Innenansicht eines eingestürzten, zerstörten Raums, Steine liegen auf dem Boden | Joachim Angerer/WDR

Ukraine Früher Touristenort, heute Geisterdorf

Stand: 17.05.2021 06:22 Uhr

Schyrokyne lebte einmal gut vom Tourismus - die Kämpfe in der Ost-Ukraine haben aus dem Strandort ein Geisterdorf gemacht. Noch heute ist die Frontlinie nicht weit entfernt, und die Bewohner der Region fürchten neue Kämpfe.

Von Jo Angerer, ARD-Studio Moskau, zzt. Kiew

Ein weiter Sandstrand, familienfreundlich gelegen am flachen und warmen Asowschen Meer - man könnte auf die Idee kommen, in Schyrokyne nahe der ostukrainischen Hafenstadt Mariupol Urlaub zu machen.

Jo Angerer ARD-Studio Moskau

Doch jeder Gedanke an kleine Strandhotels und Terrassen mit Zugang zum Strand, an Sonnenuntergänge und Cocktails wird jäh von der Gegenwart eingeholt. "Vorsicht! Den Strand nicht betreten, Lebensgefahr!", ruft der Offizier der ukrainischen Armee, der das ARD-Team begleitet.

Denn der Strand ist möglicherweise vermint - niemand weiß das genau. Beim Erkunden der Hotelruine ist äußerste Vorsicht geboten; nicht-explodierte Granaten könnten unter den Trümmern liegen. Das Hotel, die Häuser, das ganze Dorf, alles ist fast vollständig zerstört. Granaten haben Löcher in die Häuserfassaden gerissen, Dächer sind eingestürzt. Von der Hotelküche ist wenig übriggeblieben, auf dem ehemaligen Spielplatz verrosten die Kinderschaukeln. Wie zum Hohn hat irgendwer Cocktail-Gläser auf eine Mauer gestellt.

Kein Frieden in Sicht

Schyrokyne liegt in der Region Donetsk, nur wenige hundert Meter von der Frontlinie entfernt. Dort kämpfen pro-russische Separatisten, mehr oder minder offen von Russland unterstützt, gegen die ukrainische Armee. Es ist ein Krieg, der im Westen weitgehend vergessen ist. Seit 2014 wurden in den Regionen Donetsk und Luhansk mehr als 13.000 Menschen getötet. Völkerrechtlich gehören beide Regionen zur Ukraine, die Separatisten wollen den Anschluss an Russland. Jeden Tag wird geschossen, Frieden ist nicht in Sicht.

In Schyrokyne lebten einst 1500 Menschen, und sie lebten gut, von der Landwirtschaft und vom Tourismus. Es gab eine Schule, vier Lebensmittelgeschäfte, einen Möbelladen und sogar eine Brauerei. Bereits zu Sowjetzeiten konnte man hier in einem Feriencamp Urlaub machen. Später vermieteten die Einwohner Zimmer an die Touristen. Und die kamen gerne. Aus der Ukraine, aber auch aus Russland.

In den Kämpfen 2014 bis 2016 wurde das Dorf zu einem Großteil zerstört. Die wenigen Häuser, die noch stehen, sind unbewohnbar. Die Menschen flohen, an Wiederaufbau ist nicht zu denken. Das einstmals blühende Schyrokyne ist zum Geisterdorf geworden. Besuchen darf man es nur mit Genehmigung und in Begleitung der ukrainischen Armee. Schutzweste und Helm sind Pflicht.

Eine verrostete Schaukel steht an einem Strand | Joachim Angerer/WDR

Den Gezeiten und dem Rost überlassen: In Schyrokyne schaukeln keine Kinder mehr. Bild: Joachim Angerer/WDR

Besucher sind selten geworden

Viele Menschen aus Schyrokyne sind während der schweren Kämpfe ins Nachbardorf geflohen. Auch dieses Dorf lebte vom Tourismus, auch hier wurde viel zerstört, wenn auch nicht so schlimm wie bei den Nachbarn.

Leonid, 67 Jahre alt, vermietete früher Zimmer an Touristen, es kamen ja auch genug - heute wundert er sich, wenn fremde Autos in seinen Ort kommen. Leonid lebt jetzt vom Fischfang. Die kleinen Fische legt er in Salz ein, im Garten baut er etwas Gemüse an, seine Felder kann er aber nicht betreten - überall die roten Schilder: Minengefahr!

In seinem Haus hatten Granaten das Dach zerstört, er reparierte es selbst. "Es scheint, die Leute haben sich an den Krieg gewöhnt, glauben, dass er bald zu Ende ist", schimpft er. "Aber nein! Erst gestern haben sie wieder geschossen."

Ein Warnschild mit Totenkopf steht auf einer Wiese in der Nähe der Frontlinie. | Joachim Angerer/WDR

Jeder weitere Schritt kann lebensgefährlich sein: Auf den Feldern in der Regionen warnen Schilder vor Minen. Bild: Joachim Angerer/WDR

Der Traum vom Frieden

Die 69-jährige Liudmyla, Leonids Nachbarin, hat es schwerer getroffen. "Alles war zerstört", erzählt sie. "Das Dach, die Garage, die Fenster, die Türen. Die Möbel lagen auf der Straße. Drei direkte Treffer." Liudmylas Mann erlitt einen schweren Herzanfall. Niemand konnte helfen, er starb.

Sie selbst hat durch die Explosionen in jener Nacht einen Gehörschaden davongetragen. "Ich wünsche mir nur Frieden. Ich wünsche, dass die Präsidenten beider Seiten sich an den Tisch setzen und verhandeln. Damit das zu Ende geht. Damit ich nicht mehr zu Bett gehe und darüber nachdenken muss, ob ich wieder aufwache oder nicht. Ob ich beschossen werde oder nicht."

Doch an Frieden in der Ostukraine ist nicht zu denken. Im Gegenteil: Durch die jüngsten Manöver der russischen Armee im Grenzgebiet haben sich die Spannungen verstärkt.

Rostige Hütten an einem Strand | Joachim Angerer/WDR

Bild: Joachim Angerer/WDR

Über die Lage an der Front in der Ostukraine berichtet der Weltspiegel am kommenden Sonntag, 19.20 Uhr, im Ersten

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 16. Mai 2021 um 22:45 Uhr.