Dieses Foto soll einen ukrainischen Soldaten an der Front im Großraum Charkiw zeigen. | EPA

Krieg gegen die Ukraine "Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit"

Stand: 10.06.2022 02:48 Uhr

Ohne Waffenlieferungen aus dem Westen mangele es der ukrainischen Armee an Feuerkraft, stellt Analyst Gressel in den tagesthemen fest. Der ukrainische Präsident Selenskyj vermeldete kleine Erfolge.

Der Militärexperte Gustav Gressel schätzt die Situation der ukrainischen Armee ohne schnelle Nachschublieferungen aus dem Westen als sehr schwierig ein. Die russische Armee habe nicht nur eine große Artillerieüberlegenheit, sondern auch viel größere Munitionsvorräte, sagte er im Interview mit den tagesthemen. Die ukrainische Rüstungsindustrie sei hingegen durch russische Angriffe weitgehend zerstört worden.

Zögerliche Hilfe aus dem Ausland

Die angekündigte Militärhilfe aus dem Westen komme zäh, wenig und langsam, so der Experte beim European Council On Foreign Affairs in Berlin. "Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit", so Gressel. "Es ist schwierig, es ist noch nicht unmöglich."

Wenn man sich vor Augen führe, dass die Frontlinie rund 1000 Kilometer lang sei und an verschiedenen Orten intensiv gekämpft werde, relativiere sich auch die Anzahl von etwa 90 US-Haubitzen. "Die verlieren sich in einem so großen Land in der Landschaft sehr schnell."

Der Ukraine mangelt es an Feuerkraft

Die ukrainische Armee habe weniger einen Mangel an Kämpfern, sondern Probleme bei Feuerkraft und Mobilität. Für erfolgreiche Gefechte seien zum Beispiel Kampf- und Schützenpanzer sowie Artilleriegeschütze nötig.

Gressel macht nach mehr als 100 Tagen Krieg gegen die Ukraine in vielen westlichen Staaten bereits eine "gewisse Müdigkeit" aus. Dies verzögere vermutlich auch Waffenlieferungen.

Selenskyj meldet Erfolge bei Charkiw

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sprach in seiner abendlichen Videobotschaft von einigen positive Nachrichten aus der südöstlichen Region Saporischschja. Dort sei es ukrainischen Streitkräften gelungen, russische Truppen abzuwehren. Außerdem rücke das ukrainische Militär in der Region Charkiw vor.

Ein Schwerpunkt der Gefechte liegt noch immer in der Stadt Sjewjerodonezk. Dort liefern sich ukrainische und russische Soldaten erbitterte Häuserkämpfe.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Die ukrainische Armee soll zudem die benachbarte Stadt Lyssytschansk weiter befestigen. Die Region ist der letzte Teil der Region Luhansk, die noch nicht von Russland kontrolliert wird. Beide Seiten kennen den hohen symbolischen Wert der Region an, was die erbitterten Gefechte zumindest in Teilen erklärt.

Einige westliche Militärexperten sind der Meinung, dass die ukrainische Armee dort ein großes Risiko eingeht. Sollte es russischen Einheiten rund um Popasna gelingen, weiter vorzustoßen, wäre die Region um Sjewjerodonezk und Lyssytschansk eingekesselt. Die dortigen ukrainischen Kräfte könnten dann nicht mehr versorgt werden.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 09. Juni 2022 um 22:15 Uhr.