Ein ukrainischer Soldat läuft am 22. Februar durch eine befestigte Stellung in der Nähe der Ortschaft Katerynivka. | EPA
Analyse

Krieg in der Ukraine Dilemma im Donbass

Stand: 03.03.2022 07:05 Uhr

An der Front im Donbass haben sich die ukrainischen Einheiten verschanzt. Doch russische Verbände von der Krim haben sie im Westen umgangen und stoßen weiter vor. Schon bald könnten die Ukrainer eingekesselt sein.

Von Marc Leonhard, tagesschau.de

Inzwischen wird immer deutlicher, dass die russische Offensive in der Ukraine nicht wie geplant läuft. Der Vormarsch auf das Hauptziel der Kampagne - Kiew im Norden des Landes - stockt, die Einnahme Charkiws ist ebenfalls nicht gelungen. Die ukrainische Armee setzt auf eine Verzögerungstaktik und verteidigt vor allem die Städte - im offenen Gelände wäre sie den starken mechanisierten russischen Verbänden auch klar unterlegen.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

An der so genannten Kontaktlinie im Donbass blieb es entgegen mancher Erwartung aber in der ersten Kriegswoche vergleichsweise ruhig. Nach offiziellen Angaben des britischen und des US-Verteidigungsministeriums gelangen den pro-russischen Separatisten lediglich kleinere Geländegewinne im Norden der Region Luhansk und nordöstlich der Hafenstadt Mariupol, die an strategisch wichtiger Stelle für eine Landbrücke zur annektierten Krim liegt.

Die Gebiete östlich der Hafenstadt waren in den vergangenen Jahren von ukrainischen Kräften stark befestigt worden, was einen direkten Angriff verlustreich machen könnte.

Diese relative Ruhe an der Donbass-Front verstellt den Blick auf eine zentrale Gefahr für die ukrainische Armee: die Einkesselung durch russische Einheiten. Große Zangenbewegungen sowie die Zerschlagung der ukrainischen Streitkräfte im offenen Feld seien von Beginn an die operative Absicht der russischen Truppen gewesen, betont der Militäranalyst Franz-Stefan Gady im Deutschlandfunk. Jetzt scheinen sie in eine entscheidende Phase zu treten.

Russische Erfolge im Süden

Denn vor allem im Süden der Ukraine konnten russische Kräfte größere Geländegewinne erzielen, die nicht nur bald eine Landbrücke zwischen dem Donbass und der Krim ermöglichen, sondern auch einen Vorstoß in den Norden Richtung der Millionenstadt Dnipro vorbereiten könnten. Dnipro (bis 2016 noch Dnepropetrowsk) erstreckt sich zu beiden Seiten des Flusses Dnepr und ist für die Versorgung der Truppen im Osten von entscheidender Bedeutung.

Der russische Vormarsch im Süden sei gefährlich und drohe, die ukrainischen Erfolge im Norden und Nordosten des Landes auszuhebeln, schreibt die US-Forschungseinrichtung Institute for the Study of War in ihrer Analyse zum 28. Februar (in englisch). Dazu passt, dass russische Einheiten sich von Melitopol Richtung Norden zum Dnepr bewegen.

Allerdings verweist das Institute for the Study of War in der Analyse zum 1. März darauf, dass offenbar zunächst Mariupol erobert werden soll. Die wichtige Hafenstadt wird von den Ukrainern erbittert verteidigt. Deshalb sei ein russischer Vorstoß in den nächsten 72 Stunden unwahrscheinlich.

Welche Strategie verfolgt Russland?

Sollte es der russischen Armee zusätzlich gelingen, Charkiw einzuschließen und sich mit Truppenteilen aus dem Süden zu vereinigen, wäre die Ostukraine abgeschnitten.

Ob die russische Militärführung so einen Vorstoß plant, hängt mit vielen Faktoren zusammen, über die man von außen nur mutmaßen kann. Eine Rolle wird auch spielen, wie gravierend die Nachschubprobleme sind.

Karte vom Osten der Ukraine mit Kiew, Donezk, Dnipro, Charkiw, Mariupol, dem Fluss Dnepr und den Separatistengebieten

Der Fluss Dnepr stellt für militärische Operationen ein großes Hindernis dar.

Folgenreiche Entscheidung in Kiew

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj wird sich dennoch innerhalb der nächsten Tage entscheiden müssen, ob er ein Durchhalten oder den Rückzug aus Donezk und Luhansk anordnet. Beide Optionen sind gefährlich und haben negative Folgen. Selenskyj steckt in einem strategischen Dilemma.

Szenario 1: Durchhalten

Die ukrainischen Einheiten im Donbass gelten als kampferfahren und motiviert, wobei keine Angaben dazu vorliegen, ob bereits Einheiten weiter nach Westen verlegt wurden.

Seit Jahren haben die ukrainischen Soldaten verhindert, dass weitere ukrainische Gebiete verloren gehen. Vielerorts wurden zum Schutz Gräben, Hindernisse und andere Verteidigungsstellungen errichtet.

Ein ukrainischer Soldat beobachtet im Donbass die Stellungen pro-russischer Separatisten. | EPA

Dieser ukrainische Soldat beobachtet im Donbass die Stellungen pro-russischer Separatisten. (Die Aufnahme entstand im Februar vor Beginn der russischen Invasion) Bild: EPA

Die Situation im Donbass hat sich bereits erheblich verändert. Die russische Armee unterstützt die Separatisten nun ganz offen und kann ungehindert schwere Waffen wie Artillerie stationieren, die im Rahmen des Minsker Friedensabkommen nicht an der Kontaktlinie stationiert werden durften. Damit haben sie nach Erkenntnissen des Institute for the Study of War bereits begonnen.

Sollten russische Einheiten in den kommenden Tagen tatsächlich bis Dnipro vorstoßen, könnten die ukrainischen Einheiten nur noch unzureichend mit Munition, Nahrung und Ausrüstung versorgt werden.

In einer Auseinandersetzung im offenen Gelände wären die ukrainischen Truppen den mechanisierten russischen Einheiten klar unterlegen, so dass sie in den Stellungen verharren müssten, um erhebliche Verluste zu vermeiden.

Szenario 2: Rückzug

Ein Rückzug von einigen oder allen Einheiten aus den Bezirken Donezk und Luhansk wäre in der derzeitigen Lage riskant. Dazu müssten die ukrainischen Soldaten ihre Stellungen verlassen und auf dem Landweg Richtung Westen verlegen. Auf dem Weg wären sie aufgrund der Luftüberlegenheit der russischen Streitkräfte von Bombardements bedroht.

Neben der Gefahr für die Soldaten wäre ein Rückzug aus dem Donbass eine große Niederlage für die ukrainischen Führung - auch weil dieser Landesteil seit 2014 zäh verteidigt wurde.

Weniger Rücksicht der russischen Armee

Der ukrainische Präsident hat somit die Wahl zwischen zwei Übeln. Und die Zeit drängt. Der Artillerie- und Raketenbeschuss ukrainischer Städte wie Charkiw deutet an, dass die russische Armee ihre Taktik ändert und immer weniger Rücksicht auf zivile Opfer nimmt.

Derzeit spricht insgesamt mehr für einen Durchhaltebefehl, weil die Zeit für die Ukraine spielt - trotz der vielen zivilen Opfer und Zerstörungen. Russland hat mit keinem langen, intensiven Krieg in der Ukraine gerechnet und ist schlecht vorbereitet. Auch was die Truppen betrifft.

"Mindestens die Hälfte der russischen Soldaten sind junge Wehrpflichtige", sagte der Wissenschaftler Pavel Baev bei einer Veranstaltung des Brookings Forschungsinstituts. Diese seien gar nicht auf einen Kriegseinsatz vorbereitet, ihnen fehle schlichtweg der Wille für diesen Angriff. Baev, der am Friedensforschungsinstitut PRIO in Oslo arbeitet, ist überzeugt: "Die Moral der russischen Soldaten sinkt sehr schnell."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 23. Februar 2022 um 08:15 Uhr.