Rauch steigt über einem Stahlwerk in Mariupol auf, Bild vom 20.04.22 | REUTERS

Mariupol Verschanzte können Stahlwerk nicht verlassen

Stand: 21.04.2022 15:46 Uhr

In der offenbar von russischen Truppen kontrollierten Stadt Mariupol haben sich immer noch ukrainische Truppen und Zivilisten in einem Stahlwerk verschanzt. Appelle, ihnen freies Geleit zu geben, blieben bisher ohne Erfolg.

Nach fast zweimonatiger Belagerung hat Russlands Präsident Wladimir Putin die Einnahme der strategisch wichtigen ukrainischen Hafenstadt Mariupol verkündet - zugleich aber eingeräumt, dass das Asowstal-Stahlwerk mit den letzten ukrainischen Verteidigern der Stadt noch immer nicht unter russischer Kontrolle sei.

Putin ordnete an, das Werk weiter zu belagern - so engmaschig, dass "keine Fliege mehr herauskann". Eine Erstürmung des Komplexes mit zahlreichen unterirdischen Tunneln sei nicht sinnvoll, sagte Putin. "Wir müssen an das Leben und die Gesundheit unserer Soldaten und Offiziere denken", sagte der Staatschef. Er forderte die Menschen in dem Stahlwerk erneut auf, die Waffen niederzulegen. 

Weiterhin keine Evakuierungsmöglichkeiten

Nach Angaben des Bürgermeisters von Mariupol, Wadym Bojtschenko, können Zivilisten das belagerte Stahlwerk nicht verlassen. In der Hafenstadt selbst warteten rund 200 Menschen darauf, sich in Sicherheit zu bringen, sagte er. Bis zum Nachmittag seien keine Busse angekommen.

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. | ISW/19.04.2022

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. Bild: ISW/19.04.2022

Nach Angaben des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj halten sich rund tausend Zivilisten und Hunderte Verletzte mit den Soldaten im Stahlwerk auf. Die stellvertretende ukrainische Ministerpräsidentin Iryna Wereschtschuk appellierte an Staats- und Regierungschefs und die internationale Gemeinschaft, ihre Anstrengungen auf das Werk zu konzentrieren. Sie sprach von einem Schlüsselmoment für humanitäre Bemühungen.

Am Mittwoch seien 80 Menschen aus Mariupol herausgebracht worden. Ein kleiner Konvoi mit Zivilisten habe die Stadt verlassen und sei nun auf dem Weg nach Saporischschja, das unter ukrainischer Kontrolle ist. In Mariupol harrten noch immer mehr als 100.000 Menschen aus, sagt Bojtschenko.

Nationale und internationale Appelle für Fluchtkorridor

Das ukrainische Außenministerium forderte eindringlich die Einrichtung eines Fluchtkorridors für Zivilisten und verletzte Kämpfer aus dem Stahlwerk in Mariupol. "Sie haben fast keine Lebensmittel, kein Wasser und keine lebenswichtigen Medikamente", erklärte das Ministerium in Onlinenetzwerken. Die ukrainischen Behörden befürchten, dass mehr als 20.000 Menschen in Mariupol gestorben sein könnten.

Ein Kommandeur des ultranationalistischen ukrainischen Asow-Bataillons, Swjatoslaw Palamar, kündigte indes an, seine Einheit werde sich nicht mitsamt ihren Waffen ergeben. Er bat stattdessen um "Sicherheitsgarantien" der "zivilisierten Welt".

Bundesaußenministerin Annalena Baerbock warf den russischen Truppen "ein Ausbluten, ein Aushungern" Mariupols vor. Die Lage in der Stadt sei "nicht nur hochdramatisch, sie ist kaum zu ertragen", sagte sie bei einem Besuch in Estland und kündigte an, die EU werde den Druck auf Russland weiter erhöhen.

Im restlichen Donbass und im Süden des Landes setzten die russischen Streitkräfte ihren Artilleriebeschuss am Donnerstag nach ukrainischen Angaben "an der gesamten Frontlinie" fort. Heftige Gefechte wurden unter anderem aus der Region Isjum sowie in den Städten Popasna und Rubischne in der Region Luhansk gemeldet.

 

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 21. April 2022 um 14:00 Uhr.