Wolodymyr Selenskyj (Aufnahme vom 20. Mai 2022). | dpa

Krieg in der Ukraine Sjewjerodonezk "das schwierigste Gebiet"

Stand: 03.06.2022 08:32 Uhr

Sjewjerodonezk im Osten der Ukraine ist derzeit besonders umkämpft. Zum Großteil ist die Stadt unter russischer Kontrolle, das ukrainische Militär gibt sie aber noch nicht auf. Hunderte Zivilisten haben in einer Fabrik Zuflucht gesucht.

Seit nunmehr 100 Tagen dauert der von Russland entfesselte Angriffskrieg in der Ukraine inzwischen. Dabei wehren sich ukrainische Truppen weiter gegen den Verlust der Stadt Sjewjerodonezk im Osten, in der russische Truppen mit ihrer überlegenen Feuerkraft vorrücken. Die Stadt solle möglichst nicht aufgegeben werden, sagte Vize-Generalstabschef Olexij Hromow. Vor dem Krieg lebten in Sjewjerodonezk etwa 100.000 Menschen, die meisten von ihnen sind inzwischen geflohen.

Die Stadt ist nach Angaben von Serhij Hajdaj, dem Gouverneur der Region Luhansk, inzwischen fast komplett unter russischer Kontrolle. "Was die heutige Situation in Sjewjerodonezk betrifft, muss ich leider sagen, dass es der russischen Armee gelungen ist, tief in die Stadt vorzudringen. Sie kontrolliert den größten Teil", sagt Hajdaj dem Fernsehsender "Ukraina 24". Die ukrainischen Kämpfer hielten ihre Stellungen in einem Teil der Stadt aber aufrecht.

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. | ISW/01.06.2022

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. Bild: ISW/01.06.2022

Zivilisten in Bunker unter Fabrik

Nach übereinstimmenden ukrainischen und russischen Angaben halten sich mehrere Hundert Zivilisten derzeit in Bunkern unter einer Chemiefabrik in der Stadt auf. Die ukrainische Verwaltung sprach von etwa 800 Menschen in der Fabrik Asot (Stickstoff). "Das sind Einheimische, die gebeten wurden, die Stadt zu verlassen, die sich aber geweigert haben. Auch Kinder sind dort, aber nicht sehr viele", sagte Gouverneur Hajdaj dem US-Sender CNN.

Trotz des Vorrückens russischer Truppen in der Stadt wird die Fabrik weiter von ukrainischen Soldaten verteidigt. Ein Sprecher der prorussischen Separatisten von Luhansk warf den ukrainischen Bewaffneten vor, die Zivilisten in das Werk gelockt zu haben und sie mit Gewalt am Verlassen zu hindern. Das meldete die Agentur Tass.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Selenskyj: "Einige Erfolge erzielt"

In der südukrainischen Hafenstadt Mariupol hatten ukrainische Soldaten und Zivilisten wochenlang unter Beschuss in Bunkern unter dem Stahlwerk Azovstal ausgeharrt. Für die russische Seite war die Eroberung des Stahlwerks Mitte Mai ein wichtiger Sieg. Das Chemiewerk sei aus militärischer Sicht aber weniger bedeutsam als Azovstal, sagte Hajdaj nach ukrainischen Presseberichten.

Präsident Wolodymyr Selenskyj sagte in der Nacht, die Verteidiger hätten "im Kampf um Sjewjerodonezk einige Erfolge erzielt". Es bleibe jedoch "derzeit das schwierigste Gebiet".

Anlässlich des 100. Kriegstages zog Selenskyj bei mehreren Auftritten eine Art Bilanz. Bei den Kämpfen im Osten würden täglich bis zu 100 ukrainische Soldaten getötet, sagte er in einer Videoschalte bei einer Sicherheitskonferenz in der slowakischen Hauptstadt Bratislava. "Und ein paar Hundert Menschen - 450, 500 Menschen - werden verletzt jeden Tag." Ein Fünftel des ukrainischen Staatsgebietes sei derzeit von Russland besetzt, sagte er in einer Schalte in das luxemburgische Parlament.

Selenskyj: 1017 Ortschaften wieder befreit

Nach Selenskyjs Angaben sind die russischen Truppen seit Kriegsbeginn in 3620 Ortschaften der Ukraine einmarschiert, 1017 davon seien wieder befreit worden. "Weitere 2603 werden noch befreit werden." Zwölf Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer seien im Land auf der Flucht; fünf Millionen im Ausland.

Russland habe mehr als 30.000 Soldaten verloren, so Selenskyj. Auch westliche Experten vermuten zwar schwere russische Verluste, halten die Zahlen der Kiewer Regierung aber für zu hoch. Unabhängig überprüfen lassen sich die Angaben nicht.

Kremlchef Wladimir Putin hatte am 24. Februar das Nachbarland angreifen lassen. Die russische Kriegspropaganda behauptet, die Ukraine werde von Neonazis geführt, russischsprachige Menschen würden dort unterdrückt. Während die russischen Truppen anfangs auch auf die Hauptstadt Kiew vorgerückt waren, wurde zuletzt als Ziel immer wieder die komplette Eroberung der ostukrainischen Gebiete Luhansk und Donezk, des sogenannten Donbass, genannt. Die habe "bedingungslose Priorität", sagte Russlands Außenminister Sergej Lawrow Ende Mai. Das ist bisher nicht gelungen.

Angeblich Verhandlungen über Getreideexporte

Gab es in den ersten Kriegswochen noch Verhandlungen zwischen Russlands Führung und der ukrainischen Regierung, liegen diese spätestens seit den Gräueltaten an der Zivilbevölkerung in Butscha und anderen Orten bei Kiew auf Eis. Selenskyj will erst wieder verhandeln, wenn Russland sich auf die Grenzen vom 23. Februar zurückzieht.

Nach Angaben der staatlichen, türkischen Nachrichtenagentur Anadolu wollen Vertreter Russlands, der Ukraine und der UN aber zeitnah zumindest über eine Öffnung eines Korridors für ukrainische Getreideexporte beraten. Unter Vermittlung der Türkei würden die Parteien dann über eine mögliche Route für den Korridor sowie Versicherungs- und Sicherheitsfragen sprechen. Russlands Blockade von ukrainischen Häfen am Schwarzen Meer hat die Verschiffung von Millionen Tonnen Getreide an Länder auf der ganzen Welt verhindert.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 03. Juni 2022 um 09:00 Uhr.