Ein pro-russischer Separatist auf einem Panzer in Mariupol | REUTERS

Krieg gegen die Ukraine Großbritannien prüft Berichte über Giftgas

Stand: 12.04.2022 07:17 Uhr

In Mariupol soll es laut Berichten einen Angriff der Russen mit Giftgas gegeben haben. Eine offizielle Bestätigung dafür gibt es nicht. Die USA und Großbritannien reagierten besorgt. Die Briten haben eine Überprüfung angekündigt.

Großbritannien versucht, Berichte zu verifizieren, wonach Russland bei einem Angriff auf die belagerte ukrainische Stadt Mariupol chemische Waffen eingesetzt haben soll. "Es gibt Berichte, dass die russischen Streitkräfte bei einem Angriff auf die Bevölkerung von Mariupol chemische Kampfstoffe eingesetzt haben könnten", schrieb Außenministerin Liz Truss auf Twitter. Die Details dazu möchte sie zusammen mit Partnern überprüfen.

"Jeder Einsatz solcher Waffen wäre eine gefühllose Eskalation in diesem Konflikt, und wir werden Putin und sein Regime zur Rechenschaft ziehen", schrieb Truss weiter. 

Der Sprecher des US-Verteidigungsministeriums, John Kirby, sagte am Montagabend, Washington habe unbestätigte Informationen über einen Chemiewaffenangriff in der strategisch wichtigen Stadt. "Wenn diese Informationen wahr sind, sind sie sehr besorgniserregend", sagte er.

Er verwies auf Bedenken des US-Militärs, dass Russland "verschiedene Mittel zur Krawallbekämpfung, insbesondere Tränengas gemischt mit chemischen Kampfstoffen, in der Ukraine einsetzen könnte".

Keine Bestätigung von offiziellen Stellen

Die ukrainische Abgeordnete Iwanna Klympusch hatte auf Twitter erklärt, Russland habe in Mariupol eine "unbekannte Substanz" eingesetzt und die Menschen litten an Atemnot. "Wahrscheinlich Chemiewaffen!", schrieb sie. Petro Andryuschtschenko, ein Berater des Bürgermeisters von Mariupol, betonte auf Telegram, dass "die Informationen über den Chemiewaffenangriff derzeit nicht bestätigt sind". "Details und Klarstellungen" würden zu einem späteren Zeitpunkt erfolgen. Er warte auf "offizielle Informationen vom Militär".

Das ukrainische Asow-Regiment hatte kurz nach einer russischen Drohung mit dem Einsatz von Chemiewaffen in Mariupol von einem Angriff mit Giftgas berichtet. Eine unbekannte Substanz sei mit einer Drohne über der seit Langem umkämpften Stadt abgeworfen worden, teilte Asow am Abend in seinem Telegram-Kanal mit. Die getroffenen Personen litten unter Atembeschwerden und Bewegungsstörungen, so Asow.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Prorussische Separatisten für Chemiewaffen-Einsatz

Nach Angaben westlicher Militärexperten spitzt sich die Lage in Mariupol zu. Russische Kräfte hätten die ukrainischen Verteidiger zurückgedrängt. Die Ukrainer haben sich unter anderem in dem Stahlwerk Asowstal verschanzt. Der Militärsprecher der prorussischen Separatisten von Donezk, Eduard Bassurin, sagte, eine Einnahme der unterirdischen Befestigungen auf dem Fabrikgelände wäre zu verlustreich. Deshalb solle man auf chemisch bewaffnete Truppen setzen.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj verwies in seiner nächtlichen Videoansprache auf die Drohung. "Wir nehmen das höchst ernst." Ein möglicher Chemiewaffenangriff sollte für ausländische Staaten Anlass sein, noch härter auf die russische Aggression zu reagieren, sagte Selenskyj.

Offenbar schon mehr als 10.000 tote Zivilisten in Mariupol

Mittlerweile seien bereits mehr als 10.000 Zivilisten in Mariupol getötet worden, sagt der Bürgermeister. Wadym Boitschenko nannte die Zahl am Montag in einem Telefonat mit der Nachrichtenagentur AP. Die Straßen der Stadt seien nach wie vor bedeckt mit Leichen, sagte er. Es könnten also auch mehr als 20.000 Tote sein. Erst am vergangenen Mittwoch hatte Boitschenko die Zahl der Toten in seiner Stadt mit mehr als 5000 beziffert. Die Angaben können nicht unabhängig überprüft werden.

Knapp sieben Wochen nach Beginn des russischen Angriffskrieges in der Ukraine steht die wichtige Hafenstadt Mariupol offenbar vor dem Fall: Die verbliebenen ukrainischen Truppen in der Stadt erklärten am Montag, sie bereiteten sich auf die "letzte Schlacht" vor, prorussische Separatisten aus der Region Donezk meldeten die Einnahme des Hafens von Mariupol.

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. | ISW/10.04.2022

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. Bild: ISW/10.04.2022

Selenskyj: Uns fehlen Waffen zur Befreiung von Mariupol

Der Ukraine fehlen nach Worten Selenskyjs die schweren Waffen, um Mariupol zu befreien. "Wenn wir Flugzeuge und genug schwere gepanzerte Fahrzeuge und die nötige Artillerie hätten, könnten wir es schaffen", sagte er in seiner Videoansprache.

Er sei zwar sicher, dass die Ukraine irgendwann die Waffen bekommen werde, die sie brauche. "Aber nicht nur Zeit geht verloren, sondern auch das Leben von Ukrainern". Dafür seien diejenigen verantwortlich, die nicht jetzt die Waffen lieferten.

Bevölkerung in Charkiw vor Streuminen gewarnt

Derweil gehen die Angriffe auch anderswo im Land weiter. Im Osten der Ukraine zeichnet sich nach Erkenntnissen westlicher Militärs eine russische Großoffensive mit Zehntausenden Soldaten und dem massiven Einsatz von Panzern, Artillerie und Luftwaffe ab. Russland habe seine Truppen dort vergangene Woche von 30.000 auf 40.000 Mann aufgestockt, sagte ein Vertreter des US-Verteidigungsministeriums.

Wie der örtliche Gouverneur mitteilte, wurden im Gebiet Charkiw durch russischen Artilleriebeschuss mindestens acht Zivilisten getötet. Die Behörden warnten die Bevölkerung zudem vor Landminen, die auf die nordöstliche Stadt abgeworfen worden seien. Am Montag sperrten die Sicherheitskräfte ein Gebiet im Osten von Charkiw ab, um eine Reihe kleiner, in Wohnstraßen verstreuter Sprengsätze zu beseitigen.

Der Leiter der ukrainischen Minenräumungseinheit, Oberstleutnant Nikolaj Owtscharuk, sagte, es handele sich um PTM-1M-Minen aus Plastik, die mit Zeitzündern detonierten und von den sowjetischen Streitkräften in Afghanistan weithin eingesetzt wurden. Streuminen wie die PTM-1M-Minen sind nach dem Ottawa-Abkommen über Antipersonenminen wegen der Gefahr für die Zivilbevölkerung verboten.

Über dieses Thema berichtete das Morgenmagazin im Ersten am 12. April 2022 um 05:38 Uhr.