Eine Frau, die aus Irpin evakuiert wurde, weint, als sie am Stadtrand von Kiew in der Ukraine ankommt. | AP

Krieg gegen die Ukraine Die Hölle von Irpin

Stand: 31.03.2022 11:44 Uhr

Die Menschen in der Ukraine fliehen weiter aus den umkämpften Gebieten. In der Stadt Irpin sollen Leichen auf den Straßen liegen, es gibt Berichte über Missbrauch und Demütigungen.

Von Bernd Musch-Borowska, z.Zt. in Lwiw

Nach wochenlangen Kämpfen in Irpin haben ein paar Dutzend Einwohner der Stadt, die westlich von Kiew liegt, endlich einen sicheren Zufluchtsort erreicht. Die Nachrichtenagentur Reuters veröffentlichte Filmmaterial von der Ankunft eines Flüchtlingskonvois in einer Stadt außerhalb der Kampfzone.

Sie habe vier Menschen beerdigt, sagt Yulia Kalmutska. Ihren Vater und außerdem zwei junge Männer aus der Nachbarschaft, die sich nicht schnell genug vor den Maschinengewehr-Salven der Russen in Sicherheit bringen konnten, und eine alte Frau, die gerade beim Kochen war, als auf sie geschossen wurde.

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Irpin in Trümmern

"Wir rannten um unser Leben"

"Wir hatten uns im Keller versteckt", sagt Kalmutska. "37 Leute waren wir. Draußen ratterten die russischen Maschinengewehre, dann geriet das Gebäude in Brand. Wir rannten um unser Leben, aber alle von uns haben es geschafft."

"Sechs Meter von uns entfernt hat ein Panzer geschossen", ruft ein Mann dazwischen. "Ich bin noch ganz taub von dem Knall."

Leichen werden von den Straßen gesammelt

Auf Filmmaterial verschiedener Nachrichtenagenturen waren Rettungskräfte zu sehen, die Leichen von den Straßen in Irpin einsammelten, während im Hintergrund noch Explosionen und Granatwerfer zu hören waren.

Seit Beginn des Krieges seien in Irpin mindestens 200 Menschen ums Leben gekommen, sagte der Bürgermeister der Kleinstadt, Oleksandr Markhushyn, bei einer Pressekonferenz in der ukrainischen Hauptstadt. Unter den Trümmern der Häuser gebe es bestimmt noch viele Tote.

Berichte über Missbrauch von Frauen

In den Parks und entlang der russischen Schützengräben seien Minen-Sprengfallen gelegt worden, so Markushyn. Die ukrainischen Soldaten seien dabei, alles zu überprüfen und die Sprengsätze zu entfernen.

"Ich habe mit Einwohnern gesprochen, die sich in den Kellern versteckt hatten", erzählt Markhushyn. "Die haben mir berichtet, sie seien von den Russen gezwungen worden, sich auszuziehen, sie wurden durchsucht, und es gab auch Berichte über Missbrauch von Frauen. Die Frauen und die Männer wurden getrennt. Sie sollten als Austauschmasse dienen, hieß es, für gefangene Soldaten. Furchtbare Geschichten."

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Minen am Straßenrand

Furchtbare Geschichten berichten auch Flüchtlinge aus anderen Orten in den umkämpften Gebieten, die nach Lwiw gekommen sind, um weiter nach Polen zu reisen.

Larysa Holovata war mit einem Autokonvoi aus den umkämpften Ortschaften im Süden des Landes in die Großstadt Saporischschja geflohen: "Die Autofahrt war furchtbar. Überall lagen Leichen herum, die niemand wegräumte. Und am Straßenrand gab es Minen, auch die Felder neben den Straßen waren vermint, sogar mitten auf der Straße lag eine. Unser Fahrer sagte, wie soll ich denn da fahren, wenn es überall Minen gibt?"

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. | ISW/30.03.2022

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. Bild: ISW/30.03.2022

Mehr als 100.000 Menschen in Mariupol

Inna Kovets, eine junge Mutter, ist mit ihren Kindern aus Donezk geflüchtet, als die Kämpfe um den Donbass verstärkt wurden. "Mein Baby ist am 17. Februar geboren, am 21. Februar bin ich aus dem Krankenhaus entlassen worden, und drei Tage später fing der Krieg an", erzählt die junge Mutter. "Erst hatten wir uns im Keller versteckt, aber dann ist mir klar geworden, dass das einfach so nicht geht mit dem Baby und dass wir fliehen müssen. Wir hatten gerade eine Wohnung gekauft und eingerichtet. Und jetzt ist alles weg."

Auch für die schwer umkämpfte Stadt Mariupol, südlich des Donbass, soll heute ein humanitärer Korridor eingerichtet werden, damit weitere Zivilisten die Stadt verlassen können. Über 100.000 Menschen sollen sich noch in der unablässig bombardierten Stadt aufhalten, obwohl es dort kaum noch Lebensmittel geben soll.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 31. März 2022 um 08:27 Uhr.