Drei Menschen bahnen sich einen Weg durch Schutt und Trümmer in Kiew. | dpa

Krieg in der Ukraine Die Ukrainer kämpfen - und gedenken

Stand: 18.03.2022 08:25 Uhr

In fast allen Gebieten der Ukraine soll es zuletzt Fliegeralarm gegeben haben, melden ukrainische Medien. In Mariupol läuft die Rettungsaktion am Theater weiter. Im Chaos versuchen die Menschen, die Toten zu würdigen.

Von Palina Milling, WDR, für das ARD-Studio Moskau

Einmal am Tag hält die Ukraine inne - und gedenkt der Gefallenen. Seit gestern gibt es eine landesweite Schweigeminute, sie soll jeden Tag abgehalten werden. Ein Video aus Lwiw zeigt die Bahnhofshalle, eine Ansage ist zu hören: "Es ist neun Uhr in Lwiw. Zu dieser Zeit denken wir an die, die in diesem Krieg ihr Leben verloren haben. An alle, die am Leben wären, wenn Russland diesen Krieg nicht begonnen hätte."

Palina Milling

Nach Angaben der ukrainischen Oberstaatsanwältin Irina Wenediktowa wurden alleine 103 Kinder getötet. Der russische Krieg gegen ukrainische Kinder, schreibt sie, nehme jeden Tag nicht weniger als fünf ihrer Leben. Wie viele es wirklich sind, lässt sich kaum überprüfen. Wenediktowa fürchtet, die Zahl könnte deutlich höher liegen.

Die Opfer unter den Kindern thematisiert der Präsident der Ukraine Wolodymyr Selenskyj regelmäßig. Wenn er darüber spricht, ist ihm ein besonderer Schmerz anzusehen. Und eine besondere Freude, wenn Kinder gerettet werden. In seinem Briefing um Mitternacht erzählte er die Geschichte einer Familie, die auf der Flucht offenbar unter Beschuss geriet: "Die älteste Tochter - Katja - sie ist erst 16, stellte sich vor ihren Bruder, Igor, er ist acht. Die Mutter Tatjana wurde von Splittern getroffen. Der Vater trug die Tochter auf Händen vom Beschuss weg. Sie haben sich alle gerettet, weil sie zusammenhielten."

Selenskyj besucht Landsleute im Krankenhaus

Zuvor lernte Selenskyj die Familie im Krankenhaus kennen, zum zweiten Mal seit Anfang des Krieges besuchte er Verwundete in einem Spital. Er machte Selfies, schüttelte bandagierte Hände. Zwischen Telefonaten mit Staatschefs und Ansprachen an Parlamente.

Seine Botschaft an den deutschen Bundestag erwähnte er auch im nächtlichen Briefing. "Ich habe dort nicht nur als Präsident gesprochen, sondern auch als Ukrainer, als Bürger, als Europäer. Als jemand, der spürt, als wäre da zwischen uns allen und dem deutschen Staat eine Wand, eine unsichtbare, aber eine gewaltige Wand. Wir haben gesehen, wie Deutschland jahrzehntelang um die Wirtschaft kämpfte. Um neue russische Gas-Pipelines und alte europäische Träume."

Man sehe, dass sich die Ansichten der Deutschen ändern, Deutschland suche einen neuen Weg, sagte Selenskyj. Bundeskanzler Scholz habe eine Chance und eine Mission, in Europa für Frieden zu sorgen - für langfristigen und ehrlichen Frieden, erklärte er.

Während Europäer und US-Amerikaner weiter Waffen an die Ukraine liefern, versucht das Land durchzuhalten. Ukrainische Medien meldeten heute früh Fliegeralarm in fast allen Gebieten des Landes. Sirenen heulen in nördlichen, westlichen und südlichen Regionen sowie rund um Kiew.

Der Generalstab verkündet, die russischen Truppen hätten keine Offensiv-Erfolge erzielt, man wehre Angriffe ab. Es klingt kämpferisch, lässt sich aber nicht unabhängig bestätigen. Die Karte der britischen Aufklärung dokumentiert zwar auch keine Fortschritte des russischen Militärs in der Ukraine. Sie macht aber die angespannte Lage noch einmal deutlich.

Mariupol weitgehend zerstört

Die Region um Cherson, an die Krim angrenzend, ist demnach unter russischer Kontrolle. Von dort macht sich eine Landverbindung in die Ostukraine bemerkbar. Das umkämpfte Mariupol ist ein Teil davon. 80 bis 90 Prozent der Stadt seien zerstört, es gebe kein einziges intaktes Gebäude, berichtete der stellvertretende Bürgermeister Sergej Orlow ukrainischen Medien.

Videos zeigen eine Schlange aus Autos, die Mariupol verlassen wollen. Schritttempo. Einige Menschen sind zu Fuß unterwegs, sie schieben Kinderwagen vor sich her. Im Hintergrund ist ein zerstörtes Hochhaus zu sehen, es gleicht einer schwarzen Mauer.

Weitere Bilder aus der Stadt halten die Trümmer des Theaters fest. Es soll durch einen russischen Angriff zerstört worden sein. Russland dementierte das. Im Gebäude suchten mehr als 1000 Menschen Schutz. Sie sollen sich im Keller versteckt haben. Unklar jedoch, wie viele Tote und Verletzte es gibt - und ob Rettungskräfte trotz Beschuss überhaupt vorankommen. Währenddessen steht der Ukraine ein weiterer Kriegstag bevor.

Explosionen beim Flughafen Lwiw

Am frühen Morgen wurden heftige Explosionen in der Nähe des Flughafens von Lwiw gemeldet. Bürgermeister Andrij Sadowy schrieb auf Facebook, das Flughafengelände sei angegriffen worden.

Im Nordosten, wo die Städte Charkiw, Sumy und Tschernihiw Tag für Tag bombardiert werden, scheinen die russischen Truppen an Halt zu gewinnen. Und in der Hauptstadt Kiew werden weiter Schützengräben geschaufelt.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 18. März 2022 um 08:00 Uhr.