Wolodymyr Selenskyj (Archivbild) | dpa

Kritik von Selenskyj "Erwarten vom Bürgermeisteramt Qualitätsarbeit"

Stand: 26.11.2022 11:42 Uhr

Nach den jüngsten russischen Raketenangriffen macht die Ukraine Fortschritte beim Wiederaufbau der Infrastruktur. Doch in vielen Städten geht es Präsident Selenskyj nicht schnell genug - offenbar vor allem in Kiew. Dort ist Klitschko Bürgermeister.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat die Arbeit der Kiewer Stadtverwaltung bei der Schadensbehebung nach den massiven russischen Angriffen auf die Energieversorgung kritisiert. "Leider haben die örtlichen Behörden nicht in allen Städten gute Arbeit geleistet", sagte Selenskyj in seiner abendlichen Videoansprache. "Insbesondere gibt es zahlreiche Beschwerden in Kiew." Viele Bürger der Hauptstadt seien inzwischen bis zu 30 Stunden ohne Strom. "Heute Abend sind 600.000 Abonnenten in der Stadt abgeschaltet", erläuterte der Präsident. "Wir erwarten vom Bürgermeisteramt Qualitätsarbeit."

Zu wenige funktionierende Wärmestuben

Selenskyj nannte Stadtoberhaupt Vitali Klitschko nicht beim Namen. Er ärgerte sich vor allem darüber, dass es in der drei Millionen Einwohner zählenden Hauptstadt weniger Wärmestuben gebe als benötigt. Klitschko hatte berichtet, 400 dieser Anlaufstellen seien eingerichtet worden. Bei Stromausfällen von mehr als einem Tag sollen sich die Bürger dort aufwärmen können. Es soll Strom, Wasser, Erste Hilfe und Internet geben.

Tatsächlich gebe es funktionierende Wärmestuben nur in den Gebäuden des Zivilschutzes und am Bahnhof, sagte Selenskyj. "An anderen Stellen muss noch gearbeitet werden, um es vorsichtig auszudrücken." Die Einwohner von Kiew bräuchten mehr Schutz. Niemand verzeihe bloße Lippenbekenntnisse, gleiches gelte für "Lügen bei Berichten auf verschiedenen Arbeitsebenen".

Selenskyj und Klitschko haben ihre politische Konkurrenz während des Krieges zurückgestellt. Sie besteht aber weiter, wie die Äußerungen des Präsidenten zeigen. Eine Stellungnahme von Klitschko liegt bisher nicht vor.

Noch sechs Millionen Verbrauchsstellen ohne Strom

Mit einem Schwarm von etwa 70 Raketen und Marschflugkörpern hatte Russland am Mittwoch die Energieinfrastruktur der Ukraine beschossen und schwere Schäden angerichtet. Er war die achte derartige Angriffswelle seit Mitte Oktober. Am Mittwochabend nach dem Angriff seien landesweit zwölf Millionen Verbrauchsstellen ohne Strom gewesen, sagte Selenskyj. Freitagabend seien es noch sechs Millionen Verbrauchsstellen. Die meisten Probleme gebe es in Kiew und umliegenden Regionen, Odessa, Lviv, Vinnytsja und Dnipropetrowsk.

Selenskyj mahnte die Menschen, sparsam zu sein, selbst wenn es Licht gebe. "Wenn Strom vorhanden ist, bedeutet das nicht, dass Sie mehrere leistungsstarke Elektrogeräte gleichzeitig einschalten können." Die EU will der Ukraine 40 Generatoren liefern. Das teilte Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen nach einem Gespräch mit Selenskyj mit. Die Geräte könnten jeweils ein kleines bis mittelgroßes Krankenhaus mit Strom versorgen.

Die Vereinten Nationen und das Rote Kreuz warnten am Freitag davor, dass durch die Angriffe viele Menschen in extreme Not und entsetzliche Lebensbedingungen geraten könnten. Die Stromausfälle haben zur Folge, dass es vielerorts auch kein Wasser und keine Heizung gibt. Zudem funktionieren Internet oder Telefon nur schlecht.

Mit Informationen von Stephan Laack, WDR Köln, für das ARD-Studio Moskau

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 26. November 2022 um 04:30 Uhr.