Ein ausgebrannter Bus steht vor einem zerstörten Wohngebäude in Mariupol. | REUTERS

Russisches Ultimatum abgelaufen Soldaten in Mariupol harren aus

Stand: 20.04.2022 16:03 Uhr

Das Ultimatum Moskaus an die ukrainischen Soldaten in Mariupol ist abgelaufen - statt sich zu ergeben, harren sie offenbar weiter in der eingekesselten Hafenstadt aus. Unterdessen übergab der Kreml der Ukraine Forderungen für Friedensverhandlungen.

Nach Angaben eines Beraters von Präsident Wolodymyr Selenskyj harren ukrainische Soldaten trotz anhaltender Angriffe auf das Stahlwerk Asowstal in Mariupol weiter aus. Moskau hatte den ukrainischen Soldaten ein neues Ultimatum bis 13.00 Uhr MESZ gestellt, um sich zu ergeben und ihnen freien Abzug zugesichert.

Vor diesem Hintergrund hatte ein Kommandeur der Truppen einen verzweifelten Appell "an alle Anführer der Welt, uns zu helfen" gerichtet. Sie sollten die ukrainischen Soldaten herausholen und in einen "Drittstaat" bringen. "Wir sehen hier vielleicht unseren letzten Tagen, wenn nicht Stunden entgegen", sagte Serhij Wolyna, Kommandeur der 36. Marinebrigade, in einem Video auf Facebook. "Der Feind ist uns in einem Verhältnis von 10:1 überlegen."

"Grauenvolle" Lage in Stahlwerk

Die Anlage des Stahlkonzerns, in der sich Tausende ukrainische Soldaten verschanzt haben, hat zahlreiche unterirdische Tunnel. Ein Berater des Bürgermeisters von Mariupol beschrieb die Lage dort als "grauenvoll". Bis zu 2000 Menschen, überwiegend Frauen und Kinder, seien dort ohne "normale" Versorgung mit Trinkwasser, Essen und frischer Luft. 

Fluchtkorridor vereinbart

Nach Angaben der ukrainischen Vize-Regierungschefin Iryna Wereschtschuk einigte sich Kiew mit den russischen Truppen erstmals seit Samstag auf einen Fluchtkorridor für Zivilisten aus der heftig umkämpften Hafenstadt. Sie sollen nach Saporischschja gebracht werden. 

Mariupol ist für die russischen Streitkräfte von strategischer Bedeutung. Die Einnahme der Stadt würde es Russland ermöglichen, einen durchgehenden Korridor vom Donbass zu der 2014 annektierten Krim-Halbinsel herzustellen. 

Schwere Gefechte

Auch in anderen Teilen der Ostukraine kämpften die ukrainischen Truppen gegen den russischen Vormarsch an. Bei einem Gegenangriff auf die russischen Truppen nahe der Kleinstadt Marinka seien diesen Verluste zugefügt worden, teilte das Verteidigungsministerium in Kiew mit. Demnach schlugen die ukrainischen Kämpfer auch einen russischen Angriff in der Stadt Isjum südlich von Charkiw zurück. Zudem seien russische Versuche erfolglos geblieben, die Städte Rubischne und Sjewjerodonezk im Gebiet Luhansk zu stürmen. Schwere Gefechte habe es zudem um Popasna, Torske, Selena Dolyna und Kreminna gegeben.

Russlands Streitkräfte beschossen nach eigenen Angaben 1053 Militärobjekte und flogen 73 Luftangriffe in der Ukraine. Von unabhängiger Seite konnten diese Angaben nicht bestätigt werden.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Kreml: Forderungen für Friedensverhandlungen

Russland bot dem angegriffenen Nachbarland zugleich schriftlich neue Verhandlungen an. Die russische Seite habe einen Dokumentenentwurf mit "absolut klarem, ausführlichem Wortlaut" an die Ukraine übergeben, sagte Kreml-Sprecher Peskow in einer Telefonkonferenz mit Reportern. Russland warte jetzt auf die Reaktion der Ukraine. Details nannte er nicht.

Peskow sagte, die Ukraine sei dafür verantwortlich, dass die Verhandlungen nicht schneller vorankämen. Die ukrainische Regierung weiche ständig von dem ab, was zuvor ausgemacht worden sei. "Die Dynamik der Arbeit auf der ukrainischen Seite lässt viel zu wünschen übrig", sagte Peskow.

Die Ukraine hatte Russland im März in Istanbul einen eigenen Abkommensentwurf gegeben. Wie oft die beiden Seiten seit den Verhandlungen in der Türkei miteinander gesprochen haben, ist unklar.

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. | ISW/19.04.2022

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. Bild: ISW/19.04.2022

Abgeordneter: Ukrainer nach Russland verschleppt

Russland hat nach Angaben eines führenden ukrainischen Abgeordneten etwa 500.000 Menschen aus der Ukraine verschleppt. Mykyta Poturajew, der dem Ausschuss für humanitäre Fragen des Parlaments in Kiew vorsitzt, forderte das Rote Kreuz auf, mit diesen Menschen Kontakt aufzunehmen.

"Eine halbe Million ukrainischer Bürgerinnen und Bürger sind aus der Ukraine in die Russische Föderation deportiert worden, ohne dass sie dem zugestimmt hätten", sagte Poturajew vor dem Europäischen Parlament in einer Video-Schalte. Unglücklicherweise gebe es derzeit keine Möglichkeit, Kontakt zu ihnen herzustellen. Poturajew äußerte sich besorgt über das Schicksal dieser Menschen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 20. April 2022 um 16:00 Uhr.