Der ukrainische Präsident Selenskyj | dpa

Kampf um Hafenstadt Selenskyj gibt Mariupol nicht verloren

Stand: 21.04.2022 20:47 Uhr

Die von russischen Truppen kontrollierte und weitgehend zerstörte Stadt Mariupol ist laut dem ukrainischen Staatschef Selenskyj noch nicht verloren. Es gebe Wege, die Hafenstadt zu befreien - auch militärisch.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hält die nach Kreml-Angaben nun von Russland kontrollierte Hafenstadt Mariupol noch nicht für komplett verloren. "Die Situation ist schwierig, die Situation ist schlecht", sagte er Journalisten örtlichen Medien zufolge in Kiew.

Es gebe mehrere Wege, die Stadt zu befreien. "Es gibt einen militärischen Weg, auf den man sich vorbereiten muss, und wir bereiten uns vor", so Selenskyj weiter. Dazu brauche es die Hilfe westlicher Partner. "Für uns selbst ist es schwierig, wir brauchen entsprechende Waffen, doch denken wir darüber nach", meinte er. Ein anderer Weg sei ein diplomatischer, humanitärer.

Austausch von Verwundeten vorgeschlagen

Kiew habe Moskau bereits mehrere Varianten vorgeschlagen, darunter einen Austausch von "Verwundeten gegen Verwundete". "Dort gibt es über 400 Verwundete in dieser Zitadelle. Das sind nur die Soldaten." Es gebe ebenfalls verletzte Zivilisten. "Vor uns liegen entscheidende Tage, die entscheidende Schlacht um unseren Staat, um unser Land, um den ukrainischen Donbass", sagte Selenskyj.

Mariupol war kurz nach dem Beginn des russischen Angriffskrieges vor zwei Monaten von gegnerischen Truppen eingekreist worden. Einzig in dem Stahlwerk Azovstal harren noch mehrere hundert ukrainische Soldaten in Bunkeranlagen aus. Bei ihnen sollen nach ukrainischen Angaben zudem noch etwa 1000 Zivilisten sein.

Putin will Stahlwerk nicht stürmen lassen

Der russische Präsident Wladimir Putin hatte die Stadt für erobert erklärt und befohlen, von einem Sturm der Anlagen abzusehen. Einige der Eingeschlossenen hatten erklärt, sie wollten nicht aufgeben und sich in russische Gefangenschaft ausliefern. Wie groß ihre Vorräte an Lebensmitteln und Munition sind, ist unklar.

Putin ordnete an, das Werk weiter zu belagern - so engmaschig, dass "keine Fliege mehr herauskann". Eine Erstürmung des Komplexes mit zahlreichen unterirdischen Tunneln sei nicht sinnvoll, sagte Putin. "Wir müssen an das Leben und die Gesundheit unserer Soldaten und Offiziere denken", sagte der Staatschef. Er forderte die Menschen in dem Stahlwerk erneut auf, die Waffen niederzulegen. 

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. | ISW/19.04.2022

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. Bild: ISW/19.04.2022

Appelle für Fluchtkorridor

Das ukrainische Außenministerium forderte eindringlich die Einrichtung eines Fluchtkorridors für Zivilisten und verletzte Kämpfer aus dem Stahlwerk in Mariupol. "Sie haben fast keine Lebensmittel, kein Wasser und keine lebenswichtigen Medikamente", erklärte das Ministerium in Onlinenetzwerken. Die ukrainischen Behörden befürchten, dass mehr als 20.000 Menschen in Mariupol gestorben sein könnten.

Ein Kommandeur des ultranationalistischen ukrainischen Asow-Bataillons, Swjatoslaw Palamar, kündigte indes an, seine Einheit werde sich nicht mitsamt ihren Waffen ergeben. Er bat stattdessen um "Sicherheitsgarantien" der "zivilisierten Welt".

"Kaum zu ertragen"

Bundesaußenministerin Annalena Baerbock warf den russischen Truppen "ein Ausbluten, ein Aushungern" Mariupols vor. Die Lage in der Stadt sei "nicht nur hochdramatisch, sie ist kaum zu ertragen", sagte sie bei einem Besuch in Estland und kündigte an, die EU werde den Druck auf Russland weiter erhöhen.

 

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 21. April 2022 um 17:00 Uhr.