Wolodymyr Selenskyj, Archivbild | dpa

Krieg gegen die Ukraine Selenskyj attackiert russische Unwahrheiten

Stand: 11.04.2022 07:29 Uhr

Der ukrainische Präsident Selenskyj hat die russische Kommunikation scharf kritisiert: Der Kreml dementiere, vertusche und lüge. Zugleich warnte er vor neuen Angriffen, vor allem im Osten. In Charkiw starben mehrere Zivilisten.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj ist mit der russischen Politik der Tatsachenleugnung hart ins Gericht gegangen. Während die Ukraine bemüht sei, "jeden Bastard, der unter russischer Flagge in unser Land gekommen ist und unsere Leute getötet hat", zur Rechenschaft zu bringen, versuche Russland, sich aus der Verantwortung zu stehlen, sagte Selenskyj in seiner Videoansprache. "Was macht Russland? Was tun seine Beamten, seine Propagandisten und die einfachen Leute, die nur wiederholen, was sie im Fernsehen gehört haben?", so Selenskyj.

Selenskyj verwies auf die selektive Wahrheitsfindung der staatlich kontrollierten russischen Medien. "Sie rechtfertigen sich und dementieren. Sie weisen jede Verantwortung von sich. Sie lügen", sagte er weiter. "Und sie haben sich schon so weit von der Realität entfernt, dass sie uns dessen beschuldigen, was eigentlich die russische Armee begangen hat", sagte der ukrainische Präsident mit Verweis auf die Versuche der russischen Führung, das Massaker von Butscha und anderer Vororte von Kiew zu leugnen.

Selenskyj: Russland kann Fehler nicht zugeben

Die Führung in Moskau habe nicht den Mut, ihre fehlgeleitete Politik einzugestehen, sagte Selenskyj. "Sie haben Angst davor, zuzugeben, dass sie über Jahrzehnte falsche Positionen bezogen und kolossale Ressourcen ausgegeben haben, um menschliche Nullen zu unterstützen, die sie als künftige Helden der ukrainisch-russischen Freundschaft aufbauen wollten." Der Versuch der russischen Regierung, eigene Leute in der Ukraine aufzubauen, habe nicht funktioniert. Denn diese Personen "waren nur darin geübt, Geld aus Russland in die eigenen Taschen zu stopfen".

Doch damit habe sich Russland selbst aller politischen Instrumente beraubt und schließlich diesen Krieg begonnen. Zudem versuche Russland, die Schuld für alles auf die Ukraine abzuschieben. "Sie haben die Krim geschnappt, daran sind wir angeblich Schuld" sagte Selenskyj. "Sie haben jedes normale Leben im Donbass vernichtet, daran sind wir angeblich Schuld. Sie haben acht Jahr lang Menschen in unserem Land getötet, daran sind angeblich wir Schuld."

In seiner Videoansprache sagte Selenskyj weiter: "Und schließlich haben sie einen groß angelegten Krieg gegen uns begonnen, und wieder sind wir daran Schuld." Und dies alles aus Feigheit. "Und wenn die Feigheit zunimmt, dann verwandelt sie sich in eine Katastrophe", sagte der ukrainische Staatschef. "Wenn Menschen der Mut fehlt, Fehler zuzugeben, sich zu entschuldigen, sich der Realität anzupassen, verwandeln sie sich in Monster." Wenn die Welt dies ignoriere, dann "entscheiden die Monster, dass sich die Welt ihnen anpassen muss".

Ukrainischer Präsident: Entscheidende Kriegstage

Zugleich warnte Selenskyj sein Land vor entscheidenden Tagen im Krieg. "Die russischen Truppen werden zu noch größeren Operationen im Osten unseres Staates übergehen", sagte der Staatschef in seiner Videoansprache. "Sie werden vielleicht noch mehr Raketen gegen uns einsetzen, noch mehr Luftbomben. Aber wir bereiten uns auf ihre Aktionen vor. Wir werden antworten."

"Die Schlacht um den Donbass wird mehrere Tage dauern, und während dieser Tage könnten unsere Städte vollständig zerstört werden", erklärte der ukrainische Gouverneur der Region Luhansk, Serhij Gajdaj, auf Facebook. "Wir bereiten uns auf ihre Aktionen vor. Wir werden darauf reagieren", so Gajdaj.

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. | ISW/10.04.2022

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. Bild: ISW/10.04.2022

Russische Armee arbeitet am "Minimalplan Ostukraine"

Die stellvertretende Verteidigungsministerin Hanna Maljar sagte nach Angaben der Agentur Unian, "die russische Armee arbeitet weiter an ihrem Minimalplan Ostukraine". Die Ukraine setze unterdessen ihre eigenen Vorbereitungen mit der Fortsetzung der Mobilmachung und der Ausbildung von Rekruten fort.

Der Generalstab der ukrainischen Armee erwartet in Kürze einen neuen Vorstoß der russischen Streitkräfte zur vollständigen Eroberung der Ostukraine. Dazu würden aktuell neue Truppen aus anderen Landesteilen Russlands an die Grenzen herangeführt. Daneben würden zerschlagene russische Einheiten mit neuem Personal aufgefüllt. Die Schwerpunkte der nächsten russischen Angriffe seien bei Charkiw und Slowjansk zu erwarten, hieß es.

Charkiw: Offenbar mehrere Zivilisten getötet

Bei russischen Artillerieangriffen in der ostukrainischen Großstadt Charkiw wurden nach ukrainischen Angaben mindestens zwei Menschen getötet. "Die russische Armee führt weiterhin einen Krieg gegen die Zivilbevölkerung, weil es an der Front keine Siege gibt", schrieb Regionalgouverneur Oleg Synegubow auf Telegram. Zuvor waren bei Bombenangriffen südöstlich der Stadt demnach zehn Zivilistinnen und Zivilisten getötet worden. Darunter soll nach Angaben des Gouverneurs ein Kind gewesen sein.

Mindestens elf weitere Menschen seien bei Angriffen auf "zivile Infrastruktur" in den Orten Balaklija, Pesotschin, Solotschiw und Dergatschi verletzt worden, schrieb Synegubow auf Twitter.

Der enge Putin-Verbündete und Machthaber der russischen Teilrepublik Tschetschenien, Ramsan Kadyrow, drohte sodann weitere Angriffe auf ukrainische Städte an. "Es wird eine Offensive geben", sagte Kadyrow in einem Video, das auf seinem Telegramm-Kanal veröffentlicht wurde. "Nicht nur auf Mariupol, sondern auch auf andere Orte, Städte und Dörfer." Erst werde man Luhansk und Donezk "vollständig befreien", danach Kiew und alle anderen Städte einnehmen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 11. April 2022 um 06:09 Uhr.