Schülerinnen und Schüler nehmen an einem Verteidigungskurs in Litauen teil. | Christian Blenker

Litauen und Ukraine-Krieg Verteidigung als Unterrichtsfach

Stand: 27.06.2022 11:05 Uhr

Schwere Wunden versorgen, Tarnzelte aufbauen und auf den Untergrund achten: In Litauen lernen Schüler vor dem Hintergrund des Ukraine-Kriegs, wie sie sich im Ernstfall schützen und verteidigen können.

Von Sofie Donges, ARD-Studio Stockholm

Statt ins Klassenzimmer geht es für sie am Morgen ins Grüne: An die 100 Schülerinnen und Schüler eines Gymnasiums in der litauischen Küstenstadt Klaipėda marschieren durch den Wald. Sie sind 15 und 16 Jahre alt. Ein Wanderausflug, könnte man denken - doch es ist eine Übung für den Ernstfall.

Sofie Donges ARD-Studio Stockholm

Die litauische Bürgerwehr übernimmt heute das Kommando. Männer in Tarnkleidung zeigen den Jugendlichen zunächst, wie schwere Wunden an den Gliedmaßen versorgt werden. Justina Gelminauskaite Gellminauskije übt mit ihren Freundinnen, wie eine Aderpresse angelegt wird. "Wir müssen die Aderpresse schnell festbinden, damit die Blutung gestoppt wird. Nur so können wir im Ernstfall Leben retten. Es hat gut geklappt in unserem Team, wir kriegen bestimmt den ersten Platz", meint Justina.

Kein Unterricht zum Spaß

Es wirkt wie ein Spiel, aber Litauens Schützenunion organisiert diesen Unterricht nicht zum Spaß. Die paramilitärische Bürgerwehr ist eng verbunden mit der litauischen Armee, zahlt Ausrüstung und Übungen jedoch selbst.

Männer wie Sarunas Vaiciulis sind jederzeit bereit, ihr Land zu verteidigen. Die Truppe braucht Nachwuchs. Ein Tarnzelt soll aufgebaut werden und den Schülern Lust auf mehr machen. "Die Schüler lernen, wie sie sich vor Regen und Kälte schützen können. Und welchen Untergrund sie im Winter wählen sollten, um nicht zu erfrieren, wenn sie eines Tages vielleicht als junge Schützen im Wald übernachten müssen. Tannenzweige zum Beispiel sind gut, denn sie weisen die Kälte ab", sagt Vaiciulis von der Freiwilligen Schützenunion.

Bei jeder Übung geht es um Geschwindigkeit. Und auch die Ansprache ist anders als im Klassenzimmer: "Das muss viel schneller gehen da, die Zeit ist um und das Zelt steht auch noch nicht! Da müsst ihr nacharbeiten", spornt Vaiciulis an.

Versteckte Überlebenspakete an verschiedenen Orten

Auch die 15-jährige Justina und ihre Freundinnen haben noch so ihre Probleme. Das Training sei dennoch viel besser als so mancher Unterrichtstag. "Es ist gar nicht so einfach. Aber wenn es ernst wird, können wir dieses Wissen hier gut gebrauchen", ist sich Justina sicher.

Justina Gelminauskaitė | Christian Blenker

Justina ist sich sicher, dass sie das Wissen gut gebrauchen kann. Bild: Christian Blenker

Auch die Teenager spüren, dass sich seit dem Krieg Russlands gegen die Ukraine etwas verändert hat. Die Stimmung ist angespannt, viele litauische Familien haben einen Plan für den Ernstfall, erzählt Vaiciulis. "Ich habe vorgesorgt. An verschiedenen Orten habe ich Überlebenspakete gelagert. Wir haben Pläne, wo wir uns mit der Familie treffen würden, wenn auch wir angegriffen werden. Wir haben die Gefahr ja nicht nur von einer Seite. Wir haben die Exklave Kaliningrad auf der einen und Belarus auf der anderen Seite. Auch Russland selbst ist nicht weit. Die Menschen sind beunruhigt."

Pilotprojekt an zehn Schulen

Nach der letzten Übung bekommen die Schülerinnen und Schüler ihre Urkunden überreicht. Justina geht zufrieden nach Hause und zeigt ihr gutes Ergebnis stolz ihrer Mutter Kristina Gelminauskaite. Dass ihre 15-jährige Tochter Unterricht von der litauischen Bürgerwehr bekommt, findet sie gut:

Es ist wichtig, dass die Kinder schon in den Schulen lernen, wie sie ihre Heimat verteidigen können und wie sie kritische Situationen meistern. Schon von klein an müssen sie geschult werden, denke ich. Von der ersten Klasse an sollte man das unterrichten, damit wir in Zukunft Menschen haben, die stark sind und ihr Land verteidigen können.

Noch wird dieser Unterricht als Pilotprojekt an zehn Schulen getestet, könnte jedoch am Ende als Unterrichtsfach für alle verpflichtend werden. Justina jedenfalls hat die litauische Bürgerwehr schon überzeugt. Auch sie findet, dass es wichtig ist, dass jede und jeder einen Beitrag leisten kann - wenn es mal drauf ankommen sollte.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 27. Juni 2022 um 05:33 Uhr.