Rauchschwaden über der Azot-Chemiefabrik in Sjewjerodonezk | REUTERS

Krieg im Donbass "Es ist unmöglich, den Beschuss zu zählen"

Stand: 12.06.2022 11:53 Uhr

Sjewjerodonezk steht weiter unter heftigem Beschuss der russischen Armee. In der Azot-Chemiefabrik sollen ukrainischen Angaben zufolge Hunderte Zivilisten Schutz suchen. Im ganzen Donbass werden Wohnviertel attackiert.

Die Azot-Chemiefabrik in der umkämpften Industriestadt Sjewjerodonezk befindet sich nach Angaben der Regionalregierung weiterhin unter ukrainischer Kontrolle. "Azot ist nicht blockiert. Die Kämpfe finden in den Straßen neben der Fabrik statt", sagte der Gouverneur von Luhansk, Serhij Hajdaj, im ukrainischen Fernsehen.

Nach ukrainischen Angaben haben Hunderte Zivilisten Schutz in den Bunkern der Anlage gefunden, da Russland gezielt Wohnviertel mit schwerer Artillerie beschießen soll. "Wahrscheinlich wollen alle jetzt fliehen, aber eine solche Möglichkeit gibt es aktuell nicht", sagte Hajdaj.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Schwere Kämpfe im Stadtzentrum

Sjewjerodonezk ist die letzte Großstadt im Gebiet Luhansk, die noch nicht vollständig von russischen Truppen oder prorussischen Separatisten erobert wurde. Laut Bürgermeister Olexandr Strjuk kontrollieren ukrainische Truppen ein Drittel des Gebiets. Die Stadt sei seit rund zwei Monaten ohne Strom und Wasserversorgung, betonte er.

Die Lage dort sei die schlimmste im ganzen Land, sagte Gouverneur Hajdaj in einer Videoansprache. "Es ist unmöglich, den Beschuss zu zählen." Viele Orte in der Region Luhansk stünden unter Feuer. Besonders schwierig sei die Situation in Toschkiwka. Dort versuchten die russischen Angreifer eine Verteidigungslinie zu durchbrechen. Teils hätten es die ukrainischen Streitkräfte geschafft, den Feind aufzuhalten.

"Der Donbass hält"

Der ukrainische Generalstab berichtete, das russische Militär habe zivile Infrastruktur in der Nachbarstadt Lyssytschansk beschossen. Die dort stationierten Einheiten hätten russischen Angriffen aus mehreren Richtungen standgehalten. Heftige Gefechte wurden auch aus anderen Teilen des Donbass gemeldet. So seien russische Truppen im Bereich des wichtigen Verkehrsknotenpunkts Bachmut in der Region Donezk zurückgedrängt worden, teilte das Oberkommando in Kiew mit.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sagte in seiner nächtlichen Videobotschaft, er sei stolz auf die ukrainischen Verteidiger im Donbass, die die russischen Vorstöße seit Wochen aufhielten. "Jetzt ist bereits der 108. Tag des Krieges, bereits Juni. Der Donbass hält." Die Ukraine werde jedoch alles tun, damit die Russen "alles bereuen, was sie getan haben und sich für jeden Mord und jeden Angriff gegen unser schönes Land verantworten müssen".

Artillerie-Duell in der Ostukraine

Selenskyj erklärte in seiner Rede, Kiews Streitkräfte hätten Erfolge im Südosten des Landes erzielt. Die russische Invasoren seien in der Region Cherson zurückgedrängt worden. Russlands Truppen verzeichnen nach ukrainischen und westlichen Schätzungen weiter hohe Verluste. Allerdings entwickelt sich der Konflikt in der Ostukraine zu einem Artillerie-Duell.

Die russische Armee nutzt nun ihre Überlegenheit bei Artillerie und Munition, um Landgewinne zu erzielen. Selenskyj und andere ukrainische Politiker appellierten deshalb in den vergangenen Tagen an westliche Verbündete, schleunigst mehr schwere Waffen und Geschosse zu schicken.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 12. Juni 2022 um 12:00 Uhr sowie Deutschlandfunk um 12:00 Uhr.