Rettungskräfte tragen den Leichnam der bei einem Luftangriff getöteten Journalistin aus einem zerstörten Wohnhaus in Kiew | REUTERS

Während Guterres-Besuch Scharfe Kritik an Angriff auf Kiew

Stand: 29.04.2022 15:14 Uhr

Die Bundesregierung hat Russland angesichts des Beschusses von Kiew ein "menschenverachtendes Vorgehen" vorgeworfen. Moskau bestätigte, die Hauptstadt während des Besuchs von UN-Chef Guterres beschossen zu haben.

Der russische Raketenangriff auf Kiew während des Besuchs von UN-Generalsekretär António Guterres hat international für scharfe Kritik gesorgt. Russland und Kreml-Chef Wladimir Putin hätten "keinerlei Respekt vor dem internationalen Recht", sagte ein Sprecher der Bundesregierung in Berlin. Das russische Vorgehen in der Ukraine sei "menschenverachtend".

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj warf Moskau vor, die UN "demütigen" zu wollen. Selenskyjs Berater Olexyj Arestowytsch kritisierte die Raketenangriffe als "dümmste Variante überhaupt". Russland habe Guterres mit diesem Angriff "in den Rücken geschossen".

Der französische Außenminister Jean-Yves Le Drian kritisierte "unterschiedslose Angriffe der russischen Streitkräfte auf Kiew". Er sprach der ukrainischen Bevölkerung sowie Guterres und Bulgariens Ministerpräsident Kiril Petkow, der sich am Donnerstag ebenfalls in der Nähe befunden hatte, seine Solidarität aus.

Bei dem Angriff wurde eine ukrainische Journalistin von Radio Liberty getötet. "Wira Gyritsch starb an den Folgen des Einschlags einer russischen Rakete in das Gebäude, in dem sie wohnte", erklärte der von den USA finanzierte Radiosender auf seiner Internetseite.

Russland bestätigt Beschuss von Kiew

Die Raketen schlugen 3,5 km entfernt von dem Ort ein, wo eine knappe Stunde zuvor UN-Chef Guterres und Selenskyj eine Pressekonferenz beendet hatten. Ein UN-Sprecher zeigte sich "schockiert".

Russland hatte bereits bestätigt, die ukrainische Hauptstadt am Donnerstag beschossen zu haben. "Hochpräzise, luftgestützte Langstreckenwaffen der russischen Luftwaffenkräfte haben die Produktionsgebäude des Raketen- und Raumfahrtunternehmens Artiom in Kiew zerstört", erklärte das russische Verteidigungsministerium.

Eine Reihe von Luftangriffen hätten außerdem mehrere Umspannwerke an ukrainischen Eisenbahnknotenpunkten, unter anderem in Fastow bei Kiew getroffen. Es war der erste russische Angriff auf Kiew seit knapp zwei Wochen.

Nach Angaben Selenskyjs schlugen fünf Raketen in der Hauptstadt ein. Unter anderem sei ein 25-stöckiges Wohngebäude teilweise zerstört worden. Laut Bürgermeister Vitali Klitschko wurde bislang eine Leiche aus den Trümmern geborgen.

Guterres hatte am Dienstag Präsident Putin in Moskau getroffen. Anschließend reiste er weiter in die Ukraine, wo er am Donnerstag auch mehrere Kiewer Vororte besuchte, in denen russische Soldaten nach ukrainischen Angaben Kriegsverbrechen begangen haben sollen.

Russische Truppen rücken in Ost-Ukraine weiter vor

In der Ostukraine rückte die russische Armee derweil weiter vor. Besonders betroffen sind nach ukrainischen Angaben die Regionen Charkiw und der Donbass. Nach Angaben des Gouverneurs von Charkiw, Oleg Synegubow, wurden fünf Menschen bei Bombenangriffen auf die Stadt und das Umland getötet.

Russische Truppen beschossen die südukrainische Hafenstadt Odessa mit Raketen. Dabei habe die Luftabwehr drei russische Raketen abgeschossen, sagte der örtliche Militärvertreter Maxim Martschenko. "Wir haben den Himmel unter Kontrolle." Zuvor sei bereits eine russische Aufklärungsdrohne zerstört worden.

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. | ISW/28.04.2022

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. Bild: ISW/28.04.2022

Ukrainische Truppen haben laut einem Bericht der Nachrichtenagentur RIA ein Öldepot in der von prorussischen Separatisten gehaltenen Stadt Donezk beschossen und beschädigt. Die Agentur beruft sich auf einen Vertreter der Separatisten. Online veröffentlichte Bilder zeigten die brennende Anlage.

Ein örtlicher russischer Gouverneur meldete den Beschuss eines Kontrollpostens in der an die Ukraine grenzenden russischen Region Kursk. Die Grenzwachen und das Militär hätten das Feuer erwidert, teilt Roman Starowojt mit. Es habe keine Opfer oder Schäden gegeben.

Russen nehmen zwei Briten gefangen

Die in Großbritannien ansässige Hilfsorganisation Presidium Network meldete derweil die Festnahme von zwei freiwilligen Helfern britischer Staatsangehörigkeit durch russische Soldaten in der Ukraine.

Die zwei Männer, die demnach nicht zu Presidium Network gehören, seien an einem Militärkontrollpunkt südlich von Saporischschja wegen des Vorwurfs der Spionage festgenommen worden, erklärte die Organisation.

Evakuierungsaktion in Mariupol geplant

Die ukrainische Regierung will nach eigenen Angaben noch heute Zivilisten aus dem belagerten Industriegelände Asow-Stahl in Mariupol in Sicherheit bringen. "Heute ist eine Operation geplant, um die Zivilisten aus dem Werk zu bekommen", erklärte das Präsidialamt in Kiew, ohne weitere Einzelheiten zu nennen.

Bei einem russischen Angriff auf die im Stahlwerk verschanzten letzten Verteidiger Mariupols geriet offenbar das dort eingerichtete Feldlazarett unter schweren Beschuss. Nach einem Bericht der "Ukrajinska Prawda" kam dabei mindestens ein Soldat ums Leben, rund 100 Patienten erlitten weitere Verletzungen.

Nach Darstellung der Ukraine ist das Lazarett, in dem sich rund 500 Verwundete und Ärzte aufhielten, gezielt angegriffen worden. Die Angaben konnten nicht unabhängig überprüft werden.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Zuletzt hatte sich Guterres um die Evakuierung der Menschen aus dem von russischen Truppen eingeschlossenen Werksgelände bemüht. Die dort verschanzten Soldaten lehnen trotz wiederholter Aufforderung von russischer Seite eine Kapitulation ab.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 29. April 2022 um 14:00 Uhr.