Satellitenbild von brennenden Gebäuden in Mariupol | dpa

Krieg in der Ukraine Erbitterter Kampf um Mariupol

Stand: 23.03.2022 12:18 Uhr

Die Gefechte um die ukrainische Stadt Mariupol dauern unvermindert an. Durch die Eroberung will Russland nach eigenen Angaben eine Verbindung zur Krim schaffen. Bei Riwne sollen Raketen ein Ausrüstungslager getroffen haben.

Die ukrainische Hafenstadt Mariupol am Asowschen Meer wird durch russischen Beschuss immer mehr zu einer Trümmerlandschaft. Nach Angaben der Stadtverwaltung schlugen zwei "extrem starke Bomben" ein, als gerade Zivilisten evakuiert werden sollten. Russische Einheiten sollen von allen Seiten langsam im Häuserkampf vorrücken, die ukrainische Seite meldet aber auch Erfolge bei der Verteidigung.

Nahe der Stadt wurde nach Darstellung des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj ein humanitärer Konvoi "von den Besatzern gekapert". 15 Mitarbeiter des Katastrophenschutzes und ihre Fahrer würden gefangen gehalten.

"Ohne Nahrung, unter ständigem Beschuss"

Nach ukrainischen Angaben sind noch immer 100.000 Menschen in der eingekesselten Stadt, "ohne Nahrung, ohne Wasser, ohne Medikamente, unter ständigem Beschuss" - so beschreibt es zumindest Selenskyj. In den zurückliegenden Wochen war die Einrichtung eines Fluchtkorridors für Zivilisten mehrfach gescheitert - die Schuld dafür gaben sich die Konfliktparteien gegenseitig.

Inzwischen soll die russische Luftwaffe ihre Bombardements auf Mariupol verstärkt haben. Dort könnten die Jets bei geringer Gefahr durch Flugabwehr operieren, sagte der US-Analyst Michael Kofman der "Washington Times". In sozialen Netzwerken wurden unter anderem Videos von Su-25-Kampfflugzeugen verbreitet, die in der Region entstanden sein sollen. Diese Flugzeuge werden für die Nahbekämpfung von Bodenzielen eingesetzt.

Russland will sichere Landverbindung

Die russische Regierung sagt inzwischen auch öffentlich, warum die Eroberung als wichtig angesehen wird: Damit solle eine sichere Landverbindung auf die von Russland annektierte Krim geschaffen werden. Sobald die wichtige Fernstraße M14 kontrolliert werde, sei die Krim wieder zuverlässig über einen Transportkorridor mit Donezk und Luhansk verbunden, sagte der Vize-Beauftragte von Präsident Wladimir Putin für den Föderationskreis Südrussland, Kirill Stepanow, der Staatsagentur Ria Nowosti.

Die M14 verläuft westlich von Mariupol bis in das von Russland besetzte Cherson am Dnepr und östlich bis ins russische Rostow am Don. Langfristig kann davon ausgegangen werden, dass auch eine durchgehende Eisenbahnverbindung geplant ist.

Für beide Seiten hat Mariupol inzwischen auch eine große symbolische Bedeutung: Die Stadt steht für den erbitterten ukrainischen Widerstandsgeist. Somit könnte eine Eroberung für Putin als erster strategischer Erfolg in der Ukraine gedeutet werden.

Angeblich Brücke zerstört

Aus anderen Landesteilen werden ebenfalls Kämpfe und Beschuss gemeldet. In der eingekreisten Stadt Tschernihiw nordöstlich von Kiew soll eine Brücke bombardiert und zerstört worden sein. Das teilte Gouverneur Wjatscheslaw Tschaus mit. Die Brücke über einen Nebenfluss des Dnepr war genutzt worden, um Zivilisten aus der Stadt zu evakuieren und humanitäre Hilfe zu liefern.

Die Behörden in Tschernihiw hatten gestern erklärt, die Stadt habe keine Wasser- und Stromversorgung mehr. Sie sprachen von einer humanitären Katastrophe.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Explosionen in Kiew

Kiew wurde erneut von Explosionen und Schüssen erschüttert. Heftiges Artilleriefeuer war aus dem Nordwesten zu hören, wo russische Truppen versuchen, die Vororte der Hauptstadt einzukreisen und einzunehmen. Über den westlichen Außenbezirken stieg Rauch auf.

Die Kiewer Stadtverwaltung erklärte, Gebäude in zwei Bezirken seien durch Beschuss beschädigt worden, dabei seien vier Menschen verletzt worden.

"Unsere Truppen halten ihr Stellungen"

Die ukrainische Seite meldet aber auch Erfolge. So sei bei neuen Kämpfen um Charkiw im Osten des Landes ein Angriff abgewehrt worden. "Unsere Truppen halten ihr Stellungen", sagte der regionale Befehlshaber Oleg Sinegubow der Zeitung "Ukrajinska Prawda".

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. | ISW/22.03.2022

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. Bild: ISW/22.03.2022

Rückt die russische Armee vor?

Nach Darstellung des ukrainischen Generalstabs wurde Mykolajiw im Süden ebenso verteidigt wir Tschernihiw im Nordosten. Bei Slowjansk im Gebiet Donezk nahe der Gebiete der pro-russischen Separatisten sei der Vormarsch aufgehalten worden. Diese Angaben lassen sich nicht unabhängig überprüfen.

Nach Erkenntnissen von Militärexperten und nach Angaben des britischen Verteidigungsministeriums gibt es derzeit keine systematischen Vorstöße der russischen Einheiten. Das heißt aber nicht, dass es keine Kampfhandlungen gibt.

Raketenangriffe in Riwne

Die russischen Streitkräfte zerstörten nach Angaben des Verteidigungsministeriums ein Waffen- und Ausrüstungslager nahe der nordwestukrainischen Stadt Riwne. Das Lager sei von See aus mit Langstreckenwaffen beschossen worden. Gemeint sind damit vermutlich Kalibr-Marschflugkörper, die von Schiffen eingesetzt werden können. Die ukrainische Seite bestätigte den Raketenangriff. Es seien drei Flugkörper eingeschlagen, sagte der regionale Militärchef Vitali Kowalj der Agentur Unian.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 23. März 2022 um 12:00 Uhr.