Männer stehen neben einem Bus beim Militärstützpunkt Jaworiw in der Westukraine. | REUTERS

Nahe Lwiw in der Westukraine Viele Tote nach Angriff auf Militärstützpunkt

Stand: 13.03.2022 12:15 Uhr

Nach Angaben der Ukraine hat Russland zahlreiche Raketen auf einen Militärübungsplatz nahe Lwiw unweit der polnischen Grenze abgefeuert. Dabei sollen 35 Menschen getötet worden sein, viele weitere wurden verletzt.

Bei einem russischen Angriff auf einen Militärübungsplatz rund 15 Kilometer von der polnischen Grenze entfernt sind nach offiziellen Angaben mindestens 35 Menschen getötet worden. 134 weitere seien verletzt worden und würden in Kliniken behandelt, sagte der Gouverneur des westukrainischen Gebiets Lwiw, Maxym Kosyzkyj.

Kosyzkyj sagte, mehr als 30 Raketen seien auf den Stützpunkt Jaworiw abgefeuert worden. Der ukrainische Verteidigungsminister Olexij Resnikow teilte mit, der Angriff habe einem Ausbildungszentrum nahe der polnischen Grenze gegolten, in dem auch Blauhelmkräfte für Friedensmissionen geschult werden und in dem bis kurz vor dem Krieg NATO-Ausbilder arbeiteten.

Ob auch Ausländer unter den Opfern sind, ist noch nicht bekannt. "Dies ist eine neue terroristische Attacke auf Frieden und Sicherheit in der Nähe der Grenze von EU und NATO", twitterte Resnikow.

Kämpfe auch in anderen Landesteilen

Auch in anderen Landesteilen befürchtet die Ukraine weitere Angriffe von Russland. Eine russische Offensive stehe etwa der Stadt Sjewjerodonezk mit 100.000 Einwohnern im Gebiet Luhansk bevor. Kämpfer der prorussischen Separatisten in der Ostukraine nahmen nach Angaben aus Moskau bereits Teile der Stadt ein. "Einheiten der Volksrepublik Luhansk haben den östlichen und südlichen Teil der Stadt blockiert", sagte Igor Konaschenkow, Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums, der Nachrichtenagentur Interfax zufolge.

Nach russischen Angaben wurde zudem die Offensive nahe der Stadt Popasna bei Luhansk fortgesetzt. Dort hätten die Separatisten die nördlichen Stadtteile besetzt. Zu Wochenbeginn hieß es noch, ukrainische Kräfte seien bei der Stadt eingekesselt worden.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Kiew weiter unter Beschuss

Auch die Gefechte rund um die ukrainische Hauptstadt Kiew gehen nach Angaben der ukrainischen Armee weiter. Es gebe heftige Kämpfe in Irpin und Makariw im Gebiet Kiew, teilte das Militär mit. Ähnlich sei die Lage auch in anderen Dörfern, die humanitäre Lage werde immer schlechter.

Allein gestern wurden etwa aus Butscha, Irpin, Hostomel und Worsel nordwestlich von Kiew etwa 20.000 Menschen evakuiert. Die Rettung von Zivilisten sollte fortgesetzt werden.

Die Stadtverwaltung von Kiew hat nach eigenen Angaben Lebensmittelvorräte für zwei Wochen als Reserve angelegt für den Fall einer Blockade durch russische Truppen. Diejenigen zwei Millionen Einwohner Kiews, die die Stadt noch nicht verlassen hätten, "werden nicht ohne Unterstützung sein, wenn sich die Situation verschlechtert", heißt es in einer Erklärung.

Die schraffierten Bereiche zeigen die von den Russen kontrollierten Gebiete in der Ukraine. | ISW/12.03.2022

Die schraffierten Bereiche zeigen die von den Russen kontrollierten Gebiete in der Ukraine. Bild: ISW/12.03.2022

Mehrere Explosionen in Iwano-Frankiwsk

Im Gebiet Iwano-Frankiwsk im Südwesten der Ukraine seien in der Nacht mehrere Explosionen zu hören gewesen, heißt es im Militärbericht der ukrainischen Armee. Der Bürgermeister schrieb bei Facebook von Angriffen auf einen Luftwaffenstützpunkt. Der Flughafen sei bereits das dritte Mal Ziel gewesen. "Ich bitte euch, seid so vorsichtig wie möglich und passt auf euch auf", appellierte Ruslan Marzinkiw an die Einwohner seiner Stadt. Er hatte bereits vorher die Anwohner des Flughafens gedrängt, das Gebiet möglichst zu verlassen.

Laut ukrainischer Armee gab es auch im Nordosten im Gebiet um die Stadt Sumy Angriffe. "Friedliche Dörfer" seien mehrfach beschossen worden. Im Süden der Ukraine ziehe das russische Militär Truppen um die Industriegroßstadt Krywyj Rih mit mehr als 600.000 Einwohnern auf. Alle Angaben ließen sich nicht unabhängig überprüfen.

Separatisten stoßen in Randbezirke Mariupols vor

Auch in Mariupol dauern die schweren Kämpfe weiter an. Prorussischen Separatisten sei es inzwischen mit der Unterstützung des russischen Militärs gelungen, in östliche Randbezirke der Hafenstadt vorzustoßen.

Die Kämpfe haben in Mariupol bereits massive Zerstörung angerichtet, wie Aufnahmen zeigen sollen, die von dem US-Satellitenhersteller Maxar Technologies veröffentlicht wurden. Die Bilder zeigten gravierende Schäden an ziviler Infrastruktur und Wohngebäuden.

Weiterer Bürgermeister verschleppt

In der Südukraine wurde nach Behördenangaben erneut ein Bürgermeister von russischen Truppen verschleppt. "Kriegsverbrechen werden immer systematischer", schrieb der Chef der Militärverwaltung des Gebiets Saporischschja, Olexander Staruch, bei Facebook. "Der Bürgermeister von Dniprorudne, Jewhenij Matwjejew, wurde entführt."

Dniprorudne ist eine Kleinstadt mit knapp 20.000 Einwohnern am Fluss Dnipro, der an dieser Stelle zum Kachowkaer Stausee gestaut ist. Zuvor hatte Kiew bereits mitgeteilt, dass der Bürgermeister der Stadt Melitopol verschleppt wurde. An seiner Stelle setzten die russischen Truppen eine moskauhörige Politikerin als Statthalterin ein. Beobachter schließen nicht aus, dass Russland auch in anderen eroberten Gebieten die Verwaltung auswechselt.

14 Fluchtkorridore geplant

Zur Rettung von Zivilisten aus umkämpften ukrainischen Städten sind nach Angaben aus Kiew erneut 14 Fluchtkorridore geplant gewesen. Erneut werde ein Konvoi mit mehreren Tonnen Hilfsgütern versuchen, die belagerte Hafenstadt Mariupol zu erreichen, sagte die ukrainische Vizeregierungschefin Iryna Wereschtschuk. Dazu gehörten auch leere Busse, die auf dem Rückweg Einwohnerinnen und Einwohner aus der stark zerstörten Stadt nach Saporischschja transportieren sollten. Der Konvoi sollte von Geistlichen begleitet werden.

Bisher sind alle Versuche gescheitert, einen Fluchtkorridor für Mariupol einzurichten. Beide Seiten geben sich gegenseitig die Schuld daran.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 13. März 2022 um 12:17 Uhr.