Ein russischer Militärkonvoi auf einer Straße in der Nähe der ukrainischen Hafenstadt Mariupol. | AP

Russische Offensive in Ostukraine "Zweite Phase des Krieges hat begonnen"

Stand: 19.04.2022 08:03 Uhr

Russland hat nach ukrainischen Angaben seine Großoffensive auf die Ostukraine gestartet. Entlang der Frontlinie gab es offenbar mehrere Explosionen. "Die Schlacht um den Donbass" habe begonnen, so Präsident Selenskyj.

Die russische Armee hat offenbar ihre seit Wochen erwartete Großoffensive im Osten der Ukraine gestartet. Der Sekretär des ukrainischen Sicherheitsrates, Alexej Danilow, sagte im Fernsehen, die russischen Streitkräfte hätten fast entlang der gesamten Frontlinie in den östlichen Regionen Donezk, Luhansk und Charkiw versucht, die ukrainischen Verteidigungslinien zu durchbrechen.

Der ukrainische Präsidentenberater Andrij Jermak sprach von einer neuen Phase im Krieg. "Die zweite Phase des Krieges hat begonnen", schrieb er bei Telegram. "Glaubt an unsere Armee, sie ist sehr stark."

Explosionen entlang der Frontlinie

Nach Angaben ukrainischer Medien gab es entlang der Frontlinie in der östlichen Region Donezk offenbar mehrere, zum Teil heftige Explosionen. Die Städte Marinka, Slawjansk und Kramatorsk seien unter Beschuss geraten. Auch in Charkiw im Nordosten des Landes und in Saporischschja im Südosten habe es Explosionen gegeben.

Auch Mykolajiw im Süden der Ukraine soll unter Beschuss stehen. "In Mykolajiw kam es zu mehreren Explosionen. Wir sind dabei, die Situation zu untersuchen", teilte Bürgermeister Olexander Senkewytsch mit.

Selenskyj: "Schlacht um den Donbass" hat begonnen

Zuvor hatte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj in einer Videoansprache erklärt, dass russische Truppen die erwartete Großoffensive im Osten des Landes begonnen hätten. "Wir können jetzt sagen, dass die russischen Truppen die Schlacht um den Donbass begonnen haben, auf die sie sich so lange vorbereitet haben", sagte Selenskyj.

Ein großer Teil des russischen Heeres sei an dieser Offensive beteiligt. "Egal wie viele russische Truppen dorthin gebracht werden, wir werden kämpfen. Wir werden uns verteidigen. Wir werden das jeden Tag tun."

Russische Truppen erobern Kreminna

Ukrainischen Angaben zufolge griffen russische Einheiten auf einer breiten Front von mehr als 480 Kilometer Länge an. Der Sekretär des nationalen Sicherheitsrats der Ukraine, Oleksij Danilow, sagte: "Die Besetzer versuchen unsere Verteidigung zu durchbrechen. Zum Glück hält unser Militär stand. Sie haben nur zwei Städte passiert: Kreminna und einen anderen kleinen Ort."

Der Militäradministrator der Region Luhansk, Serhij Haudau, sagte, Kreminna sei unter schweres Artilleriefeuer gekommen. Die Russen hätten die Stadt erobert, nachdem sie "alles eingeebnet" hätten, sagte er im ukrainischen Fernsehen. Bei Facebook erklärte er: "Es ist die Hölle. Die Offensive, von der wir seit Wochen sprechen, hat begonnen". Es gebe Kämpfe in Rubischne und Popasna und "unaufhörlich Kämpfe" in anderen bis dahin friedlichen Städten.

Tote und Verletzte in Kreminna und Charkiw

Bei dem Versuch, aus Kreminna zu fliehen, wurden demnach vier Zivilisten von russischen Soldaten getötet. Vier weitere Zivilisten seien rund 20 Kilometer östlich von Kreminna in der Region Donezk getötet worden, teilte der dortige Gouverneur Pawlo Kyrylenko auf Telegram mit.

Beim Beschuss der ostukrainischen Großstadt Charkiw sind ukrainischen Angaben zufolge drei Menschen getötet und 15 verletzt worden, darunter ein 14 Jahre altes Kind. "Die Granaten fielen direkt vor Häuser, auf Kinderspielplätze und in die Nähe von humanitären Hilfsstellen", teilte der Gouverneur des Gebiets, Oleh Synjehubow, mit. Er warf der russischen Armee einen Angriff auf Zivilistinnen und Zivilisten vor.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Pentagon: Russland verstärkt Militär im Osten und Süden

Auch nach Informationen des US-Verteidigungsministeriums verstärkt Russland seine Truppen im Osten und Süden der Ukraine deutlich. In den vergangenen Tagen seien mehr als zehn sogenannte taktische Kampfverbände dorthin verlegt worden, sagte der Sprecher des Verteidigungsministeriums, John Kirby. Das russische Militär fliege zudem mehr Luftangriffe im Donbass und auf die Hafenstadt Mariupol.

Die Eroberung weiterer Teile des Donbass würde es Russland ermöglichen, einen südlichen Korridor zu der 2014 annektierten Krim-Halbinsel herzustellen. In Mariupol haben russische Truppen nach ukrainischen Angaben damit begonnen, die letzte große Bastion der verteidigenden Einheiten der Stadt mit bunkerbrechenden Waffen zu beschießen.

Der Kommandeur des ultranationalistischen Asow-Regiments der Nationalgarde, Denys Prokopenko, sagte in einer Videobotschaft, die Russen setzten die schweren Waffen ein, obwohl sie wüssten, dass auch viele Zivilistinnen und Zivilisten Schutz in dem weitläufigen Gelände des Asow-Stahlwerks gesucht hätten.

In der weitgehend zerstörten Stadt sollen noch mehr als 100.000 Einwohnerinnen und Einwohner ausharren. Über Fluchtkorridore können sie derzeit nicht die Stadt verlassen. Die stellvertretende Ministerpräsidentin Iryna Wereschtschuk sagte, die russische Weigerung, sichere Fluchtwege zu öffnen, könne Kriegsverbrecherprozesse begründen. Russland erklärte hingegen, "Neonazi-Nationalisten" auf ukrainischer Seite erschwerten Evakuierungen.

Klitschko: Kiew weiter von Angriffen bedroht

Auch die ukrainische Hauptstadt Kiew ist nach Einschätzung von Bürgermeister Vitali Klitschko weiterhin von russischen Angriffen bedroht. "Kiew war und bleibt ein Ziel des Aggressors", teilte Klitschko per Telegram mit. Er rate den geflohenen Einwohnerinnen und Einwohnern der Metropole dringend, lieber an einem sichereren Ort zu bleiben.

"Aufgrund der militärischen Daten und der jüngsten Entwicklungen können wir nicht ausschließen, dass Kiew weiterhin von Raketenangriffen bedroht ist", so Klitschko. Auf einige Bezirke seien zuletzt Raketen abgefeuert worden. "Daher können wir die Sicherheit in der Stadt nicht garantieren." Es gebe weiterhin viele Kontrollpunkte in Kiew und auch eine nächtliche Ausgangssperre.

Auch aus dem Westen der Ukraine wurden Angriffe gemeldet. Bei Raketenangriffen auf Lwiw, wo sich viele Geflüchtete aufhalten, wurden nach ukrainischen Angaben mindestens sieben Menschen getötet. Nahe Lwiw zerstörte die russische Armee nach Angaben des russischen Verteidigungsministeriums ein großes Waffendepot, in dem aus dem Westen gelieferte Waffen gelagert gewesen sein sollen. 

Erste US-Waffen aus neuem Hilfspaket angeliefert

Unterdessen trafen die ersten Waffenlieferungen aus dem neuen militärischen Hilfspaket der USA für die Ukraine an den Grenzen des Landes ein. Vier Flugzeuge hätten militärisches Gerät für die Ukraine angeliefert, teilte ein hochrangiger Vertreter des US-Verteidigungsministeriums mit, der nicht namentlich zitiert werden wollte. Ein fünfter Flug werde in Kürze folgen.

Das Weiße Haus hatte zuvor die neue Militärhilfen im Volumen von 800 Millionen US-Dollar (etwa 737 Millionen Euro) für den Kampf der ukrainischen Streitkräfte gegen die russischen Invasionstruppen angekündigt. Zu dem neuem Hilfspaket gehören nach Angaben der Nachrichtenagentur AFP 18 155-Millimeter-Haubitzen, 200 gepanzerte Personentransporter vom Typ M113, elf Mi-17-Hubschrauber, 100 weitere Panzerfahrzeuge sowie Artilleriemunition. Pentagon-Sprecher Kirby sagte, an der Ostflanke der NATO stationierte US-Soldaten sollten "in den nächsten paar Tagen" damit beginnen, ukrainische Militärs an den 155-Millimeter-Haubitzen auszubilden.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 18. April 2022 um 23:40 Uhr.