Ein ukrainischer Soldat vor einem brennenden Getreidesilo in der Donezker Oblast. | REUTERS
Interview

Krieg in der Ukraine "Das große Defizit sind fehlende schwere Waffen"

Stand: 01.06.2022 13:02 Uhr

Im Donbass könnte Russland einen Teil seiner Kriegsziele erreichen, sagt Militärexperte Gady im Interview. Er analysiert die größten Schwächen beider Kriegsparteien und erklärt, wie die Ukraine ein "zweites Mariupol" verhindern will.

tagesschau.de: Der dritte Kriegsmonat hat in der Ukraine Veränderungen gebracht: Russland ist militärisch um die Stadt Charkiw nicht mehr präsent, die Ukraine meldet Rückeroberungen in der Oblast von Cherson im Süden des Landes, zugleich rückt die russische Armee im Donbass vor. Wie bewerten Sie den momentanen Kriegsverlauf?

Franz-Stefan Gady: Im Süden der Ukraine um Cherson macht die Ukraine gezielte, lokale Angriffe - ob daraus eine größere Gegenoffensive wird, bleibt abzuwarten. Zudem müssen wir unterscheiden: Handelt es sich um taktische Rückzüge der russischen Armee oder Angriffe, durch die die ukrainischen Truppen die russischen Kräfte zurückwerfen? Aus Charkiw etwa sind russische Truppen abgezogen, da sie weder das Material noch die manpower hatten, hier langfristig Widerstand zu leisten.

Man darf aber nicht den Eindruck gewinnen, territoriale Gewinne der Ukraine an einzelnen Stellen ließen sich direkt ummünzen auf die gesamte Ukraine - es gibt Gegenden, in denen Russland gut ausgebaute Stellungen hat, die es zäh verteidigen kann. Viel hängt also davon ab, wie die Ukraine weiterhin zu Gegenstößen in der Lage sein wird und wie sie sich im größeren Gefecht der verbundenen Waffen schlägt - also ob sich die unterschiedlichen Teilstreitkräfte ihre Truppen- und Waffengattungen in den Fähigkeiten effektiv ergänzen und zusammenwirken können: Gibt es genug Kurz- und Mittelstrecken-Flugabwehrsysteme, um Offensiven zu decken? Gibt es genug mechanisierte Verbände?

 Franz-Stefan Gady 
Zur Person

Franz-Stefan Gady ist Militärexperte und Research Fellow beim Institute for International Strategic Studies.

"Kampfmoral im Donbass sinkt"

tagesschau.de: Welche Bedeutung kommt hierbei den zugesagten Waffenlieferungen durch westliche Partnerstaaten zu? Bis etwa die Gepard-Panzer aus Deutschland eintreffen, soll es noch bis Juli dauern...

Gady: Das große Defizit auf ukrainischer Seite sind die fehlenden schweren Waffen. Momentan ist die Ukraine damit beschäftigt, mechanisierte Reserveverbände aufzustellen, die dann vielleicht im Hochsommer oder später einsatzbereit sein könnten. Sie sind der Schlüssel zu jeglichen großräumigen Offensiven - und müssen gut gegen Angriffe aus der Luft geschützt sein; also braucht es an dieser Stelle weitere westliche Waffenlieferungen. Gerade im Donbass ist es momentan brenzlig, wo schlecht ausgebildete Einheiten mit zu wenig Ausrüstung und Munition früh ins Gefecht geworfen wurden und wir aus mehreren Quellen hören, dass dort in der Folge die Kampfmoral sinkt.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Auf russischer Seite funktioniert die Logistik im Donbass gut und wir können beobachten, dass sehr methodisch und kleinschrittig vorgegangen wird, um die eigenen Verluste niedrig zu halten. Russland setzt dort hauptsächlich auf bodengestützte Artillerie, zudem kann es sich lokal teilweise auf Luftüberlegenheit stützen. Die Ukraine verteidigt sich zäh, muss aber auch taktische Rückzüge anwenden - etwa in der Stadt Sjewjerodonezk.

Ein Manko der russischen Streitkräfte ist die fehlende Infanterie - ohne sie können sie schwer im urbanen Raum Fortschritte machen. Deshalb setzt Russland stark auf Artilleriebeschuss, um die Infrastruktur zu zerstören und die Kampfmoral der ukrainischen Truppen zu brechen. Einkesselungen sehen wir hingegen selten, sondern ein methodisch-langsames Vorrücken der russischen Verbände und ein taktischer Rückzug auf ukrainischer Seite. Hier könnte ein Kriegsziel der russischen Seite erreicht werden: Die Oblasten Donezk und Luhansk für sich zu beanspruchen.

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. | ISW/31.05.2022

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. Bild: ISW/31.05.2022

tagesschau.de: Russlands Außenminister Sergej Lawrow erklärte jüngst: Die Eroberung des Donbass habe für Russland Priorität. Aber hätte der Kreml das nicht einfacher haben können als durch eine Invasion in das gesamte Gebiet der Ukraine?

Gady: Mit dem Donbass wäre zumindest ein Kriegsziel erreicht - und das kann ein Sprungbrett für weitere Offensiven in der Zukunft sein. Zum jetzigen Stand wird es einige Zeit dauern, bis die russischen Streitkräfte zu einer weiteren Offensive bereit wären: Ich glaube, ohne größere Mobilisierungsanstrengungen auf russischer Seite, also durch eine Teilmobilmachung von Vertragssoldaten, wird es schwierig. Die Offensive wird noch fortdauern, aber Richtung Herbst könnten einige Entscheidungen fallen.

Der Überfall auf die Ukraine wurde unter einer optimistischen Illusion des Kreml losgebrochen: Ich glaube, dass die politische und die militärische Führung Russlands einander hier nicht reinen Wein eingeschenkt haben - wie einsatzfähig Streitkräfte wirklich sind, zeigt sich ja meist erst, wenn Kämpfe ausgebrochen sind. Das erste Kriegsziel - ein Regierungswechsel in der Ukraine, ausgelöst durch einen Vorstoß auf Kiew - wurde klar verfehlt und ist für Kremlchef Wladimir Putin nicht mehr unmittelbar erreichbar. Es geht nun also darum, im Donbass einen ersten Teilsieg zu erreichen.

tagesschau.de: Wie versucht Russland diesen Teilsieg zu erreichen?

Gady: Jetzt gibt es ein Zeitfenster, bis die westlichen Waffenlieferungen zum Tragen kommen - und das sucht Russland auszunutzen, indem es so viel Territorium wie möglich einnimmt und sich dann eingräbt, um Verstärkung heranzuholen und später einmal zu einer neuen Offensive anzusetzen, falls das militärische Kräfteverhältnis dies zulassen würde. Ich denke schon, dass der Kreml auf eine früher oder später ausbrechende Kriegsmüdigkeit in den westlichen Partnerstaaten setzt.

In diesem Szenario würden die ukrainischen Streitkräfte durch Verluste langsam aufgerieben, während zugleich die Unterstützung aus anderen Staaten abflaut - Russland wird hier selbstverständlich auch auf diplomatischer Ebene versuchen, die westlichen Staaten - etwa die Europäische Union - zu entzweien oder dort nachzusetzen, wo es bereits Dissonanzen gibt. Etwa hätte Deutschland ja bereits schwere Waffen an die Ukraine liefern können, hat es aber bislang nicht getan - und man sieht, wie sehr diese Systeme der Ukraine fehlen. Hier wurde viel Zeit vergeudet!

"Strategischer Opportunismus"

tagesschau.de: Muss man da auch andere Aktionen Russlands im Zusammenhang sehen? Anders gefragt: Verlegt sich Russland nun, da eine militärische Eroberung der Ukraine nicht gelungen ist, auf eine Hybridtaktik: Durch die Lebensmittelkrise die Weltgemeinschaft unter Druck setzen, aus der Abhängigkeit von Öl- und Gaslieferungen Kapital schlagen, zugleich weiter konventionell Krieg gegen die Ukraine führen, um dort die Kräfte zu binden?

Gady: Ja, ich glaube schon, dass all das mittlerweile Teil einer Gesamtstrategie Russlands ist. Aber es handelt sich um Sekundäreffekte, nachdem der Kreml erfolglos auf eine Karte - die militärische - gesetzt hatte. Es wurde bewusst einkalkuliert, dass die globale Ernährungssituation sich infolge des Kriegs verschlechtert und für Europa brenzlig werden könnte - etwa, wenn es Hungersnöte in anderen Teilen der Welt gibt und dann verstärkt Menschen nach Europa migrieren.

Die Frage ist aber, ob dahinter wirklich eine langfristig von staatlicher Ebene angelegte Strategie steht oder ob massiv improvisiert wird - und das dann später als große Strategie verkauft wird, den Westen zu erpressen. Ich denke, dass Russland aus einem strategischen Opportunismus heraus handelt, der aber sehr reaktiv ist: Man sucht bereits bestehende Entwicklungen für sich zu instrumentalisieren, nachdem der ursprüngliche Angang - ein militärisch herbeigeführter Regimewechsel in der Ukraine - misslungen ist.

tagesschau.de: Wie bewerten Sie da momentan das militärische Vorgehen der Ukraine? Noch kämpfen die ukrainischen Kräfte zäh und optimistisch, aber eine Rückeroberung etwa der seit 2014 besetzten Gebiete um Donezk und Luhansk ist kaum realistisch...

Gady: Der Verteidigungskrieg der Ukraine ist auch ein Kampf der Narrative: In sozialen Medien etwa droht jede kleinere taktische Bewegung überinterpretiert zu werden - etwa, als ukrainische Truppen an einer einzelnen Stelle bis zur russischen Grenze vorstoßen konnten und sich das Foto einer Freiwilligen-Brigade mit einem blau-gelben Grenzpfahl verbreitete. Das bedeutet aber noch nicht, dass die Ukraine in der Lage wäre, von der Verteidigung in einen Angriff überzugehen.

Etwa Defizite im Gefecht der verbundenen Waffen, wie sie sich bei der Ukraine zeigen, wirken sich in der Defensive nicht so gravierend aus wie in der Offensive. Aber in jedem Krieg gibt es Rückschläge und Fortschritte - welche davon für den Kriegsverlauf entscheidend waren, zeigt sich erst hinterher.

"Symbolerfolge nicht unterschätzen"

tagesschau.de: Welche Bedeutung können in diesem Kampf der Narrative symbolische Erfolge für den weiteren Kriegsverlauf haben? Der Ukraine gelang es, die Versenkung des russischen Flaggschiffs "Moskau" propagandistisch auszuschlachten, Russland dürfte durch die Eroberung Mariupols und die gefangenen Asow-Kämpfer ähnliches versuchen...

Gady: Mariupol war ein wichtiges militärisches Ziel - aber die symbolische Bedeutung ging noch darüber hinaus, da beide Kriegsparteien versuchten, aus der monatelangen Belagerung einen Wert für ihr Narrativ zu ziehen. Solche symbolischen Erfolge dürfen daher nicht unterbewertet werden, weil sie die Kampfkraft oder den eigenen Durchhaltewillen fördern können. In diesem Sinn kann ein einmaliger Propagandasieg nicht das gesamte Kriegsgeschehen beeinflussen, aber beispielsweise zum Schlachtruf werden. Auch Niederlagen können ausgenutzt werden, um die Kampfkraft zu stärken: Etwa wenn an die Schlacht an den Thermopylen im antiken Griechenland erinnert wird oder an die Schlacht auf dem Amselfeld in der serbischen Geschichte: "Vergesst nicht..."

Ich glaube auch, dass die Ukraine aus dem Fall Mariupols ganz konkrete militärische Konsequenzen gezogen hat: Dass ein zweites Mariupol - im Sinne von: eine Niederlage, bei der sich ukrainische Kämpfer in großer Zahl der russischen Seite ergeben müssen - nicht gut für die Kampfmoral wäre und beispielsweise die Stadt Sjewjerodonezk nicht bis zum letzten Mann gehalten werden soll.

Dass die Ukraine allerdings den Sieg der Narrative davonträgt, ist nur in unserer Wahrnehmung gegeben: In Russland kann nur das russische Narrativ verbreitet werden, aber auch im deutschsprachigen Raum sind Elemente daraus präsent - es gilt also Vorsicht bei der Frage, wer in der Lage sein wird, den Informationskrieg zu gewinnen.

Das Gespräch führte Jasper Steinlein, tagesschau.de.

Über dieses Thema berichtete das Erste im "ARD-Mittagsmagazin" am 01. Juni 2022 um 13:16 Uhr.