturen, "Einheiten der russischen Armee und der Volksrepublik Donezk" hätten "mit Artillerie und Flugzeugen" begonnen, "Gefechtsstellungen" ukrainischer Truppen zu zerstören.

Die ukrainische Armee bestätigte das. Derzeit laufe ein großangelegter Angriff russischer Bodentruppen mit Panzern auf den Industriekomplex, erklärte der stellvertretende Kommandeur des Asow-Regiments, Swjatoslaw Palamar, in einer Videobotschaft im Messengerdienst Telegram. Die russischen Streitkräfte versuchten, "eine große Anzahl an Bodentruppen mit Booten" anzulanden.

"Wir werden alles tun, um diesen Angriff abzuwehren", sagte Palamar weiter. "Aber wir fordern sofortige Maßnahmen zur Evakuierung der Zivilisten, die sich auf dem Gelände der Anlage befinden". Laut Palamar war der Komplex die gesamte Nacht über bombardiert worden, zwei Frauen seien dabei getötet worden. Das Stahlwerk ist der letzte Rückzugsort der ukrainischen Einheiten in Mariupol. 

Mehr als 100 Gerettete in Saporischschja angekommen

Neben ukrainischen Kämpfern sollen auf dem Werksgelände auch noch etwa 200 Zivilisten festsitzen. Am Wochenende waren zwar mit internationaler Hilfe mehr als 120 Menschen gerettet worden. Eine weitere geplante Evakuierungsaktion am Montag scheiterte jedoch. Insgesamt sollen in Mariupol immer noch 100.000 von ursprünglich mehr als 400.000 Einwohnern sein.

Von den am Wochenende geretteten Menschen haben inzwischen mehr als 100 die Stadt Saporischschja erreicht. Saporischschja ist unter ukrainischer Kontrolle und liegt etwa 230 Kilometer nordwestlich von Mariupol. Einige seien verletzt, teilte das Internationale Komitee vom Roten Kreuz mit. Die ukrainischen Gesundheitsbehörden sowie freiwillige Helferinnen und Helfer, Ärzte ohne Grenzen und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) seien für alle medizinischen Notfälle der Ankommenden in Saporischschja gewappnet, sagte die WHO-Koordinatorin vor Ort, Dorit Nitzan, per Video zu Reportern in Genf. "Wir sind eingestellt auf Verbrennungen, Knochenbrüche, Wunden, Infektionen, Durchfall, Atemwegsinfektionen, Unterernährung und die Bedürfnisse schwangerer Frauen", sagte Nitzan.

Ukraine: Mindestens 20.000 Tote in Mariupol

Das strategisch wichtige Mariupol am Asowschen Meer ist zum Symbol der russischen Kriegsführung in der Ukraine geworden. Russische Truppen hatten die inzwischen weitgehend zerstörte Stadt bereits in den ersten Kriegstagen umzingelt. Erklärtes Ziel Moskaus ist die Herstellung einer Landverbindung zur annektierten Schwarzmeer-Halbinsel Krim sowie zu der von prorussischen Separatisten kontrollierten Region Transnistrien in der Republik Moldau. Die Ukraine schätzt die Zahl der seit Beginn der Belagerung gestorbenen Menschen in Mariupol auf mindestens 20.000.

Abgesehen von den Explosionen aus Richtung des Asowstal-Werks ist die Stadt mittlerweile weitgehend ruhig. Das berichten AFP-Journalisten, die an einer vom russischen Militär organisierten Pressetour teilnahmen. Ihr Alltag sei nun von der Suche nach dem Nötigsten zum Überleben geprägt, sagten Einwohner. "Wir leben nicht, wir überleben", sagte den Reportern die 30-jährige Irina.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Lage in Mariupol "totale Katastrophe"

Die humanitäre Lage in Mariupol ist nach Einschätzung der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen desaströs. "Nach dem, was wir bisher an Informationen haben, lässt sich klar sagen: Es ist die totale Katastrophe", sagte die Notfallkoordinatorin der Organisation für die Ukraine, Anja Wolz, den Zeitungen der Funke Mediengruppe.

Das tatsächliche Ausmaß an menschlichem Leid werde erst in Zukunft vollständig sichtbar werden. "Wir machen uns, glaube ich, keine Vorstellung davon, was wir dort noch sehen werden. Butscha, Irpin und Hostomel sind nur die Spitze des Eisbergs", sagte Wolz. In den Städten Butscha, Irpin, Borodjanka und Hostomel waren nach dem Abzug russischer Truppen Hunderte Leichen gefunden worden.

Wolz betonte, es gebe im Moment kaum Wege, um die Menschen in der eingeschlossenen Stadt medizinisch zu versorgen. "Es ist derzeit nahezu unmöglich, Hilfsgüter nach Mariupol zu bringen", sagte Wolz. Zwar gebe es ehrenamtliche Helfer, die Medikamente in die Stadt schmuggelten, allerdings handle es sich dabei nur um sehr kleine Mengen an Arzneimitteln.

Zudem fehle medizinisches Personal, um die Bevölkerung in Mariupol ärztlich zu vorsorgen. "Operationen können nicht stattfinden. Die Menschen dort sind auf sich selbst gestellt." Dies gelte auch für die anderen Kampfgebiete des Landes.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 03. Mai 2022 um 15:00 Uhr.