Kernkraftwerk Saporischschja | EPA

Atomkraftwerk Saporischschja "Zutiefst besorgt" wegen der Kämpfe am AKW

Stand: 11.08.2022 18:02 Uhr

Die Kämpfe am AKW Saporischschja in der Ukraine gehen weiter. Nicht nur Präsident Selenskyj warnt vor einer Atomkatastrophe, auch UN-Generalsekretär Guterres ist "zutiefst besorgt". Problem ist offenbar vor allem die Stromversorgung des AKW.

Das von russischen Truppen besetzte ukrainische Atomkraftwerk Saporischschja ist erneut beschossen worden. Der ukrainische Betreiber Enerhoatom erklärte, es habe fünf russische Angriffe nahe einem Lager mit radioaktiven Substanzen gegeben. Ein Vertreter der pro-russischen Behörden in der Region, Vladimir Rogow, schrieb im Onlinedienst Telegram, ukrainische Truppen hätten die Atomanlage erneut beschossen.

Aus der Gegend um Saporischschja wird seit Tagen heftiger Beschuss gemeldet. Russland und die Ukraine machen sich gegenseitig für die Angriffe im Süden der Ukraine verantwortlich.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Experte: Stromversorgung ist "Lebensader" des AKW

Das Atomkraftwerk in Saporischschja ist das größte in Europa. Russische Truppen brachten es im März kurz nach Beginn ihres Angriffskriegs unter ihre Kontrolle. Nach den Angriffen vom Wochenende musste ein Reaktor heruntergefahren werden. Weltweit wächst die Sorge, dass die Kämpfe dazu führen könnten, dass das Kraftwerk nicht mehr kontrolliert werden kann und es zu einer Atomkatastrophe kommt - ähnlich wie 1986 in Tschernobyl.

Nach Einschätzung des Greenpeace-Atomexperten Heinz Smital ist vor allem die Stromversorgung des Kraftwerks ein neuralgischer Punkt. Sie sei "die Lebensader eines Atomkraftwerks, da es auch in ausgeschaltetem Zustand gekühlt werden muss", sagte Smital. Wenn es einen kompletten Ausfall sowohl von Stromnetz als auch von Notstromaggregaten gebe, "ist eine Kernschmelze fast unvermeidlich", warnte er.

"Ein äußerst gefährlicher Arbeitsmodus"

Der ukrainische AKW-Betreiber Energoatom hatte am Dienstag mitgeteilt, dass Russland das besetzte Atomkraftwerk Saporischschja an das Stromnetz der annektierten Halbinsel Krim anschließen wolle. Dafür müssten zunächst die Stromleitungen des Atomkraftwerks beschädigt werden, die mit dem ukrainischen Energiesystem verbunden seien, sagte Enerhoatom-Präsident Petro Kotin. Zwischen dem 7. und 9. August hätten die Russen schon drei Stromleitungen beschädigt. 

"Derzeit läuft das Werk mit einer einzigen Produktionsleitung, was ein äußerst gefährlicher Arbeitsmodus ist", sagte Kotin. Sobald die letzte Leitung gekappt sei, hänge das Atomkraftwerk von Diesel-Generatoren ab. Greenpeace-Experte Smital zeigte sich "sehr besorgt" über diese ukrainischen Angaben. Das sei "relevanter als Splitter" von Angriffen, die das Gelände des Atomkraftwerks träfen.

Auch der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj warnte vor einer Atomkatastrophe ähnlich wie in Tschernobyl. "Wir müssen Europa vor dieser Bedrohung schützen", sagte er per Videoschalte bei einer Ukraine-Geberkonferenz in Kopenhagen. Russland sei unter Präsident Wladimir Putin ein terroristischer Staat, der das Kraftwerk als "Geisel" halte und zur Erpressung nutze.

BfS: Risiko für Deutschland "relativ gering"

Für Deutschland sieht das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) allerdings keine großen Gefahren. Das Risiko für Deutschland im Falle einer nuklearen Katastrophe in Saporischschja sei "relativ gering", sagte der Leiter der Abteilung Radiologischer Notfallschutz im BfS, Florian Gering, dem Portal "ZDFheute.de". Einer älteren Untersuchung zufolge könne "glücklicherweise nur in 17 Prozent aller Wetterlagen überhaupt kontaminierte Luft nach Deutschland gelangen", so Gering. Aber es könne "natürlich auch passieren, dass bei einer Freisetzung der Wind so steht, dass kontaminierte Luft nach Deutschland käme."

Genau das war Ende April/Anfang Mai 1986 der Fall, nachdem es im damals sowjetischen AKW Tschernobyl eine Kernschmelze gegeben hatte. Die radioaktive Belastung war damals vor allem im Südosten Bayerns groß, wo zwei Wetterlagen zusammentrafen: Wind aus dem Osten und starker Regen.

In der unmittelbaren Umgebung von Tschernobyl wurden damals ganze Landstriche so stark verseucht, dass sie bis heute unbewohnbar sind. Es gab Tausende Tote und Verletzte. Tschernobyl liegt im Norden der Ukraine - unweit der Grenze zu Belarus. Saporischschja liegt etwa 520 Kilometer Luftlinie südöstlich davon.

Sitzung im UN-Sicherheitsrat

UN-Generalsekretär António Guterres zeigte sich angesichts der Kämpfe in Saporischschja "zutiefst besorgt". Bedauerlicherweise habe es in den vergangenen Tagen keine Deeskalation gegeben, "sondern Berichte über weitere zutiefst besorgniserregende Vorfälle". Sollten sich diese fortsetzen, "könnte dies zu einer Katastrophe führen", so Guterres. Er appellierte an beide Seiten: "Ich fordere die Streitkräfte der Russischen Föderation und der Ukraine auf, alle militärischen Aktivitäten in unmittelbarer Nähe des Werks unverzüglich einzustellen und nicht auf seine Einrichtungen oder Umgebung zu zielen."

Auf Antrag Russlands befasst sich der UN-Sicherheitsrat - das mächtigste Gremium der Vereinten Nationen - heute mit der Lage um das AKW. Die Sitzung beginnt am späteren Abend deutscher Zeit. Dabei soll der Chef der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA), Rafael Grossi, die 15 Mitgliedstaaten des Sicherheitsrates über die Lage an dem Atomkraftwerk informieren und sich auch zu Fragen der atomaren Sicherheit äußern. Russland ist neben China, Frankreich, Großbritannien und den USA ständiges Mitglied im Sicherheitsrat und besitzt dort Vetorecht - eine Verurteilung Russlands ist damit ausgeschlossen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 11. August 2022 um 18:00 Uhr.